Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Vlochs Wochenschrift. Telle 429 Kremsierer Judengasse wüßte ich zu berichten. In meinen Ghetto- Erzählungen habe ich manch einem von ihnen ein Denkmal gesetzt. Was weih unsere heutige Jagend von diesen armseligen, tragikomischen Gestalten? Von dem ewig hungrigen Sohne des ehemaligen Rabbis Heschel Gläser (gestorben 1864), Maier, dem großen Hühnerzüchter, mit demselben fadenscheinigen Mäntelchen zur Sommers- und Winterszeit bekleidet, von Schaje, dem ewigen Heiratskandidaten, den aber doch keine mochte und der beständig an der Seite seiner zwerghaften Schwester einhertrippelte, von Fräulein Rosa, der Jungfrau mit der Brunhilden-Gestalt, der gebildeten Besitzerin einer Bibliothek alter Romane, von welchen die Mädchen der Gemeinde am liebsten die der seligen Louise Mühlbach, der damaligen Marlitt, lasen. Fräulein Rosa trieb einen kleinen Spezereihandel und zitierte Schiller, manchmal auch Grillparzer. Selbst in ihrer Sterbestunde soll sie ein Dichterwort geflüstert haben. Sie war die Tochter eines Lehrers. Kaffee war ihr Lieblingsgetränk. Nie nahm sie ein Geschenk, sie war aber eine Kremsierer „Gaiwenikin". Denn die Kremsierer besaßen alle einen gewissen Ahnenstolz und' schauten auf die zugereisten Schnorrer aus anderen Gemeinden Mährens, Ungarns, Galiziens mit einer unnahbaren Würde herab. Majer, Schaje, Fräulein Rosa, Mordche Esther, sie ruhen alle „draußen" ... Ein Jahr vor seinem Tode kam der Dichter I. I. David, dem sie nun ein Denkmal an seinem Ehrengrabe auf dem Wiener Zentralfriedhof gewidmet, auf den jüdischen „guten Ort" nach Kremsier. Er hatte in dieser Stadt seine Gymnafialstudien unter Not und Elend beendet. Und seine Mutter liegt in Kremsier begraben . . . Hier empfing er seine ersten Eindrücke. Man lese seine „Hanna"-Novellen . . . Und war er vom Pater Mathia schreibt, dem großen Schnupfer, dem Plato-AuSleger und Logik-Lehrer. Es wurde mir erzählt, er hätte am Grabe seiner Mutter reichlich Tränen vergossen. Er gehörte nicht mehr ihrem Glauben an . . . Aber vortrefflich hat er den jüdischen Studenten in seinem Romane „Am Wege sterben" geschildert. Warum sollen wir eS leugnen? Gar mancher Sohn und Enkel hervorragender Lehrer und Killah-Männer Kremsters gehört uns nicht mehr an. Auch sie saßen einst mit uns in der heißen Stube Reb JokefS . . . Doch mit keinem schrillen Mißklang wollen wir diese Erinnerungen schließen. Unsere wehmutsvolle Träne fei geweiht den Frommen und Gerechten, welchen der Ruhm unserer Muttergemeinde über alles ging. An ihnen wollen wir unS aufrichten, da nun ihre Enkel in die Tore des neuen Gotteshauses einziehen mit Dankeschören, in seinen Hallen mir Worten deS Jubels. Dr. Max Grünfeld. Historische Anekdoten aus dem rusfischen Golrrs Anläßlich der neuerlich überhandnehmenden Judenvertreibungen aus russischen Städten sind die folgenden vom Warschauer „Unser Leben" aufgefrischten historischen Anekdoten von gewisser Atualität: „Exzellenz, laßt mich ein Hund sein!" In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts kam ein gewisser Rosenberg, der beim Senat einen Prozeß hatte, nach Petersburg. Kaum war er in Petersburg angelangt, begann die Polizei ihn zu verfolgen. Rosenberg wechselte, um den Verfolgungen zu entgehen, jeden Tag sein Absteigequartier, aber die Polizei war stets hinter ihm her- Da er jedoch unbedingt in Petersburg sein mußte, um seine Prozeßangelegenheit persönlich verteidigen zu können, verfiel Rosenberg auf einen originellen Plan. Er stellt sich vor das Ministerium des Innern und wartet bis der Minister aus dem Amte geht. Als Rosenberg des Ministers ansichtig ward, begann er auf allen Vieren zu kriechen und ganz kunstgerecht wie ein Hund zu bellen. Betroffen bleibt der Minister stehen. Da richtet sich Rosenberg auf und spricht: „Exzellenz, laßt mich ein Hund sein! Behandelt mich wie einen Hund, dann wird man mich nicht aus Petersburg vertreiben, denn für Hunde gibt es keine Tscherta (jüdisches Ansiedlungsgebiet) aber für Juden gibt es eines u. zw. ein ganz verzwicktes. Das Billet des Finanzministers. Ein Polizeiaufseher verfolgt einen Juden in einem Orte außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes. Eines Tages kommt der Polizeiaufseher in die Wohnung des Juden und fragt ihn: „Auf Grund wessen wohnst du hier? Hast du Wohnrecht?" „Gewiß, ich habe ein Billet!" „Ein Billet? Von wem hast du es bekommen?" „Vom FinanzmiUister!" „Zeig mir das Billet!" ruft der Polizist. Der Jude reicht ihm eine Fünfundzwanzig.Rubelnote und fragt: „Nun, ist euch das genug?" „Ja, das Dokument ist in Ordnung. Es ist vom Direktor der Staatsbank unterschrieben Die Juden sind wie die Fische. Kaiser Nikolaus I. frug einst den Libawitscher Rabbi, weshalb in den jüdischen Städten die Angeberei so häufig sei. Der Rabbi antwortete: Warum fressen die Fische einander mehr auf, als andere Lebewesen? Das erklärt sich dadurch, daß die Fische in einem besonders abgegrenzten Orte, in einem Ansiedlungsgebiete (Teich oder Meer) leben; über dieses Gebiet hinaus dürfen sie sich nicht rühren. So sind auch die Juden. Könnten sie leben, wo sie wollten, würde nicht einer den anderen als Konkurrenten betrachten, der ihm den Bissen Brot vom Munde wegißt. Jetzt aber, wo die Juden in der Tscherta leben, reißt einer dem anderen den Bissen vom Munde weg und das führt zu Angebereien. Literatur. Dr. M. Braun, Geschichte der Juden und ihrer Literatur. Erster Teil. Vom Auszug aus Egpten bis zum Abschluß des Talmud. Dritte vermehrte und verbesserte Auflage. Breslau. Verlag von M. und H. Marcus. IX. und 245 S s. Ladenpreis 2 M. B r a n n s Geschichte der Juden und ihrer Literatur ist ein seitJahren gut eingeführtes Buch des anerkannten Historikers und Lehrers der Geschichte am Rabbinerseminar zu Breslau, also auf dem Lehrstuhle des unvergeßlichen und unübertroffenen Meisters Grätz s. A. Ich sage unübertroffen, denn er ist und bleibt es vorläufig auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung trotz der vielfachen Angriffe und Anfeindungen, die sein Werk in den letzten Jahren erfahren hat. Branns Buch fußt auf Grätz, befreit sich aber in vielen Punkten von ihm. Esbraucht nicht gesagtzuwerden, daß die Arbeit eines so überaus verläßlichen und gewissenhaften Forschers durchaus auf selbständiger Durcharbeitung des Quellenmateriales beruht, deffen knappe Nachweisung im Anhänge eine sehr willkommene Ergänzung dieser dritten Auflage bildet, welche eine wesentliche Erweiterung und sehr merkliche Verbesserung der früheren Auflagen des Buches ist. Es ist im besten Srnne des Wortes ein Lesebuch und Lehrbuch zugleich und eignet sich ausgezeichnet dazu, den untrennbaren Zusammenhang der jüoischen Geschichte mit der allgemeinen Weltgeschichte nachzuwelsen, die gesicherten Ergebnisse der neuesten Forschungen, die durchwegs berücksichtigt und benützt sind, kennen zu lernen. Die Darstellung ist vornehm, warm und anschaulich. Alles Nebensäarliche, entbehrliche Namen und Zahlen find beseitigt und nur wirklich hervorragende Persönlichkeiten und Ereignisse sind kräftig in den Vordergrund geschoben. Auch die z a h lreichen Literaturproben sind geschmackvoll ausgewählt und gut untergebracht. Insbesondere ist zu betonen, daß der gelehrte Verfasser jedem hi st arischen Irrtum vorsichtig aus dem Wege geht, was unselbstandigen, die Quellen nicht beherrschendeu Darstellern jüdischer G eschichte selten gelingt. Die breite Darstellung des Herodinischen Zeitalters, das kein Ruhmesblatt ist, hätten wir auch Braun, wie allen anderen Gejchlchtsschreibern, welche große Massen belehren und erziehen wollen, gerne geschenkt. In einem Schulbuche k»nn man schließlich des Augustus denkwürdiges Wort (S. 105) über Antipater missen. Das Buch Branns ist aber durchaus geeignet, wirkliche Kenntnis der jüdischen Geschichte zu verbreiten, über die in den weitesten Kreisen unserer Glaubensbrüder noch immer ebenso beschämende, als gefährliche Unkenntnis herrscht. Brann's Buch ist vielleicht mehr Lesebuch als Schulbuch; das ist kein Tadel, sondern ein Lob. Es erhebt sich in manchen Kapiteln weit über den trockenen Ton des an den Buchstaben gebundenen Lehrers; und der hi ft arische Standpunkt Branns ist in, diesem Teile seinesWerkes ein weirblickend er und großer. Hoffentlich bleibt er im nächsten Teile gewahrt. Man kann bei Beurteilung der Vergangenheit eines großen Volkes die man Massen vorlegt, nicht vorsichtig und gerecht genug sein. Dr. F e u ch t w a n g. Jüdische Kolonisation im Heiligen Lande. Von Heinrich Ranmau-Triest. Wohltätigkeitssinn und Freigebigkeit sind Eigenschaften, welche der jüdischen Nation, ja jedem einzelnen Angehörigen dieses Volkes eigen si id, und besonders betätigt sich dies hei Schaffung gemeinnütziger Einrichtungen, welche leidenden Volksgenossen zugute kommen sollen. Auch an gesundem Idealismus fehlt es nicht, wenn es heißt, etwas zu schaffen, dessen Früchte erst nach einer Reihe von Jahren zeitigen können. Um so überraschender ist es, daß diese hervorragenden Eigenschaften den zu harter Arbeit ins Land der Väter erziehenden Glaubensbrüdern sich nicht in dem Maße zuwenden, als diese gute Sache es verdienen würde und läßt sich nur damit erklären, daß die Allerwenigsten das gelobte Land aus eigener Erfahrung kennen und nur Wenige wissen, wie viel Großes da schon geschaffen wurde und noch viel mehr da geschaffen werden könnte. Hoffnung verheißend ertönt da der Ruf des Herrn Wilhelm Stiaßny, k. k. Baurat, Gemeinderat der Stadt Wien, und sein Bortrag, gehalten im Jüdischen Kolonisationsverein in Wien, von emsigem und liebevollem Studium Zeugnis gebend, ist eine wertvolle Aussaat, die reiche Ernte verspricht.