Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 403 Nr. 24 nicht ins Rathaus ziehen lassen will: Erstens hat man Sie nicht gerne, schimpft über Ihre Anstellung beim Land und Ihr anspruchsvolles Benehmen im Parteisekretariat, insbesondere über Ihre Korrekturen der Parteikorrespondenz „Austria", und will Sie nicht , an Stelle des kaiserlichen Rates Mayer sehen: zweitens ist man unzufrieden damit, daß über den Parteifonds keine Rechnung gelegt wird; drittens ist es den Leuten zuwider, daß der Jude Gärtner der Spiritus reetor Ihres Vaters ist, und viertens hält man sich allgemein über die sogenannte „Nichte" Ihres Vaters auf. Für den Führer einer Partei, die so entschieden gegen die freie Liebe predigt, schicke es sich nicht — so meint man — daß er mit einer „Nichte", die keine Nichte ist, überall herumgeht unb sic herumführt." Da sprang Eeßmann junior auf, empfahl sich mit einem „Ergebenster Diener" und am 15. März fuhr er nach dem Süden. Die Rede Hrabas. Wie'dann Dr. Geßmann von seiner Bürgermeisterkandidatur abstehen mußte und eine peinliche Niederlage erlitt, ist bekannt. Alles hatte nichts geholfen! Geßmann hatte dem Vizebürgermeisler Dr. Neumayer die Berufung ins Herrenhaus und die Erhebung in den Adelsstand angeboten, wenn er auf seine Bürgrrmeisterkandidatur verzichte, allerdings hatte Geßmann aus eigener Machtvollkommenheit dieses Offert gemacht, denn an maßgebender Stelle wußte man von diesem Handel, wie sich nachträglich herausstellte, gar nichts. Man sprach davon, daß dem Vizebürgermeister Hierhammer eine Verwaltungsratsstelle bei der Baukreditbank angeboten werden solle, um seinen Widerstand gegen die Kandidatur Getzmanns zu beseitigen, und ein Gemeinderat erzählte öffentlich, daß ihm im Namen Dr. Getzmanns ein Orden angeboten worden sei, damit er für die Kandidatur Getzmanns eintrete. Am 19. März abends hielt dann Abgeordneter unb Gemeinderat Hraba jene Rede, in der er gegen einzelne Mitglieder der Partei schwere Anklagen erhob. Bereits am 20. März erschien Abgeordneter Dr. Geßmann senior bei Herrn Vergani und forderte von diesem, daß der Bericht über die Hrabasche Rede im „Deutschen Volksblatte" unterdrückt werde. Herr Vergani erklärte, die Verantwortung hiefür nicht auf sich nehmen zu können. Die „Reichspost", die die ganze Rede unterschlug, hatte nun die Kühnheit, uns vorzuwerfen, daß wir einige Sätze aus der Rede ausgelassen, und zwar insbesondere jene Stelle, wo Hraba die Behauptung Schneiders wiedergibt, daß Dr. Geßmann ein Iudenstämmling sei. Aus diesen Feststellungen kann aber die Oeffentlichkeit entnehmen, warum Geßmann das „Deutsche Volksblatt" mit geradezu alttestamentarischem Hasse verfolgt: weil wir uns dazu nicht hergegeben haben, das politische Testament Dr. Luegers mit zu unterdrücken, um dadurch dem Dr. Geßmann den Weg zum Wiener Bürgermeisterstuhle frei zu machen." Die Verwallungsratspartei. Unter dem Titel „Einst und jetzt" läßt sich Vergani von einem alten Wiener schreiben: Wie vor anderthalb Jahrzehnten alle in der Partei über Verwaltungsratsstellen dachten, auch Prinz Liechtenstein, dafür mögen folgende Zeitungsausschnitte zeugen, die ich mir aufgehoben habe: Es war am 7. Mai 1895, als Abgeordneter Prinz Alois Liechtenstein in einer Versammlung auf der Landstraße gelegentlich der Nachwahl in den Reichsrat folgendes ausführte: „Die liberale Partei ist's, dir seit Jahrzehnten der Büttel und der Knecht des großen Kapitals gewesen ist, aber reden wir nicht von den längst begangenen Sünden der Partei, reden wir nicht vom Krach des Jahres 1873, reden wir nicht von der ganzen blühenden Verwaltungsperiode des Reichsrates, als seinerzeit 80 Mitglieder der Partei zu gleicher Zeit Verwaltungsräte gewesen sind." Am 30. April 1895 griff Dr. Lueger in einer Versammlung auf der Landstraße den liberalen Abgeordneten Lenz an und führte dabei aus: „Herr v. Lenz hatte in der großen Wählerversammlung beim Dreher, wo er ein Fiasko erlitt, die Behauptung aufgestellt, ich hätte ihn verdächtigt. Ich habe über ihn nichts, anderes gesagt, als daß er Verwaltungsrat ist und Mitglied der Wienerberger Ziegelfabriksgesellschaft. Diese soziale Stellung ist aber genügend, daß Herrn v. Lenz die Wählerschaft des dritten Bezirkes nimmermehr wählen kann (Beifall), trotzdem sein Gegenkandidat nur ein gewöhnlicher Buschenschenker ist. Der gewöhnliche Buschenschenker Steiner wird im Falle seiner Wahl bei der Frage der Verstaatlichung der Eisenbahnen für dieselbe eintreten. der Verwaltungsrat v. Lenz aber wird nicht so stimmen können, weil er sonst am längsten Verwaltungsrat war. Wenn er zum Beispiel bei der Debatte über die Zustände in der Wienerberger Ziegelfabrik so sprechen würde wie der Vuschenschenker Steiner, dann kommt Herr v. Lenz als Mitglied dieser Gesellschaft in eine Pflichtenkollision — er muß daher so reden und stimmen oder schweigen und stimmen, wie es die großkapitalistischen Gesellschaften wünschen." Am 25. April 1895 aber hatte Dr. Lueger auf der Landstraße erklärt: „Herr Lenz hat erklärt, daß jeder Antisemit eine Verwaltungsratsstelle bei der Nordbahn annehmen würde. Nun, meine Herren, ein Antisemit wird das nicht tun, weil er dadurch ehrlos würde, denn man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken." So Dr. Lueger. Die anderen Führer aber? — Wie sagte doch einer von ihnen: „Unser Gesichtskreis hat sich erweitert!" Judenverfolgungen in Knßland. Dem Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien" ging vor kurzem aus „Moskau" von wohlinformierter Seite ein Bericht über die Verationen und Schikanen zu, denen die Juden in Rußland in jüngster Zeit von Seite der Administrationsbehörden ausgesetzt sind. Wir entnehmen dem erschütternden Berichte u. a. folgendes: „Wir haben noch nie solch böse Zeilen milzumachen gehabt wie jetzt. Die blutigen Progrome, in denen Menschen einfach hingemordet wurden, haben ja aufgehört, aber es werden gegen uns jetzt moralische und ökonomische Progrome veranstaltet, die uns ebenso große Leiden und Drangsale verursachen. Die nationalistische Strömung, durch die Majorität der Duma gegen die Juden wegen ihrer Sympathie mit der konstitutionellen Bewegung gefördert, hat einen so bösartigen und rachsüchtigen Charakter angenommen, daß wir aus allen Erwerbsgebieten allmählich vollständig verdrängt werden. Die ökonomische Lage wird von Tag zu Tag unerträglicher, die Schulen immer unzugänglicher, das „Wohnrecht" immer enger begrenzt: sogar der Besuch der Kurorte und Bäder wird uns versagt. Des passiven und aktiven Wahlrechtes in die ländlichen und städtischen Selbstverwaltungskörper sind wir schon von früher her gänzlich beraubt, obwohl die Juden in fast allen Städten des Ansiedlungsrayons mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Zu den neuesten Verationen gegen die Juden gehört z. V. folgende Entscheidung des Senats aus dem Jahre 1909: Während nach dem Wortlaute selbst der gegen die Juden gerichteten Wahlrechtsbestimmungen Kaufleute