Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 4L« Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 26 ' Erziehung und Unterricht können sie entwickeln, fördern und stärken. Erziehung und Unterricht! Jene ist das Wichtigere, die Hauptsache. Sie wirkt durch Beispiel und Belehrung, erfolgt aber ausschließlich im Elternhause. Und da setzt das Uebel ein. Die Zahl, jener jüdischen Häuser, wo Frömmigkeit gepaart mit feiner Bildung und edler Sitte das Leben zu einem unendlich schönen, friedlichen und allseitig harmonischen gestaltet, ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Es lag etwas wie zarter Hauch über diesen Hausern, wie Blumentau, — das der vielgepriesene moderne Geist hinweggefegt hat. Das Elternhaus bildet jetzt die Jugend keineswegs zu guten Juden heran. Unsere Knaben werden in wohlhabenden Häusern zu tüchtigen Eisläufern, Tennisspielern, Reitern und Automobillenkern herangebildet und der einzige „Aufschwung", der ihnen noch winkt,, ist der — im Luftschiff; — indeß die Knaben aus armen Hausern sich in den freien Stunden ohne Aufsicht als Gassenjungen in den Straßen herumtreiben. Da muß also die Gemeinde einsetzen und durch Unterricht die mangelhafte Erziehung korrigieren. Zugegeben, daß dies möglich, wie müßte ein solcher Unterricht ausschauen? Er müßte ein umfassender sein! Die hebräische Sprache müßte als solche gründlich gelernt, das Schrifttum fleißig studiert werden, damit man die Fähigkeit erlange, die reichen Schätze unserer Literatur selber zu heben und in sich aufzunehmen. Damit, daß man den Knaben die mechanische Uebersetzung von p n nn# und "pna jn pn mit schwerer Mühe beibringt, macht man keine guten Juden. Und mehr kann die Schule nicht leisten in zwei Stunden wöchentlich! Ich höre schon manch zärtliche Mutter — und alle Mütter sind zärtlich, besonders wenn es sich um das Gespenst der geistigen Ueberbürdung handelt — ich höre sie entsetzt ausrufen: Wie? sollen unsere Kinder bei den Büchern verkümmern und gar keine Leibesübungen treiben? Pardon! meine Gnädigste, auch wir waren einst Knaben und haben auch Ball gespielt und sind auf die „Schleife" gegangen; nur war das nicht so programmatisch wie jetzt; die Anglomanie war nicht so epidemisch wie heutzutage. Wir hatten zu allem Zeit. Zudem droht keineswegs die Gefahr eines mehr als wöchentlich zweistündigen Religionsunterrichtes, dagegen würde die oberste Unterrichtsverwaltung ein Veto einlegen uud dafür, daß sie ja rechtzeitig eingreife, würden schon Väter aufs eifrigste sorgen. Kommen wir zum Schluffe. Gute Juden können nur im Elternhause herangezogen werden. Wo dies nicht der Fall ist, da kann die Schule gar nichts machen. Bleibt also die G emeindeschule. Diese hätte nur einen bedingten Wert. Kinder aus jenen Häusern, denen zu Hause jene Vorbilder fehlen, die sie zu guten Juden machen können, würden nicht hingeschickt werden; die übrigen — und die sind in der Minderzahl — die zumeist arm, verließen zu früh die Schule, als daß die Lehre feste Wurzesn fassen könnte; sie müssen ja frühzeitig einem Erwerb nachgehen. Die Schule könnte nur jenen sehr Reichen nützen, die schon im Elternhause die besten Beispiele und Lehren empfangen und in der Schule nur noch den Unterricht im Hebräischen bekommen würden. Ob es sich verlohnt, da eigene Schulen zu schaffen und zu erhalten — mit einer Schule wäre da nicht viel erreicht — darüber maße ich mir kein Urteil an. Darüber hat ein Berufenerer gesprochen und mögen noch andere Berufene sprechen. Dr. Ad. Kapralik. Korrespondenzen. Budapest. (F r e isp ru ch in einem Preßpro z e ß.) Am 25. v. M. wurde nach zweitägiger Verhandlung der Schwurgerichtsprozeß, den der Sektionsrat im Ministerium für Kultus und Unterricht Bela M a k a y gegen den Redakteur des Organs für jüdischkonfessionellc Jntereffen „Egyenlöseg" (Gleichheit), Max S z a b o l c s y, angestrengt hatte, beendet. Szabolcsy hatte einen Artikel veröffentlicht, worin er gegen den Sektionsrat, der als Referent für jüdische Kultusangelegenheiten fungierte, die heftigsten Angriffe richtete und unter anderm erklärte, der Sektionsrat chikaniere die jüdischen Kultusorzane. Der Verteidiger Dr. B r o d y trat den Wahrheitsbeweis für die auf die Amtsführung des Sektionsrates bezüglichen Anschuldigungen an. Die Geschworenen erachteten den Wahrheitsbeweis für erbracht und verneinten die Schuldfragen, worauf der Angeklagte freigesprochen wurde. Ignaz Goldziher. Aus Budapest wird uns gemeldet: kürzlich hat der hiesige .Universitätsprofessor Ignaz Goldziher, einer der hervorragendsten Gelehrten aus dem Gebiete der orientalischen Wissenschaften, zugleich aber auch der größte Kenner der Islamkunde, seinen 60. Geburtstag gefeiert. Eine Deputation von Gelehrten, unter Führung der Professoren Gustav Heinrich, Eduard Mahler und Josef Szinnyei, begab sich in die Wohnung des hochverdienten Jubilars Md überreichte ihm eine Begrüßungsadresse, die von etwa 200 der namhaftesten Orientalisten unterfertigt ist. Man findet darunter die Namen: Leo Reinisch, D. H. Müller und Josef Karabacek aus Wien; Nöldeke, Littmann und Euting aus Straßburg; Berold aus Heidelberg. Becker aus Hamburg, Bevau aus Cambridge, Sayceaus Oxford, Friedrich Delitzsch aus Berlin, De Vogue aus Paris, Schiaparelli und Gubernatis aus Rom, Iastrow aus Baltimore ufw. Zugleich mit her Adresse wurde ein Album überreicht, welchem die von den gelehrten Kollegen anläßlich ihrer Zustimmung zur Begrüßungsadresse eingelangten Zuschriften eingereiht wurden. Unter denselben befinden sich Begrüßungen jn deutscher, französischer, englischer, italienischer und spanischer Sprache, aber auch solche in arabischer, hebräischer, syrischer, assyrischer, äthiopischer, koptischer und persischer Sprache: selbst das Sanskrit fehlt nicht. Eine Reihe von .Gelehrten hatte dem Jubilar ihre soeben erschienenen Werke gewidmet. Den Schluß der im engsten Kreise begangenen Feier bildete die 'llebetreichung einer von den Schülern verfertigten Festschrift. Ein jüdisches Gymnasium in Budapest. Das jüdische Obergymnasium in Budapest, für welches schon seit Jahren drei große Stiftungen im Gesamtwerte von mehr als 2 Millionen Kronen zur Verfügung stehen, wird nun im Laufe des nächsten Schuljahres eröffnet werden. Der Aufsichtsrat des Stiftungs-Obergymnasiums der Pester israelitischen Religionsgemeinde läßt jetzt die Baupläne und den Kosteuvoranschlag ausarbeiten. Das Elaborat des Universitätsprofessors Moritz Karman über die Organisation, die Richtung des Unterrichtes und den Stundenplan wurden angenommen. Diejenigen, die auf die Stelle des Direktors reflektieren, haben ihr Tätigkeitsprogramm schriftlich abzufassen und bis zum 31. Oktober l. I. dem Oberrabbiner Dr. Samuel Kohn (VII., Hollo-utcza 4) einzufenden. Dieses Programm wird als Offert betrachtet. Das Karmansche Elaborat ist beim Schriftführer des Aufsichtsrates (VII., Sip-ntcza 12) erhältlich. Entfernung eines Bildes aus dem Münchener Glaspalast über russischen Einspruch. Krakau, 28. Juni. Dem polnischen Maler Fabianski, der sich derzeit in Krakau aushält, ist gestern von der Direktion des Münchener Glaspalastes die Aufforderung zugekommen, sein grckßes Gemälde „Aus dem Reiche des Zaren", das bisher unbeanstandet in der am 1. d. eröffneten Ausstellung hing, sofort zu entfernen. Jn dem Schreiben wird zugestanden, daß die Maßregel einen politischen Hintergrund habe. Das Gemälde stellt den 1905 stattgefundenen großen Pogrom in Kiew vor, bei dem es unzählige Leichen gab. Vor einem Frauenspital liegen in wirrem Durcheinander die Getöteten. Männer, Frauen und Kinder, alle mit gräßlichen Wunden und mit Blut überltrömt.