Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 436 Nr. 26 Dr. Blochs Wochenschrift. werde den Herren Männer nennen, die Herr Schneider direkt ans Messer liefern wollte. (Vetter. Bartl. Zauner usw.) Herr Schneider erwiderte hierauf im „Oesterreichischen Volksfreund": „Daß die Herren H d l l o m a y und Genoffen gesonnen sind, ihrer Krakeelsucht ä tout prix zu frohnen, daß es darauf abgesehen zu sein scheint, um jeden Preis eine Gerichtsverhandlung herbeizuführen, bei weicher jene Parteiverhältnisse zur öffentlichen Sprache gebracht werden könnten, deren Kenntnis für die Juden allein den größten Wert (? J) hätte, wodurch die antisemitische Sache eben im Interesse der Juden aufs Aeußerste geschädigt und kompromittiert (!!) werden könnte." Hollomay antwortete wieder im antisemitischen „Reformer": „Ihre Frechheit, mit Leuten sich in keine Polemik einzulassen, welche finanziell an Sie herantraten und Sie nicht befriedigen konnten, weise ich entschieden zurück und erkläre Sie so lange öffentlich für einen Schurken, als Sie mir nicht bewiesen haben, daß ich Geld von Ihnen genommen habe." Ueberdies stand die Angelegenheit bereits ^einmal vor dem Forum des Gerichtes und Herr Schneider spielte hierbei eine wenig beneidenswerte Rolle. Die Broschüre des Herrn Dr. Oskar Hein, welche eine Zusammenstellung der von den antisemitischen Parteigenossen über Herrn Schneider der Oeffentlichkeit. übergebenen Mitteilungen enthielt, wurde vom „Vaterland", gls „Sammelsurium von Erdichtungen und Lügen" bezeichnet und der Autor überreichte gegen den verantwortlichen Redakteur die Ehrenbeleidigungsklage! Der Redakteur glaubte anfänglich, die gegen Schneider zirkulierendren Anklagen wären haltlos und erbot sich zum Wahrheitsbeweis, daß die Schrift Unwahrheiten enthält. Bei der Hauptverhandlung am 29. Jänner 1891 — die Herren Ernst Schneider, Cornelius Vetter, Doktor P s e n n e r waren zugegen — erklärte Herr Dr. P o r z e r als Vertreter des geklagten Redakteurs, daß er auf den angebotenen-Beweis verzichte, „um nicht Gelegenheit zu einem Skandale im Gerichtssaale zu geben". Der Redakteur wurde dementsprechend auch verurteilt und Herr Schneider konnte es nicht hindern, denn von allen gegen ihn gerichteten Anklagen ist 'keine einzige „erdichtet" oder „erlogen". Aus den Anfängen seiner Agitation erzählt die „Oesterr. Wochenschrift", Nr. 34, 1894, ein bezeichnendes Vorkommnis: Ernst Schneider machte einen Ausflug nach Iedles e e, einem Jndustrieort nächst Wien, wo auch jüdische Industrielle Etablissements besitzen, um in der dortigen Bahnhofsrestauration mit einigen Gesinnungsgenossen Ausfälle über die Schädlichkeit des jüdischen Wirkens in Wien und Umgebung zu machen. Ein zufällig dort ansässiger Fabrikant jüdischen Glaubens, namens F., verwahrte sich feierlichst gegen diese allgemein gehaltene Verunglimpfung, und nachdem Schneider den dortigen Boden für eine Auseinandersetzung nicht genug sicher fand, schwieg' er, um den bald anlangenden Zug zur Heimreise nach Wien zu benutzen, in welchem sich übrigens auch der erwähnte Fabrikant befand. In Wien am Nordbahnhofe angekommen, fühlte er sich plötzlich (— wie Antäos) auf heimischem Boden, stellte sich beim Ausgange dem besagten Herrn F. mit energischer Miene entgegen, herrschte ihn mit Stentorstimme in so beleidigenden Worten und Ausfällen an, daß der sonst besonnene Fabrikant — ohne ihn auch nur eines einzigen Wortes zu würdigen — dem damals noch wenig bekannten Antisemitenzögling eine derbe Ohrfeige versetzte, welche selbstredend in der Bahnhofshalle Aufsehen und Zusammenlauf verursachte. Der Jnspektionskommissär führte sofort beide Herren in das Bahnhofspolizeiinspektorat und machte von dem Geschehenen Meldung. Herr F., ein bestrenommierter Fabrikant in Budapest, scheute sich nicht, seine Missetat als im Widerspruche mit den Gesetzen stehend unumwunden einzubekennen und mutzte auch Schneider das beschämende Bekenntnis ablegen, datz er diesen wohlverdienten Backenstreich tatsächlich erhalten und sich keine Satisfikation dafür genommen habe. Herr F. war zufällig dem amtierenden Zommiffär im besten Sinne seit Jahren bekannt. Der Letztere konnte nicht umhin. Schneider als Kleingewerbetreibenden darauf aufmerksam zu machen, datz sein Gegner sich gewitz nur infolge einer Provokation zu einer Tätlichkeit auf öffentlichem Orte hinreitzen lietz und empfahl Herrn Schneider — ihm die schädlichen Folgen eines weiteren gerichtlichen Verfahrens für ihn und seine Interessen vor Augen haltend — Herrn .F. einfach für die in Iedlesee gemachten Ausfälle gegen die Juden — um Entschuldigung zu bitten. Schneider, zunächst sein materielles Interesse als Mechaniker sich vor Augen hallend, lieferte auch damals schon den Beweis der Ritterlichkeit und des persönlichen Mutes, indem er in aller Form Herrn F. Abbitte leistete, um seine materiellen Vorteile nicht in Gefahr zu bringen. Wir haben oft Beweise geliefert, datz die Antisemiten nur so lange Mut besitzen, so lange ihre werte Persönlichkeit ,nicht gefährdet erscheint und datz sie sofort das Hasenpanier ergreifen, wenn ihnen mutig und energisch entgegengetreten wird. Herr F. hatte seine Entschuldigung — Schneider seine Ohrfeige. Die Sache war somit in der schönsten Ordnung beigelegt. (fühle Urbe des Abgeordnete« Uni».-Do;enten Dr. Arthur Mahler. In der Budgetdebatte des Reichsrates hielt der bekannte Abgeordnete Prof. Dr. Arthur Mahler eine Rede, in welcher er unter anderem speziell über die Judenfrage sagte: Es gibt keine Form der Verleumdung, die nicht gegen uns Juden erhoben und geschleudert würde. Nach der Behauptung der russischen Machthaber wären wir Anarchisten. nach der eines Teiles der hiesigen Presse klerikal. Die einen werfen uns vor, national zu sein, die anderen mit ebensoviel Emphase die Jnternationalität, und so könnte ich noch eine ganze Reihe von Antithesen anführen, die wir entgegen aller Logik in uns vereinen sollen. So fei es mir denn gestattet, meine Herren, durch die Darstellung der Auffassung, die wir von den Verhältnissen haben, darzutun, daß wir weder klerikal noch anarchistisch, weder landfremd noch volksfeindlich sind, sondern bereit, jeder ehrlichen Arbeit des'Fortschrittes unsere Kräfte zu weihen, vom Glauben durchdrungen, dem Wöhle unseres Volkes am besten zu dienen, wenn wir zum Wohle der großen Allgemeinheit beitragen. Aber die Logik der Tatsachen ist immer stärker als der Unverstand der Politiker. Trotz allem Deklamieren wird es nie gelingen, die Pellagra in Südtirol zu einer italienischen, den Hungertyphus in Ostgalizien zu einer polnischruthenischen und das Massenelend der Juden zu einer rein jüdischen Frage zu machen. Aber auch die Zahlen der Volkswirtschaft werden sich der rein nationalen Beeinflussung entziehen. Wenn der galizische Bauer durch die Not zur Auswanderung getrieben wird, wenn die Industrie darniederliegt und Tausende von Arbeitern brotlos werden, dann hört die Kunst einer deutschen, tschechischen, polnischen oder einer Wirtschaftspolitik welcher Art immer auf, dann gibt es nur eine Volkspolitik, dann gilt es einen gemeinsamen Boden suchen, auf dem sich alle finden können, die ehrlich streben und ehrlich wollen, dann heißt es, einer höheren Parole folgen, um die sich die Mannen scharen können, und die kann nur sein: Fortschritt und Entwicklung in voller Freiheit.