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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-24 · 25 (24.6.1910) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 428 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr 25 interkonfessionellen Wohlfahrtsanstalten. Besonders viel danken ihr das internationale Siechenhaus und die egyptifche Liga zur Bekämpfung der Tuberkulose. An ihrem Leichenbegängnisse nahmen die Schüler sämtlicher jüdischer und muselmännischer Schulen, die hohen Funktionäre der Stadt und des Landes, sowie das gesamte Konsularkorps teil. ' ■ _.y._iäM U Bankier Isidor Glückstadt m Kopenhagen. In Kopenhagen starb vor einigen Tagen der Chef des weltberühmten Bankhauses Isidor Glückstadt. Der Verstorbene war der bedeutendste Finanzmann Dänemarks. Er war Direktor der Landermannsbank, Präsident der ostasiatischen Gesellschaft und anderer Schiffsgesellschaften. Glückstadt betätigte sich auch als Jude und genoß als Philanthrop in großem Matze, jedoch ohne Aufdringlichkeit berechtigtes Ansehen. Isidor Glückstadt war der erste Jude in Dänemark, dem der König das Grotzkreuz des Daneborg-Ordens verlieh, eine Auszeichnung, die sonst nur Mitgliedern des hohen Adels zuteil zu werden pflegt. New-Gork. (Trauung.) Sonntag den 10. Juli l. I. findet im Tempel Mugen Abraham 87—89, Attorney-Stratze, die Trauung des Herrn Mar Tode! mit Fräulein Mollie Held statt. Die Trauung vollzieht Rev. Dr. Jakob Tarlau. Feuilleton» Grirmerimger» a« meine Judengaste. (Zur Einweihung der neuen Synagoge in Kremsier am 26. Siwan, 3. Juli.) „Gedenke der Tage der Vorzeit." V. Moses 32, 7. Die altehrwürdige Gemeinde K r e m s i e r in Mähren rüstet sich, ihre neuerbaute Synagoge einzuweihen. Es ist dies ein nicht nur für diese Gemeinde, sondern auch für die des ganzen Kronlandes höchst erfreuliches Ereignis. Wird doch allenthalben über den Niedergang unserer Kchilloth geklagt, und das nicht mit Unrecht. Wenn es nun eine Gemeinde durch seltene Opferwilligkeit dazu gebracht hat, dem Dienste des Herrn ein neues, stattliches Gebäude zu errichten, so zeigen deren Mitglieder, daß sie ihrer Ahnen nicht unwürdig sind. Diese siedeln hier urkundlich seit dem Jahre 1322. In diesem Jahre gestattete König Johann von Böhmen dem Bischof Conrad von Olmütz in Zwittau, Müglitz, K remsier und Wischau „einen Juden halten und schützen zu dürfen". Doch wir wollen keine geschichtlichen Exkurse machen Gehört doch die Gemeinde Kremsier zu den wenigen, deren Vergangenheit ihren Schilderer, und zwar in dem dortigen Rabbiner Dr. Frankl-Grün gefunden hat. Wer sich demnach für die Geschichte dieser hervorragenden Gemeinde interessiert, möge in diesem Werke das, was er über die Vergangenheit der Juden Kremsiers erfahren möchte, Nachlesen. Er wird über sehr intereffante Dinge und Persönlichkeiten belehrt werden, andererseits aber auch ersehen, wie ähnlich die Geschichte der Juden Kremsiers der anderer Gemeinden ist. Dieselben Schikanen, Verfolgungen, Anfeindungen von außen und Zwistigkeiten und Zerwürfnisse im JnnerenHDas ist nun einmal unser Geschick. Es kamen neuere und bessere Zeiten. Das Jahr des Völkerfrühlings 18*8 aber hat für unsere Gemeinde eine besondere Bedeutung. War doch in dieser Stadt der Sitz des ersten konstituierenden Reichstags, in dem auch Juden saßen. Und was für Männer! Fischhof, Mannheimer, Goldmark, Meisels. Und nun zieht die Gemeinde Kremsier aus dem alten, kellerartigen Gotteshause, das fast 250 Jahre bestand, in die neue, prächtige Synagoge. Ein bedeutender Wendepunkt in der Tat, in ihrer an so mannigfachen Erscheinungen und Ereigniffen reichen Entwicklung. Welch' ein Weg von den Tagen des Menachem Mendel K r o ch m a l und des Z e w i Hirsch bis auf unsere Zeit. Gepriesen sei der Herr, der sein Volk nicht verstoßen hat und uns diesen jungen Morgen hat erleben lassen. Damals, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, riefen die Väter «aus den Tiefen" zum Herrn. Jetzt im 20. Jahrhunderte haben die dankbaren Kinder ein Haus erbaut, das, zur Heiligung des göttlichen Namens, eine Zierde der Stadt bildet. Und so werden sie in brüderlicher Vereinigung das Haus einweihen. Wir aber wollen mit diesen Zeilen einiger Personen und Ereignisse der Judengemeinde Kremsier gedenken, die .Männer wie Josef W e i sse, Emanuel Baumgarte n, Gedaljah Schwarz, hervorgebracht hat und als Studierende die Brüder Gutmann und Brüll, Adolf und Nehemias beherbergte. Ein geräumiger „Schulhof" umgab die alte Synagoge. Dieser bildete den Tummelplatz für die „studierende", hoffnungsvolle Jugend. Da ging es oft ziemlich hoch und lärmend her. Ich erinnere mich, wie ein ehrwürdiges, älteres Mitglied der Gemeinde uns zu verscheuchen suchte, wenn wir am Sabbath-Nachmittags hier unseren Spielen oblagen und unsere Hellen Stimmen den Reb Süßkind aus seinem Sabbath-Nachmittagsschläfchen erweckten. Gar mancher kalte Wasserstrahl, den er aus einer langen, hölzernen Spritze entsandte, befeuchtete das Feiertagsgewand eines der Jungen, wenn er beim Ballspiel allzu laut seinen Ruf ertönen ließ. Dann gab's Schelten von Seite der fürsorglichen Mütter und strengen Väter, die ernst unb gemessen zum Mincha-Gebet schritten. Es nützte aber nichts. Der Schulhof blieb das Territorium für unsere Spiele. An ein possierliches, ziemlich schief gewachsenes Männchen erinnere ich mich, das gerne an seinem Bärtchen drehte und die besonders Ausgelassenen bei unserem vortrefflichen Gymnasial- Direktor Pater Athanasius Mayer anzuzeigen pflegte. Daher hatten wir auch vor diesen Männchen, Jtzig Turnauer hieß der Wackere, einen großen Respekt. Ich selbst bewunderte ihn ob seines Gedächtnisses. Er stand neben meinem seligen Vater in der „Schul" und sagte die Piutim, wenn er nur einmal Einblick in den Machsor genommen, auswendig her. Der genannte Gymnasial-Rektor, der Piaristen-Pater Uthanasius Mayer, war uns jüdischen Gymnasiasten sehr gewogen, und als man in Kremsier das 200 jährige Stiftungsfest des Gymnasiums im Jahre 1887 feierte, erklärte uns der Greis, daß er die jüdischen Schüler ob ihres Fleißes und ihrer guten Sitten am meisten geschätzt habe. In der Religion unterrichtete uns der gelehrte und humane Reb Isaak Werner, der einen Lederhandel betrieb und uns Knaben die „Choboth Haleboboth" des Bachja ibn Pakuda vortrug. Selige längst vergangene Tage, in denen man mit den Gymnasiasten die Klassiker unseres Mittelalters las, während man heute den Schülern kaum einige Gebete nnd Bibelverse beibringen kann. — Kamen wir aus der Schule nach Hause und hatten wir von der guten Mutter ein Aepfelchen und ein Stückchen Brot bekommen, dann gingen wir mit dem schweren Talmudfolianten zum Lehrer Reb Jokef Presser, dessen Sobn vor einigen Jahren als höherer Polizeibeamter in Wien verstarb. Seine Leiche ruht nun neben der des Vaters auf dem „guten Ort" zu Kremsier. Reb Jokef war ein strenger Mann. Für ihn galt nur der Taldmud und nichts als dieser. Den kannte er aber gründlich. Und diese Gründlichkeit verlangte er auch von uns. Wehe, wenn einer von uns einen „Schluß" sagte. Dann gab es wohlgezielte Rippenstöße mit den obligaten Kosenamen, die meist aus der Naturgeschichte entnommen waren. Brachten wir am Schluffe des Schuljahres unsere Zeugnisse, stolz auf unsre „Lobenswert" oder gar „Vorzüglich" aus Latein, Mathematik, Griechisch, Geschichte, dann lächelte er grimmig und pflegte zu sagen: : „Nun habt ihr,genug die Dummheiten gelernt, jetzt aber, in den Ferien, werden wir Thora, d. i. Talmud lernen. Das waren in der Tat unsere Ferien. Da saßen wir in der heißen, engen Stube, zusammengepfercht, über die Folianten gebeugt. Reb Jokef aber ging von einem zum andern, die unvermeidliche Pfeife im Mund, meist „kalt" rauchend. Sie war ihm in der Hitze des Gefechtes „ausgegangen", rowxi xassati. Jetzt weiß man nicht, an welche Seen oder welche See, in welche Berge und Wälder man mit der bleichen Jugend gehen soll. Damals erholte (?) man sich vom Studium des Griechischen im Taldmudstübchen. — Mein seliger Vater wünschte, daß ich nicht nur im Talmud, sondern auch im Dikduk, d. i. in der hebräischen Grammatik, unterrichtet werde. Von dieser verstanden die alten Talmud- und Bibellehrer wenig oder gar nichts. Da war ein Lehrer in der Gemeinde, der merkwürdigerweise den Beinamen Bochur führte, trotzdem er verheiratet war. An diesen höchst frommen, aber sonst sehr komischen Mann, Jaikef Bochur, er hieß eigentlich Wltschek, erinnere ich mich sehr gut. Er trug eine Kopfbedeckung nach Art der Chauffeurkoppen und betete unablässig. Man konnte von ihm sagen, er kaue die Gebete immer und überall, auf^der Straße, zu Hause, im Cheder. Dies war eine wahre Hühnersteige, im Sommer tropisch heiß, im Winter von einer grimmigen Kälte. Zu essen hätte er wenig, sehr wenig, Der Fleischgenuß war ihm nur vom Hörensagen bekannt. Seine Hauptnahrung bestand im Kaffee, dem Lieblingsgetränke unserer Ahnen in der Judengasse. Sein Weib Gitel, welcher der Kind rsegen versagt geblieben, trieb einen Handel mit bunten Bändern. Wenn sie bei ihrem „Krame" saß, kümmerte sie sich wenig um diesen, desto mehr um ihren umfangreichen Siddur, in dem sie eifrig las. Sie sagte Tehillim: „Was betet Ihr ohne Unterlaß, Frau Gitel?" fragten wir sie im Jahre des Unheils 1866, als sie unausgesetzt die Psalmen bersagte. Prompt erfolgte ihre Antwort: „Daß die Keffers (die Kaiser) sich sollen vertragen." Aber auch Jaikef Bochur war kein Dikduk-Lehrer. Desto Tüchtigeres leistete darin Reb Gadel Schwarz, der ein Lehrbuch der hebräischen Grammatik „Ezer Lamoreh" herausgab, das viel geschätzt und verwendet wurde. Auch eine treffliche Psalmenübersetzung stammt von ihm. Für diesen Mann hatten wir alle die höchste Verehrung. Seine Kenntnisse waren gründliche und umfassende. Sein Charakter verdiente die größte Hochachtung. Einer seiner Söhne fungierte als erster ReichSrats-Stenograph, war ein hochgeschätzter Journalist und Advokat in Wien, es war dies Dr. Abel Schwarz. Der andere Sohn war der Gründer des Theresien.HoipitalS in Baden, wo er vor einigen Jahren starb. Wie stolz war Reb Gadel, aber auch die ganze Gemeinde auf diese Söhne! Von manchen Originalen der

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