Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 436 Dr. Blochs Wochenschrift. Rr. 26 Es ist auch selbstverständlich, daß in der Stellung zu allen anderen von mir erwähnten Beziehungen einzig und allein das Moment der Weltanschauung das maßgebende sein kann. Wer da etwa sagt: Ich bin nur national, die Kultur, Entwicklung und Freiheit kommen gegenüber den nationalen Forderungen nicht in Betracht, der wird dadurch aus einem Nationalen zum Barbar. Die Nationalität scheint mir eines der höchsten Güter der Menschheit, mir dünkt das Volkstum als Ausentwicklung der Familie ebenso heilig wie diese. Wer aber die fremde Nationalität nicht achtet, der aus der eigenen Nationalität sich nur das Recht ableitet, die des anderen rücksichtslos zu bekämpfen und zu schädigen, dem bei dem skrupellosen Durchsetzen derselben Kultur und Kulturwerte zur Wertlosigkeit werden, der gleicht jenen Barbaren des Mittelalters, die die herrlichsten griechischen Statuen dazu benützten, sie als Wurfgeschosse zu schleudern und ihre Gegner unter ihnen zu begraben. Kultur und Freiheit sind viel zu kostbare Güter! Hüten Sie sich, die Kultur nnt der Nation zu erschlagen, die Nationalität und das Volkstum sind etwas viel zu Erhabenes, als daß man aus ihnen Barrikaden gegen Freiheit und Entwicklung bauen dürfte. Unsere Universitäten verdorren, so sagte Baron Chiari und in der vor kurzem abgeführten Debatte über den Dringlichkeitsautrag wegen Ausgestaltung der Hochschulinstitute wurde viel von den Mängeln nach dieser Richtung gesprochen.. Aber täuschen wir uns nicht, diese Einrichtungen sind noch lauge nicht alles und die schönsten Institute, die prächtigsten allein vermögen noch nicht die Blüte des geistigen Lebens zu gewährleisten. - Maßgebend ist ja nur der Geist, das Können, das in diesem Institute lebt und wirkt, hier ist nur das Beste gerade gut genug, dies Beste aber nur dann erreichbar, wenn die Kräfte frei sich messen können; nicht wer er ist, dürfte man beim Hochschullehrer fragen, sondern wie er ist und was er kann; aber man hat das nationale und konfessionelle Moment hineingetragen in den freien Wettbewerb der Geister und damit die Wissenschaft herabgewürdigt. Wenn nach Hesiod die Götter vor die äpevfi den Schweiß gestellt haben, dann haben Sie bei uns in Oesterreich vor die dpevq den Taufschein gestellt. Es genügt im allgemeinen, daß einer ein Jude ist, um ihn von allen Lehrstellen von vornherein auszuschließen. Ich möchte feststellen, daß die Wissenschaft und ihre höchsten Errungenschaften weder national sind, noch Eigen» tum des Einzelnen bleiben. Das wird international und wer die Wissenschaft mit nationalen Grenzpfählen zu umgeben sucht, schließt sich selbst mit einer chinesischen Mauer ein. Gewiß. Sehen Sie nach Deutschland meine Herren! Schaut die Berliner Universität darauf, welcher Nationalität einer augehört! Sucht sie nicht die besten Leute aller Nationen heranzuziehen! Tauscht man dort nicht die Professoren aus? Seien Sie in allem national, Sie werden dadurch schon selbst ad absurdum geführt werden, aber die Wissenschaft ist das Allgemeingut der Menschheit, sie entzieht sich nationalen Grenzpfählen, bei chr kommt das Höchste, was es für den Menschen gibt, in Betracht; wer da die kleinen nationalen Frage« hineinträgt, versündigt sich an den höchsten Gütern der Menschheit. Vorläufig verlange ich, daß man bei Besetzung tm Hochschullehrstellen nicht danach fragt, wer einer ist, sondern wie er ist. Wenn Sie das tun werden, werden die Universitäten auch blühen. Wenn Sie aber zuerst danach fragen, was für einen Stammbaum jemand hat, welcher Parteirichtung er angehört, werden Sie vielleicht ausgezeichnete Partelleute mit einem einwandfreien Stammbaum auf den Hochschulen haben, aber keine ernsten Forscher mehr, dann lehren Sie die Leute nicht mehr, der Natur, sondern den Couloirs ihre Geheimnisse ablauschen, damit entehren Sie die Wissenschaft und drücken sie herab. Und als ob man diesen Pauperismus noch künstlich verschärfe» wollte, hat man ein Sonntagsruhegesetz geschaffen, das überhaupt jede Möglichkeit einer wirtschaftlichen Erhebung den Juden benimmt. Es ist eine Tatsache, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung Galiziens mit unendlicher Zähigkeit an der Sabbatheilignng festhält und lieber hungert, als nach ihrer Ansicht den Sabbat entweiht. Da nun angesichts des Landhungers der bäuerlichen Bevölkerung und der nicht zu beschaffenden ungeheuren Kapitalien an eine Agrarisierung der Judenschaft im großen nicht zu denken ist, so bleibt der einzige Ausweg: Die Industrialisierung. Mit viereinhalb Tagen Arbeitszeit kann aber heute keine Industrie existieren. Die Sonntagsarbeit verbietet das Gesetz, am Samstag kann die Masse der in Betracht kommenden Juden infolge ihres Glaubens nicht arbeiten, im Winter sogar kaum mehr am Freitag nachmittags. Was bleibt also diesen Hunderttausenden übrig als auszuwandern oder elend zu verhungern? Nach dieser Richtung ist sogar das barbarische Rußland menschlicher als unsere angeblich so humane Gesetzgebung, denn wenn dort in einem Betrieb mit nur jüdischen Arbeitern die Samstagruhe streng gehalten wird, so ist die Arbeit am Sonntag zulässig und tatsächlich gibt es eine Anzahl von Unternehmungen, wie dievueooxrovskaLa., die nur mit jüdischen Arbeitern in dieser Form den Betrieb führen. Man wende mir nicht ein, eine solche Forderung sei klerikal, ich kann nämlich nicht verstehen, warum die Samstagruhe klerikaler sein soll als die am Sonntag. Wenn man mir schließlich einwenden will, es werde hierdurch das Gefühl der andersgläubigen Bevölkerung verletzt, so könnte ich ja einfach, Sie mit Ihren eigenen Waffen schlagend, erwidern: Klären Sie die Leute auf und erziehen Sie sie zur Duldsamkeit und Toleranz, aber ich begnüge mich damit, einfach zu fragen: Warum leidet dies Gefühl nicht durch die kontinuierlichen Betriebe, warum darf ein Hochofen, eine Wafferhaltungsmaschine, ein Elektrizitätswerk, eine Zuckerfabrik jeden Sonn- und Feiertag arbeiten, warum soll der technische Zwang für das Gesetz stärker sein als das Elend und die Not von Hunderttauseuden. Verbessern' Sie dies schlechte Gesetz und Sie werden damit nicht nur ungezählten Menschen Nahrung und Existenz geben, sondern auch den Wohlstand ins Land Galizien bringen. Sie werden Kapitalien dadurch dem Lande zuführen. Seien Sie auch in der Volkswirtschaft freiheitlich und der Segen dieser Freiheit wird, allen zugute kommen. Glauben Sie nicht, daß wir irgendwelche Sonderrechte verlangen, glauben Sie nicht, daß wir irgendwelche Fehler, die Sie uns andichten, die bei unserem Volke angeblich sein sollen, beschönigen und loben. Wir sind uns darüber vollkommen klar, daß, ebensowenig wie andere Völker, unser Volk fehlerfrei ist. Wir wollen ehrlich Mitarbeiten. Geben Sie uns aber die Möglichkeit dazu, schätzen Sie in dem Juden den aufrechten Mann, schätzen Sie in ihm den ehrlich Strebenden und dann werden wir in gemeinsamer Arbeit zum Wohle der Gesamtheit beitragen. Ich habe gesprochen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Der Aufschwung Bagdads durch die Juden. Die Londoner „Times" veröffentlichen eine ausführliche Korrespondenz ihres Bagdader Vertreters, die interessante Details über den Anteil der dortigen Juden an dem Aufschwünge Mesopotamiens und ihrer Hauptstadt Bagdad enthält. In keinem der Landstriche in der Umgebung von Bagdad ist das Reisen ohne militärischen Schutz sicher und selbst die einzige brauchbare Verkehrsroute zum persischen Golf und dem Tigris kann jeden Moment durch die wilden Stämme von Nieder-Mesopotamien verlegt werden. Im Laufe der letzten zwei Jahre sind Schiffe, die auf dem Tigris verkehrten, dreimal angegriffen werden und in einem Falle mußte die Schiffahrt volle fünf Wochen ruhen. Die Telegrammlinie kann jeden Augenblick von den aufständischen Arabern unterbrochen werden.