Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021900--19391-3044371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 439 Nr. 26 Dr. Blocks Wochenschrift. wesen. Daß es nun Lazarus dennoch gelang, freundschaftliche Beziehungen zu Patrizier- und Diplomatenkreisen zu unterhalten, beweist, daß Lazarus ein Genie der Persönlichkeit gewesen, ein praktischer Völkerpsychologe. Berufungen nach Zürich und Basel lehnte er ab. Lazarus verzehnfachte die Pflichten seines Berufslebens durch freiwillige Nebenleistungen humanitärer und freundschaftlicher Art. Während seines Aufenthaltes in Bern sowohl, als auch nach seinem Abgänge leistete er der Universität wahre Kousulsdienste. Bei Besetzung von Professorenstellen wandte man sich stets an ihn um Auskunft und Rat. Ein Beweis, welch großes Vertrauen man in ihn setzte, und seine Antworten zeigen auch ein auf wirklicher Humanität beruhendes Taktgefühl. Juteressant ist das Erkundigungsschreiben des ermähnten Augustin Keller über Dr. Kayserling, dem nach, maligen Budapester Rabbiner, der sich um die Rabbinerstelle in Endingen und Lengnau in der Schweiz bewarb. Es kann die Auskunft für den Aspiranten nur günstig gelautet haben, denn bald sehen wir ihn als wohlbestallten Rabbi in Endingen. Auch Leopold Zunz mit seiner weißlockigen Adelheid war längere Zeit Lazarus Gast in Bern. Zunz wollte in Parma die etwa 1000 Nummer umfassende mittelalterliche Sammlung hebräischer Manuskripte des großen Historikers De Nossi studieren. Doch hatte er eine unüberwindliche Abscheu vor der viertägigen Reise von Berlin nach Italien. Da schlug ihm Lazarus vor, als Zwischenstation Bern zu benützen zum unbegrenzten Aufenthalte. Das alte Paar verlebte dort herrliche Wochen mit täglichen Spazierfahrten in die wunderschöne Alpennatnr. Selbst an den damaligen italienischen Kultusminister Amari verschaffte er ihnen Empfehlungen. Als im Jahre 1865 die 500jährige Stiftungsfeier der Universität in Wien stattfänd, wurde Lazarus zum Deputierten der Universität Bern erwählt. Er erlebte daselbst einen Triumph durch sein phänomenales Rednertalent, wie es selten einem Manne beschieden ward. Die Uneigennützigkeit des Philosophen bezeugt die Gründung der Lazarus-Stiftung in Bern. Er hatte ein Semester urlaubshalber nicht gelesen. Trotzdem sollte, er das für diese Zeit fällige Gehalt beziehen. Er wies cs zurück. Der damalige Kultusminister aber erklärte kategorisch, daß im Budget keine Fonds für zurückgebliebene Gehälter vermerkt seien. Man einigte sich in diesem edlen Wettstreit dahin, das Geld als Grundstock für eine Stiftung auzulegen, um die Studenten zu selbständigen Arbeiten anzueifern*). Im Jahre 1866 verließ er Bern, man wollte ihm das Ehrenbürgerrecht verleihen, wenn er bliebe, doch er ging. Auch in der Ferne blieb er seinen Schweizer Freunden treu. Er nahm sich in Berlin stets schweizerischer Studenten an, deren Köpfe reicher als ihre Taschen waren. Es wird uns auch geschildert, in welch feinsinniger Weise er jungen jüdischen Gelehrten zu Stellen in der Schweiz verholfen. Am, 15. September 1894 feierte Lazarus seinen 70. Geburtstag. Dies gab Anlaß zu neuen Beweisen der Anhänglichkeit der Berner Universität an ihren früheren Lehrer. Er wurde zum Ehrendoktor der Rechte ernannt. Das Schreiben der Fakultät ist eine klassische Darstellung des Verhältnisses zwischen Jurisprudenz und Völkerpsychologie. Ein ebenso kostbares Dokument war auch die Adresse der philosophischen Fakultät. Das letzte Kapitel „Schlußakkorde" versetzt den Leser in elegische Stimmung. In schlichten, doch umso eindringlicheren Worten schildert uns die Verfasserin, wie der Freundeskreis, den wir in den vorhergehenden Kapiteln kennen gelernt und liebgewonnen, sich immer mehr lichtet. Viele waren tot, viele weggezogeu, die Jungen waren alt geworden usw. Fast wie 0 Schreiber dieser Zeilen erhielt im Jahre 1898 den Lazaruspreis für sein Werk „Soziologie, Philosophie der Geschichte und Soziologie in ihren gegenseitigen Beziehungen". Berner Studien, Band XVIII. Herausgegeben von Ludwig Stein, Bern." ein fremd Gewordener bereiste er die Schweiz, als er mit seiner Gattin Nahida seine Hochzeitsreise dahin unternahm. Das Beileidschreiben der philosophischen Fakultät zu Bern anläßlich des Todes des Philosophen bildet den Schlußakkord des Werkes. Wir haben in knappen Zügen festzuhalten gesucht diejenigen Momente von Lazarus' Schweizer-Periode, die uns als Juden besonders interessieren. Nicht unerwähnt bleibe die sanft dahiugleitende, fesselnde Schreibweise der Frau Nahida, auch darin eine würdige Schülerin Lazarus', die berufene Interpretin seines Lebens. Allen Freunden Lazarus' und Allen, die sich für das Leben unserer Großen interessieren, sei dieses Werk würmstens empfohlen. Zum Schluffe wollen wir noch einen Wunsch und einer Hoffnung Ausdruck geben. In den „Lebenserinneruugen" schildert uns die Verfasserin die literarischen Beziehungen des Philosophen in Deutschland. In dem nun besprochenen Werke seine schweizerischen. Es wäre nun wünschenswert, daß die illustre Verfasserin, die berufene Wortfühlerin von Lazarus' Vermächtnis, uns in einer Monographie das reichhaltige Leben des Philosophen vom jüdischen Standpunkte schildere. Sie kann des Beifalls des jüdischen Lesepublikums im Voraus versichert sein. E g e r (Erlau). Dr. Alois Schweiger Rabbiner. Zur Frage des Unterrichtswefens. In einem seiner gehaltvollen Artikel „Aktuelle Gemeindefragen" gibt Dr. Alfred Berger seinem Bedauern Ausdruck, daß es trotz aller Bemühungen von seiten dar Gemeindeverwaltung nicht gelingen wolle, gute Juden in der Schule heranzubilden. Gelegentlich einer andern Notiz, die ich der „Wochenschrift" zuschickte, erlaubte ich mir die kurze Bemerkung anzuschließen, daß dies der Schule nicht gelingen könne- und behielt mir vor, mich darüber des Näheren zu äußern. Wollen wir zunächst den Begriff „guter Jude" feststellen. Er ist ja nicht ganz klar und hat hüben und drüben verschiedene Bedeutung. In Rußland, Galizien, der Bukowina und in Rumänien ist der Titel „guter Jude" ausschließlich für den privilegierten Pächter des heiligen Geistes, für den „Rebben", den Wunderrabbi, reserviert. Was man in deutschen Landen einen „guten Juden" nennt, heißt dort ein „ehrlicher Jud", aber „ehrlich" hat im Osten nicht den Sinn, den ihm das deutsche Lexikon und der Sprachgebrauch hierzulande beilegen, sondern bedeutet dort einen streng nach den Satzungen der rabbinischen Schriften und der Tradition lebenden Menschen. Diese Tradition erstreckt sich bis auf die Kleidung, den Kaftan und die Sabbatmütze. Wie sollen wir nun hier den Begriff „guter Jude." verstehen? Soll er uns den Menschen bezeichnen, den Dr. A. Berger einen „Siddur-Juden" nennt, der fleißig die Synagoge besucht, auch sonst streng rituell lebt und mit diesem — man gestatte den Ausdruck — religiösen Elektrizismus seiner Pflicht als Jude und Mensch vollauf zu genügen glaubt, ohne ethische Grundsätze und humanitäre Bestrebungen? — Doch wohl nicht! — Oder sollen wir darunter — ich muß schon wieder bei Dr. Berger e'.ne Anleihe machen —. einen „Humanitäts-Juden" verstehen, der sich „was kosten läßt", sich aber über die „veralteten" Vorschriften — und alle find bei ihm veraltet, umso veralteter, je „moderner" ihn sein Besitz gemacht — hinwegsetzt? — Noch weniger. Also „Siddur- und Humanitäts-Jude" zugleich. — Das wäre schon was, aber noch immer nicht das Richtige! Ein guter Jude ist der, welchermit allen Fasern seines Herzens am Judentum hängt und nach Kräften für dasselbewirkt. Das Letztere ist eine notwendige Folge des Ersteren, wenn dieses nur vorhanden. Ist es aber vorhanden? Wir dürfen diese Frage getrost bejahen. Die Liebe zum Judentum ist eine angestammte und kommt schon mit dem Kinde zur Welt. Es ist nicht amders möglich. Es ist ein Atavismus im guten Sinne, der auf Jahrtausende zurückreicht. Aber in neunundneunzig von hundert Fällen wird diese angestammte Liebe schon im Keime erstickt und vernichtet.