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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 404 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 24 erster Gilde überall außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen dürfen, wenn sie als solche in einer den Juden sonst versperrten Stadt eingetragen sind, wurde entschieden, daß Kaufleuten erster Gilde aus Petersburg der Aufenthalt nur dort, aber nicht etwa in Moskau gestaltet wird. Sie dürfen höchstens für kurze Zeit hinkommen, aber ihre Familien dürfen nicht dorthin übersiedeln. 250 Familien dieser Kategorie befanden sich in Moskau und wurden von dieser nicht einmal im Ausnahmegesetze gegen die Juden begründeten Maßregel betroffen, indem sie, obwohl damit ihr gänzlicher Ruin verbunden ist, ausgewiesen wurden. Dies wäre natürlich für die Geschäftswelt Moskaus im allgemeinen ein schwerer Schlag und es intervenierten auch die kaufmännischen Vertretungen, insbesondere die Verwaltung der Börse, an deren Spitze die einflußreichsten Kaufleute stehen, bei den Behörden, um die Durchführung dieser Maßregel zu verhindern. Am 22. August v. I. ist denn auch ein Gnadenerlaß des Zaren erflossen, wonach die erwähnte Verfügung in Zukunft wohl bestehen bleibt, aber die bis dahin in Moskau bereits wohnhaften jüdischen Kaufleute dieser Kategorie daselbst auch weiterhin bleiben dürfen. Jetzt wurde von der judenfeindlichen Administration die Angelegenheit wieder ausgenommen und es wurde bestimmt, daß 191 jüdische Kaufleute erster Gilde in Moskau bleiben dürfen, 70 aber wurde aus verschiedenen Gründen die Eintragung in die Listen verweigert und diese müssen die Stadt verlassen. Man hofft, daß von diesen noch 15 bis 20 Familien die nachträgliche Aufnahme in die Listen doch noch erreichen werden können, .die übrigen aber werden ihre Geschäfte aufgeben müssen. Bezeichnend für die Unmenschlichkeit der Behörden ist folgende Auslegung der judenfeindlichen Wohngesetze. Während früher Frauen, die den Beruf der Hebammen, Zahnärztinnen, Apothekerinnen u. ä. ausübten, das Wohnrecht hatten und eventuell ihre Kinder bei sich behalten durften, auch wenn der Vater das Wohnrecht nicht hat, wird jetzt zwar diesen Frauen das weitere Verbleiben gestattet, ihre Kinder aber, selbst wenn sie im zartesten Alter stehen, ausgewiesen. Unbarmherzig werden kleine Kinder von den Müttern weggerissen und nach Orten gebracht, wo sie in der Regel keine Angehörigen haben. Den Juden, denen der Aufenthalt in den Städten gestattet wird, ist es aber verboten, auf dem umliegenden freien Lande zu wohnen. Sie dürfen die in der Nähe liegenden Sommerftischen nicht aufsuchen. Dies geht so weit, daß man jüngst einigen Juden in einer offenen Stadt, die Kühe halten, verboten hat, diese Kühe außerhalb der Stadt zu füttern! Die Kinder jüdischer Eltern, die nach Moskau gehen wollen, um dort eine Hochschule zu besuchen, werden ausgewiesen und an der Fortsetzung der Studien gehindert, wenn der Vater nicht das Wohnrecht in Moskau hat. Andererseits wird der „Israelitischen Allianz zu Wien" aus Kiew folgendes berichtet: Die Vertreibung von mehreren Hundert seit vielen Jahren hier ansässiger, in geachteten kaufmännischen und sonstigen Stellungen wirkender Juden hat eine sehr schwere Krise für Handel und Gewerbe im ganzen Gouvernement herbeigeführt. Die Betroffenen selbst, welche alle ihre Geschäftsverbindungen plötzlich zu lösen, Hab und Gut zu veräußern und zum Wanderstab zu greifen gezwungen wurden, verlassen voll Sorge die Stadt, um sich teils nach dem ohnehin überfüllten Ansiedlungsrayon, teils nach anderen Ländern zu begeben. Allnächtlich werden in den Gasthäusern in Kiew und in den Sommerwohnungen der Umgebung von der Polizei Razzias veranstaltet und Ausgewiesene, welche sich etwa vorübergehend dort noch aufhalten, zum sofortigen Verlassen des Ortes gedrängt. In Slobodka, einem jenseits des Dniepr, Kiew gegenüber gelegenen Orte, stehen Gruppen von Mitgliedern des antisemitischen russischen Volksbundes beim Landungsplatz mit Nagaikas bewaffnet und mißhandeln vor den Augen der Gendarmen jeden Juden, der Kiew mit dem Schiff verlassen und dort aussteigen will. In den Schulen wird jüdischen Kindern die Aufnahme noch schwerer gemacht als früher. Von hundert Schülern, die eine Aufnahmeprüfung bestanden haben, werden vier ausgenommen. Selbst in der Handelsschule, die von der Kaufmannschaft erhalten wird und für welche man die Erlaubnis erwirkt hatte, daß ein höherer Prozentsatz von Juden aufgenommen werde, wird für sie die Zulassung jetzt besonders beschränkt und es wird von Juden außer dem Schulgeld eine Aufnahmstare von 100 Rubeln verlangt, wodurch die ärmeren Schüler im vorhinein ausgeschlossen bleiben. Es sind infolgedessen zahlreiche Selbstmorde von Schülern vorgekommen. Eine von Dr. Venderski gegründete jüdische Hebammenschule wurde infolge der Agitation der Antisemiten in Kiew auf Veranlassung des Ministerpräsidenten Stolypin geschlossen. Aehnliche Nachrichten über systematische Verdrängung der Juden aus verschiedenen Erwerbszweigen, Ausweisungen von Stadt und Land und willkürliche Verschärfung von früher her bestehenden temporären Ausnahmeverordnungen gegen die Juden werden von verschiedenen Orten des Reiches gemeldet. Die „Times" veröffentlichen eine Meldung ihres Moskauer Korrespondenten, nach der die Zahl der von Kiew vertriebenen Juden bereits sechstausend betragen soll. Die Mehrzahl dieser Heimaislosgewordenen ijt ohne Mittel. Sie irren in der Umgebung Kiews umher und suchen neue Heimstätten. Von jedem Orte, an dem sie sich niederlassen wollen, werden sie von neuem vertrieben. In vielen Städten der Provinz werden alle Häuser durchsucht, um festzustellen, ob nichtwohnberechtigte Juden sich darin befinden; so sind im Gouvernement Smolensk eine Reihe von Flecken von berittener Polizei umzingelt worden und alle Juden, denen nach dem Ermessen dieser niederen Polizeibeamten das Wohnrecht nicht zustand, wurden verhaftet. Auf viele, die sich vor diesen Schergen in den angrenzenden Wäldern versteckten, wurde eine förmliche Treibjagd veranstaltet. Aus der Umgebung der Orte, in denen diese unglaublichen Maßnahmen stattfinden, fliehen viele Juden, ihr Hab und Gut völlig preisgebend'. Gm Mahnruf. Nach kurzer, schwüler Ruhe sind abermals Hilfs- und Jammerufe aus Rußland laut geworden. Die Bestie, die einige Zeit ruhig gelegen, hat ihre Höhle verlassen und geht knurrend und zähnefletschend auf Beute los. Gegenwärtig ist Kiew das Jagdrevier, wo man das Wild aufstöbert und die gierige Meute loshetzt. Ohne jede Provokation, ohne irgend einen Grund fällt man über unschuldige, ruhige Menschen her, devastiert friedliche Existenzen, wie man Glas in Scherben bricht, zerreißt Familienbande, jagt Kinder aus dem Vaterhause, stößt hilflose Greise ins Elend und schwache Frauen ins Verderben. Man mußte es kommen sehen! Rußland häutet sich nicht, schämt sich nicht und prostituiert sich vor der ganzen Welt in nackter Barbarei. So ein Pogrom hat für die edlen Russen nicht jenen katastrophalen Charakter wie für uns, es ist ein Faschingsspiel mit einem billigen Einsatz von Menschenleben, bei dem sich die Urheber gütlich tun, Gold einheimsen und Beute machen. Für die Beamten besonders ist eine in Szene gesetzte Judenverfolgung ein wahres Fest; sie schauen vergnügt zu, bekommen von den an der Plünderung beteiligten Helden ein Schußgeld und von den verfolgten, halbwegs ver-

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