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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 407 stät der Kaiser, nachdem er die übrigen Gotteshäuser, auch das sephardische, schon besucht hatte, im österreichischungarischen israelitischen Tempel. Unter einem herrlichen Baldachin, mit der Thora in der Hand, begrüßte Ober-* rabbiner Dr. Weszel Seine Majestät mit den Worten: ,,Gesegnet sei Dein Eingang, gesegnet sei Dein Ausgang!" 30 weißgekleidete Kinder bildeten, Blumen streuend, Spalier, während zwei Kinder, Anni Rothkopf und Josef Weszel, Seiner Majestät herrliche Blumen mit folgenden Worten überreichten: Die kleine Rotkopf: „Heil unserem lieben, edlen Kaiser! Ich grüß' durch Blumen Ihn und Lorbeerreiser! Ich heiß' willkommen Ihn mit kindlich frohem Sinn, „Willkommen, Majestät!" nimm diese Gabe hin! Josef Weszel: „Unfern guten Heldenkaiser kommen wir begrüßen, Uns're Liebe, uns're Treu' legen wir zu Füßen! Auf, ihr Kinder, rufet mit mir aus: „Hoch, Franz Joseph, hoch das Kaiserhaus!" Der Kaiser dankte gerührt: „Herrlich gesprochen, sehr schön gesprochen", streichelte gütig die Kinder und fragte sie nach den Namen. Dann geleitete Oberrabbiner Dr. Weszel den Monarchen in den Tempel zum Thronsessel, wo der Kaiser bedeckten Hauptes und stehend die schwungvolle, formvollendete Ansprache des Oberrabbiners anhörte, die mit einem tiefempfundenen Gebete für Seine Majestät schloß und damit einen unvergeßlichen Eindruck machte. Sichtlich ergriffen verließ Seine Majestät unter den Hallelujah-Klängen des Chores den Tempel, während dem Monarchen beim Besteigen seines Wagens stürmische Ovationen dargebracht wurden. Abends 7 Uhr fand das erste Hofdiner statt, zu welchem als Vertreter der sephardischen Juden Herr Iesua Salom, als Vertreter der österreichisch-ungarischen Juden Herr Oberrabbiner Dr. Weszel geladen waren. In leutseligster Weise hielt Seine Majestät nach dem Diner Cercle, wobei auch Oberrabbiner Dr. Weszel huldvollst angesprochen wurde. Allgemein, ohne jede Ausnahme, wurde die Huldigungsansprache des Oberrabbiners auch selbst in nichtjüdischen, also ferneren Kreisen in begeisterten Worten gewürdigt; die Rede desselben war wahrhaft ein Kiddusch haschem. Seine Majestät ließ am nächsten Tage dem Herrn Oberrabbiner Dr. Weszel eine Brillantnadel mit Höchstseinen Initialen überreichen. Unser Kaiser, der bekanntlich ein großer Kinderfreund ist. bedachte auch die zwei kleinen kouragierten Sprecher huldvollst mit kostbaren Geschenken: Anni Rothkopf erhielt ein goldenes Halskettchen, das ein Medaillon mit den Initialen des Kaisers trägt,- Josef Weszel wurde eine herrliche goldene Uhr mit dem Doppeladler überreicht. Die leutselige, herzgewinnende Art unseres erhabenen Monarchen, dem alle seine Untertanen ohne Unterschied der Konfession gleichmäßig lieb und teuer sind, wird jedem, der an den Vorgängen der Kaiserreise teilgenommen, ewig unvergeßlich bleiben und wir Juden ganz besonders haben allen Grund, täglich und stündlich zu beten: Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser! Zur Affäre Hilsner. Vor einigen Tagen svrach eine Abordnung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, bestehend aus dem Präsidenten Professor Dr. Szeberinyi und den Vorstandsmitgliedern Gemeinderat Dr. v. Dorn. Regierunasrat Löhner und Oberinspektor Engel, beim Generalprokurator Geheimrat Dr. v. Schrott vor, um ihm unter eingehender Begründung die Bitte um Wiederaufnahme des Prozesses Hilsner, eventuell Erwirkung der Begnadigung des letzteren zu unterbreiten. Der Generalprokurator wies in seiner Erwiderung auf die großen Schwierigkeiten hin, welche einer Wiederaufnahme des Prozesses in formeller und sachlicher Beziehung im Wege stehen, erklärte sich aber bereit, eine allfällige schriftliche Eingabe in dieser Sache entgegenzunehmen und einer genauen Prüfung zu unterziehen. Wien. Folgender Protestausruf, ein wenig verspätet, aber mit Rücksicht darauf, als er den Kampf gegen ein System, nicht nur gegen eine Person aufnimmt, nie zu spät, kommt uns aus Galizien zu. Derselbe klingt in die Aufforderung aus, in einem Massenmeeting gegen die noch frisch in Aller Erinnerung haftende Affäre Lesfing-„Allgemeine" Front zu machen. Sehr verehrte, gnädige Frau! Der Verband jüdischer Frauen in Galizien und der Bukowina siebt sich veranlaßt, Sie als Vorsitzende des Vereines „Judas Töchterergebenst zu bitten, nachfolgenden Protest entgegennehmen zu wollen gegen die ungeheuerliche und schamlose Verunglimpfung der jüdischen Frauen im Allgemeinen und der galizischen insbesondere, die in der zu Berlin erscheinenden „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht worden ist. Seit Jahrzehnten schon ist man gewöhnt, daß von Berlin aus die deftigsten Schmähungen gegen den jüdischen Stamm, die jüdische Religion, das jüdische Schrifttum geschlendert werden. Die in Berlin geprägten gebäffigen und verlogenen Schlagworte haben in der ganzen Welt Verbreitung gefunden und haben außerhalb Deutschland zu blutigen und grausamen Verfolgungen Anlaß gegeben. Nachdem man in Berlin alles Jüdische verleumdet und gelästert hatte, nahm man sich heraus, das jüdische Familienleben und die jüdische Frau, deren Ehre Jahrhunderte lang unsere schlimmsten Feinde nicht anzutasten gewagt hatten, zu besudeln und in den Kot zu zerren. Allein das taten bisher nur die offenen und eingestandenen Judenfeinde, denen kein Mittel zu gemein dünkte, wenn es galt, ihren Haß zu befriedigen. Nun aber ist es, daß ein angeblich jüdisches Blatt, welches von dem Sohne eines Rabbiners und jüdischen Gelehrten redigiert wird, der noch dazu Vorstandsmitglied der Berliner jüdischen Gemeinde ist und verschiedene Ehrenämter bekleid t. sich da»u hergibt, zur großen Freude der Antisemiten aller Länder und Zungen, die jüdischen Frauen auf die unflätigste Art zn beschimpfen. Einer solchen Missetat gegenüber geht es nicht an, das Stillschweigen der Verachtung zu bewahren. Wir meinen, daß die jüdischen Frauen in Deutschland es sich selbst schuldig sind, hier nicht schweigend zu verharren, sondern auf die unerhörte Beschimpfung die gebührende Antwort zu erteilen. Man soll nicht in der Welt sagen dürfen, es sei in Deutschland gestattet, die Gesamtheit der jüdischen Frauen, ja die ganze jüdische Rasse aufs Gröblichste zu beleidigen und die deutschen Jüdinnen lassen dies ungezüchtigt über sich ergehen. Tatsache ist es, daß dies iu einem jüdischen Blatte geschah, welches zu den ältesten in Deutschland gehört, durch den Namen seines Begründers und seines früheren Redakteurs sich bisher eines guten Rufes erfreute, gewissermaßen als offizielles Organ der Berliner Gemeinde gilt und dessen jetziger Redakteur im Vorstand der Gemeinde Sitz uud Stimme hat und über manch wichtige religiöse und kulturelle Institutionen zu verfügen hat. Es wäre unter unserer Würde und hieße die jüdischen Frauen beleidigen, wenn wir auf den Inhalt jener Beschimpfungen auch nur mit einem Worte eingehen wollten. Sie kennzeichnen sich für jeden unbefangenen Leser von selber als eine Ausgeburt niedriger gehässiger Berleumdungssucht und roher Gesinnung. Aber im Namen aller jüdischen Frauen in Galizien und der Bukowina erheben wir nachdrücklichsten Protest gegen die Ruchlosigkeit, die darin liegt, daß ein jüdisches Blatt die giftigsten antis» mitischen Verleumdungen aufgreift und verbreitet. Wir fordern die jüdischen Frauen Deutschlands auf, dieses verächtliche Gebühren öffentlich energisch zu brandmarken. Das ist unbedingt notwendig, damit die Schandtat keine Wiederholung und Fortsetzung finde und damit die Gesinnung, der sie entspringt, im Keime erstickt werde. Wir bitten Sie, sehr verehrte gnädige Frau, ergebenst, dieses unser Schreiben den geehrten Mitgliedern Ihres Vereines auf geeignetem Wege zur Kenntnis bringen zn wollen, und erlauben uns zu betonen, daß es notwendig wäre, eine öffentliche Versammlung jüdischer Frauen einzuberufen, damit diese sich unserem Protest anschließen und solchen zugleich in den Zütungen zu veröffentlichen. Wir bitten Sie, unseren schwesterlichen Gruß und den Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung entgegenzunehmen. Für den Verband jüdischer Frauen in Galizien und der Bukowina Für den Verein »Koto kobiet zydowskich« in Lemberg: Frau Rosa Pomeranz-Melzer, Frau Gisela Schönfeld, Frau Dr. O. Buchstab, Frau Dr. Feuerstein, Frau Dr. M. Zipper, Frau Doktor Mieser, Frl Amalie Back, Frl. L. Werberg, Frl. B. Brenner, Fräuletit Zofia Schönfeld, Frl. Ernestine Landau.

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