Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 438 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr 26 Havanna in die Luft geflogenen Schlachtschiff, welches er kurz vor der Katastrophe verlaffen hatte, um das Kommando des Skorpion zu übernehmen. Eine enge Freundschaft verbindet ihn mit dem Präsidenten Taft, unter dem er, als dieser Generalgouverneur der Philippinen war, als Marineattachä funktionierte. In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts war Uriah P. Levy ein Kommodore in der Flotte der Vereinigten Staaten und außer diesem sowie dem ebenfalls jetzt aus dem aktiven Dienst geschiedenen Konteradmiral E. D. Taussig ist Admiral Marix der einzige Jude, der eine so hohe Stellung in der amerikanischen Marine erreichte. Die schlichte Synagoge im Sommer des Jahres 1909 der jüdischen Gemeinde von Portland Maine, sah an einem Sabbate fünf hervorragende Juden gleichzeitig in ihrem Gottesdienste. Zwei waren amerikanische Konteradmirale, Marix und Taussig, einer Mitglied von Roosevelts Ministerium, Oliver Straus, einer, der ein Ministerportfeuille unter Präsident Cleveland ausgeschlagen hatte, Isidor Straus, und einer, der Richter von Portorico, Adolf Grant Wolf." Ci« deutscher Professor in der Schweiz*) Wenn es wahr ist, daß die großen Heroen des Geistes Nur Produkte der Volksseele sind — und dieser Satz ist eines der Axiome der von Moritz Lazarus begründeten Völkerpsychologie — dann dürfen wir Juden mit Stolz auf unsere Philosophen blicken, denn wie in unfern Patriarchen, in den Propheten und in den Weisen des Talmuds spiegelt sich auch in den Schriften und im Leben der jüdischen Philosophen die wolkenlose Klarheit der jüdischen Volksseele. Ideale Harmonie zwischen Leben und Lehre, zwischen Theorie und Praxis, philosophisches Leben in schönster Konsequenz durchweht vom Geiste der Unendlichkeit ist das Charakteristischefast aller jüdischen Philosophen; dasselbe, was uns auch bei Sokrates und Kaut zur stummen Bewunderung hinreißt und desseu Gegenteil uns im Leben Schopenhauers, des Verkünders des an Ueberkultur übersatten Pessimismus, so befremdet. Es genüge zur Bestätigung unserer Behauptung nur der Hinweis auf unsere bekanntesten Philosophen, deren Schriften und Leben jedem gebildeten Glaubensgenossen mehr oder minder bekannt sind: Philo, Maimonides, Jehuda Halevi, Chasdai Crescas und — last but not least — Moritz Lazarus, den Begründer der Völkerpsychologie, der beredte Interpret des Lebens der Seele. Von diesem Gesichtspunkte aus begrüßen wir das neue Werk der Frau Nahida, das unsere Aufmerksamkeit wieder auf den letztgenannten, in jüdischen, wie uichtjüdischen Kreisen so beliebten Philosophen lenkt. Dieses Werk war ursprünglich als ein Kapitel des von der gleichen Verfasserin vor vier Jahren erschienenen Buches „Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen" gedacht; jedoch die Fülle des Stoffes und das Spezifische des Lokalkolorites dieses Stückes Schweizer Lebens von Lazarus veraulaßte die Verfasserin, es als selbständiges Werk zu' bearbeiten und durch Briefe bedeutsamer Persönlichkeiten zu ergänzen. In neun Kapiteln wird uns Lazarus auf der Höhe seines akademischen Wirkens vorgeführt, in der Vollkraft seines Schaffens. Zugleich aber ist es ein Abschnitt schweizerischer Kulturgeschichte, ein Stück lebende Völkerpsychologie. Frau Nahida hatte bei Abfassung dieses Werkes nicht den speziell jüdischen Standpunkt im Äuge. „Dieses Buch", heißt es in der pietätvoll gehaltenen kurzen Einleitung, „soll nur ein bescheidenes Denkmal sein der Treue für einen edlen Manu und der Dankbarkeit für das Land, das er so liebte". Und dennoch! Unwillkürlich, weil unvermeidlich, tritt Lazarus' Begeisterung für seine Religion an vielen Stellen dieses Werkes hervor. Daß Lazarus Jude im reinsten Sinne war und sich als solcher fühlte, das bietet den Schlüssel zum Verständnis seiner Lehre und seines Lebens. Dies bekennt Lazarus selbst immer wieder in daukooller Pietät. So z. B. in Bezug auf die Begründung der Völkerpsychologie, seiner größten wissenschaftlichen Leistung. Als er auf Einladung des „Politischen Volksvereines" in Wien im Jahre 1897 „Ueber die völkerpsychologische Bedeutung des Judentums" *) Ei« deutscher Professor iu der Schweiz von Nahida LazaruS, Berlin 1910. Ferd. Dummler's Verlag. einen Vortrag hielt, sagte er unter anderem: „Ich bin nicht ein Jude und auch ein Völkerpsycholog, ich bin auch nicht Völkerpsycholog und auch Jude, sondern ich bin. Völkerpsychologe, weil ich ein Jude bin und bin es geworden, weil ich einer bin".. Die Lehre von der Einheit der Menschheit, die das Judentum verkündet, brachte ihn auf den Gedanken der Völkerpsychologie und je mehr er Psychologe wurde, desto mehr sei er Jude geworden. Diesen vom jüdischen Geiste empfangenen Impuls gab er auch reichlich zurück dadurch, daß er in seinem „Propheten Jeremias", seiner „Ethik des Judentums" und in seinen mächtigen Kampfreden gegen dm Antisemitismus einen neuen Gesichtspunkt in die jüdische Wissenschaft einführie, den völkerpsychologischen. Die Völkerpsychologie trägt ganz den Charakter ihres Begründers. Lazarus strebte nach Universalität des Wissens, aber nicht bloß in den Hörsälen der Hochschulen, nicht bloß in der Wissenschaft, sondern auch im Leben. Und darum zog es ihn in die Schweiz, um das Volksleben einer Republik zu studieren. „Ein deutscher Professor in der Schweiz" nennt Frau Nahida ihr neuestes Werk. Es ist eben nicht leicht für einen deutschen Professor, in der Schweiz Boden zu gwinnen. Gerade die Verwandtschaft mit dem deutschen Geiste läßt die Schweizer eifrig darüber wachen, daß ihre Selbständigkeit in jeder Hinsicht gewahrt werde. Wenn nun noch dazu dieser deutsche Professor Jude ist. — Um so bemerkenswerter ist Lazarus' Berufung. Er war nie Privatdozent gewesen. Auf seine Schriften hin wurde er nach Bern berufen. Der Andrang zu seinen Vorlesungen war ein ganz ungewöhnlicher und wurde oft von Regierungsmännern und Mitgliedern der Gesandtschaften besucht. 1862 wurde er zum Dekan auf 4 Jahre, 1664 gar zum Rektor gewählt, so ward er zugleich Rektor und Dekan,, wofür es bis dahin noch kein Präzedenz gegeben. Diese Wahl kam auch den Schweizer Juden zugute. Bald darauf fand eine große Debatte im Nationalrat statt über die Zwangsexekution des Bundes gegen die aargauische Regierung (welche durch jesuitische Umtriebe hauptsächlich aus Ultramontanen bestand) zur Wiederherstellung der durch sie aufgehobenen Emanzipation der Juden. Es fehlte von reaktionärer Seite nicht an dem abgedroschenen Argument gegen die Juden, daß sie kulturunfähig seien. Mau kann sich denken, welch einen hübschen Triumph ein Liberaler mit Lazarus'Rektorswahl ausspielen konnte. „Machet' die Juden von Endingen und Lengnau politisch frei, und in 30 Jahren könnt Ihr eigene jüdische Landeskinder an den Schweizer Universitäten als Professoren wirken und als Rektoren gewählt sehen!" Der diese Worte rief, war selbst ein Aargauer und ein Katholik, Augustin Keller, vormals Seminardirektor und Präsident der Republik. Die Anspielung war so treffend und die Tatsache so ausschlaggebend, daß unter stürmischem Beifall die Emanzipation der Juden beschlossen wurde. Im geistvollen Plauderton, oft von trefflichen Anekdoten gewürzt, bald Lazarus' eigene Worte wiedergebend, bald eigepe Gedanken zum Ausdruck bringend, oft von Interesse erregenden Briefen unterbrochen, läßt die schöngeistige Verfasserin die Kollegen Lazarus', die damaligen Professoren, an unserem geistigen Auge vorüberziehen, Es wird der zwanglose Verkehr zwischen dem Philosophen und seinen Schülern geschildert. Gar oft bei schönem Wetter zog er mit seiner jungen Schar auf eine gastliche Anhöhe bei Bern, wo er ungezwungen beim Glase Bier ein philosophisches Disputatorium abhielt. Wenn er über Psychologie des Staatslebens vortrug, so betonte er daß der ethische Gedanke das Höchste in der Politik sei, ein Gedanke, den er später in dem „Propheten Jeremias" in klassischer Weise darstellt. Wenn er über Völkerpsychologie las, so hob er hervor, daß die Hingabe des Einzelnen an die Gesamtheit ihr Grundgedanke sei, welchen er später in seiner „Ethik" so fruchtbar verwertete. In der Schweiz, zumal in Bern, herrscht in gesellschaftlicher Beziehung, trotz aller Demokratie, ein wahres Kasten-