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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 396 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 23 Gegenstand, der mit einer blauen Sammtdecke überworfen war. Der Schammes sprach nur arabisch und der Dragoman verdolmetschte uns, daß sich unter dieser Decke ein Stein befände, an dem einst Moses seine Gebete verrichtet haben soll!? Alt- Kairo dürfte auch die Residenz der Pharaonen gewesen sein, denn Kairo heißt auch kurzweg Masr oder Misr, das sind Worte, die leicht auf den Ausdruck „Mizrajim" schließen lassen und man kann demnach annehmen, daß hier auf dem Boden von Alt- Kairo die Unterhandlungen zwischen Moses und dem König von Egypten stattgefunden haben dürsten, daß hier in der Umgebung die Juden schwere Frohndienste leisten mußten, dann nur wenige Kilometer weiter liegt das Felsengebirge Mokottaur, welches die Steinquadern für die Bauten lieferte und noch heute eine unerschöpfliche Quelle für Bausteine bietet. Auch die Thorarolle, die der große Gelehrte E s r a geschrieben haben soll, wurde uns gezeigt. Das Pergament ist förmlich schwarz und läßt auf ein sehr hohes Alter schließen. Nichtsdestoweniger aber sind die Schriftzeichen noch sehr gut lesbar und geben Zeugnis, daß sich Esra einer ausgezeichneten Tinte oder Tusche bedient haben muß. Der Tempeldiener entrollte die Thora und als ich darin zu lesen anfing, leuchtete sein Gesicht vor Freude, da er in uns Glaubensgenossen entdekte. Es sei noch weiter bemerkt, daß der Betraum der Synagoge weder Bänke noch Stühle enthält und ganz leer ist. Die Andacht wird nach orientalischer Sitte teils hockend teils stehend verrichtet. Die Sonne sendete ihre letzten Strahlen, als wir, voll der interessantesten Eindrücke, die wir von Alt-Kairo empfingen, unsere Wagen bestiegen, um in unser Hotel zu «ela-geu. Hochachtungsvoll Wien, 2. Juni 1910. Alois Alt Literat«». Dr. Nathan Birnbaum. (Mathias Acher.) Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage. Band I. Verlag der Buchhandlung Dr. Birnbaum L Dr. K o h u t. Czernowitz. 1910. Wenn wir hier messen wollen, müssen wir die gewöhnliche Elle aus der Hand legen. Persönlichkeit und Werk sind so eng miteinander verknüpft, wie es sonst in der Behandlung allgemeiner Fragen selten zu finden ist und der Ausdruck dieser Schriften ein so ausgesprochen subjektiver, daß wir uns, um diesem Buche gerecht zu werden, auch mit der Person des Verfaffers beschäftigen müssen. Bei jedem anderen Werke, das nur ausgesprochen kulturelle und soziale Probleme umfaßt, wäre die Subjektivierung einer ganzen Anschauungswelt paradox; aber wir dürfen nicht vergessen, daß die jüdische Frage die Summe unzähliger Jchgefühle ist, daß sie, dem Bedürfnis einer gleich und persönlich empfindenden Masse entsprungen, eine nahezu rein subjektive Auffassung verlangt und überhaupt nicht entsubjektiviert werden kann, weil sie ihren stärksten Zufluß aus dem Quell der Begeisterung und des Gefühls erhält. Aber in diesem Falle ist schreiben nicht nur die Produktion einer gewissen Begabung, ‘ sondern Kampf, Einsatz einer ausgeprägten Persönlichkeit und die spezifisch menschlichen Eigenschaften des Verfassers sind von ungeheurem Einfluß. Das Schreiben sollte, und besonders wenn es sich um ein Problem von solcher Tragweite handelt, wie Nietzsche sagt, immer einen Sieg anzeigen, und zwar eine Ueberwindung seiner selbstwelche anderen zum Nutzen mitgeteilt werden muß. Nun. Mathias Acher, ist eine ausgeprägte Kämpfernatur, aber ein noch unsteter und noch nicht zur Ruhe abgeklärter Sucher. Er hat den Mut, unaufhaltsam vorwärts zu gehen und überwundene Etappen ohne falsche Sentimentalität zurückzulaffen. Man weiß, wie sehr der Bildungsphilister für Beharrlichkeit der Gesinnung schwärmt, auch wenn sie stupid ist, und wie gerne eine plumpe Parteidogmatik den Strom einer freien Entwicklung dämmt. Auch Birnbaums Weg war nicht mit Rosen bestreut. Aber es war immer sein eigener Weg und wenige sind mit ihm gegangen. Es war immer eine schmale Straße, die abseits von der ausgetretenen Heerstraße der Gemeinplätze und Schlagworte lag und die er, halb ein Dichter, halb ein Denker, wandelte. Der Frühlingssturm des Zionismus hat ihn umbrausr und ihn einst tief ergriffen, ihn, den Dichter. Aber der Denker ging weiter und an ihm vorbei. Unter der Wucht der niederdrückendeu Verhältnisse suchte er für sein Volk e neu Trost, ein geistiges Surrogat und verliebte sich m einzelne Kulturericheinungen, für die e: sich restlos einsetzte. Viele haben es übertrieben gefunden, wie z B. beim Jargon. Aber - ll diesen künstlerischen und wenig praktischen Bestrebungen liegt die ti«fe Sehnsucht nach jüdischer Wiedergeburt z t Grunde, so wie die Hand des Schaffenden, gerade wenn er sich um Brot sorgen sollte, in kindlicher Genialüät Schönheit formt. Die unpraktische und absolut undemagogische Seite seines Wesens ist vielleicht das Sympathische seiner Begabung. Denn alles Schaffende ist im Grunde unbewußt und unberechnet. Haben wir es hier mit einem Charakter zu tun, der ganz aus der Art des Parkimenschen schlägt, so finden wir den Widerschein dieser zügellosen Gedankenfreiheit in allen seinen Schriften. Es ist ein gewisses Herrentum in ihnen, das man beobachten muß, das aber oft gegen den ruhigen Fluß empirischer Gedankenentwicklung verstößt. Es ist kein ruhiges Produzieren, trotzdem eine gewisse stilistische Geklärtheit den Eindruck erwecken könnte — im Gegenteil, Birnbaums Geist ist eruptiv, aufbrausend und leicht versiegend und in seinen Arbeiten ist etwas torsohaftes. Wie Apollonias an der Wucht seiner Heraklesstatue erlahmte und sie nur ein imposantes Stückwerk blieb, so streut Birnbaum eine Fülle von Problemen und Gedanken aus, ohne die Ruhe zu finden, sie auszumeißeln. Durch Birnbaums Schriften zieht sich wie ein roter Faden die Sehnsucht nach einer jüdischen Kulturrenaissance. Obgleich er sich den realen Forderungen der momentanen Notwendigkeit nicht verschließt, füllt doch dieses Sehnen sein ganzes Herz aus. Sie ist die Triebfeder seiner Handlungen, der Kern seiner Pläne, sie ist das Liebesband zwischen ihm und jenem Teil des jüdischen Volkes, der sich noch rein und ursprünglich erhalten hat. Wir brauchen dringendere Reformen, sagen die einen, die anderen übertreiben inmitten der physischen Not und Qual unseres Volkes das Bedürfnis nach dieser jüdischen Renaissance. Aber schön ist diese Sehnsucht jedenfalls und der tiefinnerliche Ausdruck einer Künstlerfeele, die den Endzweck der Kunst, veredelnd zu wirken, bei einem ganzen Volke erfüllt sehen möchte. Birnbaum ist, wie jede schöpferische Natur, ein inniges Gemisch von Dichter und Denker und nichts wäre verfehlter, bei ihm einen praktischen Wertmesser anzulegen. Wären wir im Vollbesitze unserer Volkskraft, lebten wir ein eigenes, freies Leben, so würden sich Birnbaums Fähigkeiten nicht an der harten Mauer unserer großen Volksnot brechen, nicht zersplittern an den Sorgen des Tages. Den konkreten Erscheinungen gegenüber fehlt dieser abstrakten Natur ein gewisses Schwergewicht, es ist eine höhere Atmosphäre, die sie braucht, um nicht niedergerungen zu werden. Dieser erste Band, der vor uns liegt, enthält chronologisch geordnet die ersten Etappen eines Lebens, das von dieser jüdischen Sehnsucht beherrscht ist. Am deutlichsten und prächtigsten zeigt sich dies in der „Jüdischen Moderne", die unbedingt zu den hervorragendsten, modernen Schriften über Judentum gezählt werden darf. Ueberdies ist dieser erste Band voll von größeren und kleineren Arbeiten über alle möglichen Fragen des jüdischen Lebens, die ungemein richtunggebend und tiefdurchdacht sind. Der zweite Band ist noch in Vorbereitung. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Schriften die Verbreitung finden, die sie verdienen. Sie sind in ihrem Gesamteindruck das Wirkungsvollste, was die jüdische Literatur der letzten Jahre hervorgebracht hat. Sie gehören unbedingt zur Geschichte der Bewegungen im Judentum und zum Wissen eines jeden modernen Juden. Wie man sich auch prinzipiell zu den Anschauungen Achers stellen mag, es sind Schriften von einer Bedeutung, daß sie jeder, der höheres Interesse am Judentum nimmt, unbedingt lesen sollte. Thekla Blech-Merwin. Taeitus-Aunalen. Deutsch von Horneffer. Leipzig 1910. Verlag Dr. Werner Klinckhardt. Vier Bändchen in Leinenband zu je M. 1.50. Unter dem Gesamttitel „Antike Kultur" schrieben die Brüder Horneffer in flüssigem und gewähltem Deutsch meisterhafte Uebersetzungen antiker Autoren. Tacitus wird durch sie für jeden historisch Interessierten zu einer fesselnden Lektüre, die einen Ersatz des Originales bildet, wenn es überhaupt eine Uebersetzung imstande ist. A. Shastesbury. Ein Brief über den Enthusiasmus. Die Moralisten. Deutsch von W. Frischeisen-Köhler. Leipzig 1909, Dürr'sche Buchhandlung. M. 3. Alle, denen die Schriften des „Freien Weltweisen", wie Leffing ihn nennt, im Urtext zu lesen versagt ist, werden diese Uebersetzung mit Freuden begrüßen. Es zeigt sich, daß Shastesbury, der die Zeit der Aufklärung und die klassische deutsche Literatur so stark beeinflußt hat, nicht nur für den Literar- und Kulturhistoriker, sondern auch als lesbarer philosophischer Schriftsteller noch heute von Bedeutung ist. R. L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums. Leipzig 1910. Alfred K r ö n e r. M. 1. Das Buch, von dem Friedrich Engels schrieb, man müsse die befreiende Wirkung dieses Buches selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen, nennt „Essen und Trinken das Mysterium des Abendmahles", ebenso wie nach ihm „Essen der feierlichste Akt oder doch die Initiation der jüdischen Religion" ist. Judentum und Christentum kommen also auf einen Scheiterhaufen. Jedenfalls ist die berühmte Schrift für den Kulturhistoriker unentbehrlich. Auch eines Karl Marx Stellung zur Religion wird dadurch verständlicher. A. Deutsche Arbeit. IX. Jahrgang, Heft 3 und 4. Ladenpreis zu je L 1.40. Verlag I. G. Calve, k. k. Hofbuchhandlung, Prag. Das dritte der glänzend ausgestalteten, inhaltsreichen Hefte bringt über „Die akademische Legion im Jahre 1800" einen Aufsatz von Maiwald, in dem als jüdische Teilnehmer wohl zu vermerken sein dürften: 1. Komp. Nr. 97 Pollak, 99. Prager, vielleicht auch Nr. 1 Adler u. a. 2. Komp. Nr« 7. Blaczek, 16. Edeles, 31. Guntz,

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