Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 441 Nr. 26 Dt. Blocks Wochenschrift. An der Wand des Hauses sieht man ein Plakat, enthaltend das zur Zeit der allgemeinen Pogroms eben erlassene und massenhaft verbreitete Manifest, in dem der Zar die Konstitution verkündet und die Unverletzbarkeit von Eigentum und Leben proklamiert. Die Jury, der Ausstellung im Glaspalast hatte das Gemälde als künstlerisch einwandfrei erachtet und es zugelassen. Es erweckte durch sein Thema die allgemeine Aufmerksamkeit, und dem Künstler kamen zahlreiche Gratulationen zu. In dem Briefe, den jetzt plötzlich nach einem ganzen Monat die Verwaltung des Glaspalastes an den Maler richtet, wird die sofortige Entfernung des Bildes verlangt. Die Direktion erklärt sich gezwungen, auf die unverzügliche Räumung zu dringen, weil das Gemälde einen politischen, tendenziösen Inhalt habe, und fragt den Maler, welchem Spediteur das Bild übergeben werden soll oder wie er sonst darüber verfüge. Die Maßnahme erfolgt über Einspruch von russischer diplomatischer Seite, da diese in der Erinnerung an den Kiewer Pogrom von 1905 einen Hinweis auf die jüngsten Vorkommnisse, die Austreibungen von 1000 Familien, erblickte. Die Krakauer Künstler beabsichtigen einen Protest gegenüber der Leitung des Glaspalastes, weil diese sich von Erwägungen unkünstlerischer Natur beeinflussen lasse. Fabianski, der ein Jahr lang an dem Gemälde arbeitete, hat in den letzten Tagen bereits Kaufangebote auf das Bild erhalten. Pogromdrohungen in Kiew. Eine Depesche aus Kiew vom 25. Juni besagt: Die Pogrompropaganda nimmt hier wiederum bedrohliche Formen an. Ein Mönch verteilt auf den Straßenbahnen aufwieglerische Proklamationen, die von dem von allen Gläubigen verehrten Lawrakloster herausgegeben sind:- Gestern begannen sogar zwei Hooligans im Mittelpunkt der Stadt alle vorübergehenden Juden zu verhauen, aber die Sache hatte keine weitern Folgen. Jedenfalls Häuft sich der Zündstoff in gefährlichem Maße. Berlin, 28. Juni. Gestern ist es den jahrelangen Bemühungen des Vorsitzenden des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes Prof. Dr. Philippsohn gelungen, im Verein mit der „Alliance Jsraölite" und dem Hilfsverein der deutschen Juden eine Zentralstation der jüdischen Wandererarmenfürsorge herbeizuführen. In einer Versammlung ist die deutsche Zentralstelle für jüdische Wandererarmenfürsorge begründet worden. Ihr Zweck besteht hauptsächlich darin, die Auswanderer und Rückwanderer möglichst schnell durch Deutschland hindurchzubringen und die einheimischen und fremden Bettler durch Arbeitsnachweis zur Arbeit zu erziehen. Grenzbureaus sollen sich besonders der jüdischen Armen aus dem Auslaude annehmen. Die Organisation ist so geregelt, daß in Berlin eine Zentralkasse und in den Provinzen Landeskassen errichtet werden. Das füufrrudzwarrzigjährige Jubiläum der „Alliance Jsravlite Universelle". In den ersten Tagen letzten Monats war ein Vierteljahrhundert verstrichen, seitdem die Begründung der „Alliance Jsraslite Universelle" beschlossen und durch nachstehenden „Aufruf an alle Israeliten" zum Anschluß an die junge Organisation aufgefordert wurde: „Israeliten! Wenn Ihr, zerstreut über alle Enden der Erde und unter die Nationen gemischt, von Herzen der alten Religion Eurer Väter anhanget, so schwach im übrigen das Band auch sein mag, dar Euch daran knüpft; wcun Ihr Eueren Glauben nicht verleugnet, Eueren Kultus nicht verberget und über Euere Abstammung, die nur schwache Seelen drückt, nicht errötet; wenn Ihr die Vorurteile, unter denen wir immer noch leiden, die Anschuldigungen, die man verallgemeinert, die stets von Neuem wiederholten Lügen und Verleumdungen, die Mißbräuche der Justiz, die man duldet, die Verfolgungen, die man rechtfertigt oder entschuldigt, verachtet; wenn Ihr glaubt, daß die älteste und einfachste der spiritualistischen Religionen ihren Platz behaupten, ihre Mission erfüllen, ihr Recht verkünden, ihre Lebenskraft in der großen, immer mehr wachsenden Jdeenbewegung, in den immer heißeren Kämpfen der Theorien der modernen Gesellschaft dartnn muß; wenn Ihr glaubt, daß die erhabene Idee und der strenge Kultus eines einzigen Gottes, deren altbewährte Träger und unerschütterliche Verteidiger wir sind, mehr als jemals vor den eigennützigen Berechnungen, vor den Angriffen des Zweifels und der Indifferenz, geschützt werden müssen; wenn Ihr glaubt, daß die Gewissensfreiheit, dieses LrbenSelement der Seele, nirgends beffer für alle Menschen behütet wird, als in den Staaten, wo die Juden sie vollständig besitzen; wenn Ihr glaubt, daß das Bekenntnis der Väter für Jeden ein heiliges Erbteil, daß der Herd, das Gewissen unverletzlich sind, daß man nicht mehr aufs Neue sehen möchte, was man erst jüngst gesehen hat; wenn Ihr glaubt, daß die Vereinigung ein Gut sei. daß Ihr, obgleich den verschiedenen Nationen angehörend, dennoch außerhalb aller Parteien, Euere Gefühle. Wünsche und Hoffnungen in eine Gemeinschaft bringen könnt; wenn Ihr glaubt, daß Ihr auf gesetzlichen Wegen-durch die unbrzwingliche Macht des Rechts und der Vernunft, ohne irgend eine Verwirrung zu verursachen, ohne irgend eine Macht zu beunruhigen, ohne einen anderen Zorn zu erregen, als den der Unwiffenheit. des Unglaubens und des Fanatismus, durch Euere Arbeit und Euere unleugbare Befähigung vieles erlangen und vieles dafür zurückgeben könnet; wenn Ihr glaubt, daß eine große Anzahl Euerer von zwanzig Jahrhunderten des Elends, der Beschimpfung und der Verbannung niedergedrückten GlaubenSgenoffen ihre Menschenwürde und Bürgerwürde zurvckerobern können; wenn Ihr glaubt, daß eS Pflicht ist. diejenigen, die entartet sind, zu bessern, nicht aber sie zu verdammen, diejenigen, die verblendet sind, aufzuklären, nicht aber fallen zu lasten, diejenigen, die gebeugt sind, aufzurichten, nicht aber sich zu begnügen, sie zu beklagen, diejenigen, die verleumdet werden, zu verteidigen, nicht aber zu schweigen. Allen zu helfen, die verfolgt sind, nicht aber bloß über die Verfolgung zu schreien; wenn Ihr glaubt, daß die heute zerstreuten Hilfsquellen, vereinzelten Arbeitskräfte, Einflüsse ohne genügende Tragweite, Willensmetnungen ohne Richtung, Bestrebungen ohne bestimmten Inhalt durch ihre Vereinigung eine brffere Anwendung finden und die Tätigkeit aller an allen Enden der Welt fühlbar machen können; wenn Ihr glaubt, daß eS eine Ehre für Euere Religion, eine Lehre für die Völker, ein Fortschritt für die Menschheit, ein Triumph für die Wahrheit und für die allgemeine Vernunft fein, wird, alle lebendigen Kräfte des Judentums, klein an Zahl, groß durch die Liebe und den Willen für das Gute, sich vereinigen zu sehen; wenn Ihr endlich glaubt, daß der Einfluß der Grundsätze des Jahres 1789 ln der Welt allmächtig ist, daß das aus ihnen entfließende Gesetz ein Gesetz der Gerechtigkeit darstellt, daß zu wünschen sei, daß sein Geist überall eindringe und daß das Beispiel der Völker, welche eine vollständige Religionsfreiheit genießen, eine Macht bedeutet — wenn Ihr alles dies glaubt, Israeliten der ganzen Welt, dann kommet, vernehmet unseren Aufruf, gewähret uns Euere Zustimmung, Euere Mithilfe! Das Werk ist groß und vielleicht gesegnet: Wir gründen die „Alliance JsraSlite Universelle" l" Dieser Aufruf war von folgenden Mitgliedern der „provisorischen Organisations-Kommission" unterzeichnet: Rabbinats-Adjunkt Aristide Astruc, Prof. Isidore Cahen, Herausgeber der „Archives Jsraölites", Ingenieur Jules Carvallo, Advokat Narcisse Leven, Prof. Eugöne Manuel und Charles Netter. Als Zweck der Organisation wurde in Artikel I der Statuten festgesetzt: „1) Ueberall an der Emanzipation und dem sittlichen Fortschritt der Israeliten zu arbeiten; 2) Denen, die in ihrer Eigenschaft als Israeliten leiden, wirksamen Beistand zu leisten; 3) jede diesem Zwecke dienende Publikation zu unterstützen." Der erste Präsident des Zentral-Komitees war von 1861 — 1863 L. I. Königswarter; ihm folgte Adolphe Cremieux, der mit einjähriger Unterbrechung (1866—1867), während welcher Zeit Prof. Salomon Munk die Leitung hatte, bis zu seinem Tode (Februar 1880) dem Amte seine einzigartige Genialität und begeisternde Initiative widmete. An seine Stelle trat nach einjährigem Interregnum S. H. Goldschmidt und ihn löste im Jahre 1899 der bisherige Vizepräsident (seit 1888) Narcisse Leven ab, der als der einzige Ueberlebende unter den Begründern bis zur Stunde an der Spitze des Zentral-Komitees steht und hoffentlich noch recht lange stehen wird. Das Ehrenpräsidium hatten die Oberrabbiner Isidore (seit 1870) und Zadoc Kahn (1888—1905), der an der Wirksamkeit der „Alliance" den hervorragendsten tätigen Anteil nahm und sich auch hier als der allezeit arbeitsfreudige, warmherzige Helfer, zumal wenn es die Förderung literarischer Unternehmungen galt, bewährt hat. In dem stattlichen Kreise von Männern, welche ihre Einsicht und Tatkraft für die Organisation einsetzen, A Cröhange, Sakki Kann, Löonce Lehmann rc., verdienen