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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Blocks Wochenschrift. Seite sss bei Weißenfels, an der Bahn Halle—Erfurt gelegen. Seume hat viel erlebt und nicht viel Gutes. Aber mit kühnem Mute ertrug er sein trauriges Geschick. Er studierte zunächst in Leipzig Theologie, denn seine Mutter hätte ihn gerne als einen Mann Gottes auf der Kanzel gesehen, aber das Studium b-sriedigte ihn nicht, er zog nach Paris, ward aber auf dem Wege durch hessische Werber aufgefangen und mußte unter den Engländern in Kanada kämpfen. Nach seiner Rückkehr geriet er noch einmal, jetzt unter preußische Werber und mußte als gemeiner Soldat dienen. Im Jahre 1793 besserte sich sein Geschick, als er Sekretär des russischen Generals Jgelström in Warschau wurde. Später privatisierte er in Leipzig, wurde Korrektor in Grimma und unternahm 1801 eine Fußreise nach Sizilien und Paris, die er in seinem „Spaziergang nach Syrakus" schilderte, und 1805 eine Fußreise durch Rußland nach Schweden, die in seinem Buche „Mein Sommer im Jahre 1805" vorliegt. Diese Reisebeschreibungen zu lesen, bereitet noch heute, und namentlich dem Österreicher ein gewisses Ergötzen. Was er über Wien sagt, wird manchen Lokalpatrioten nicht sehr angenehm berühren. Hier mag verzeichnet werden, wie er, finster auf dem „Walle" für sich hingehend, über die Namen Wien und Donau „etymologisierte": „Vindobona, quie dat vinum bonum, Danubius, quia dat nubes“. Herb, ja bitter, aber ehrlich, charakterfest und treu, das ist das Wesen des Mannes, das sich in seinen Werken, seiner Lebensschilderung, seinen Reisebeschreibungen, seinen „Apokryphen", heutigen Tages würde man sie Aphorismen nennen, und auch in seinem verschollenen Drama „Miltiades" auspcägt. Doch was interessiert uns Juden und ein jüdisches Blatt das Leben dieses ehrenfesten Mannes? Darauf möge nun die Antwort erfolgen. In seiner Autobiographie „Mein Leben" erzählt Seume: 12 Jahre alt sei er gewesen, als sein Vater starb und-eine Witwe mit füns Kindern in mißlichen Verhältnissen zurückließ. Ein Graf Hohenthal-Krauthain nahm sich des Knaben an, er wollte für ihn sorgen und ihm etwas lernen lassen. Und nun berichtet Seume, wie er sich besonders mit dem Studium der Bibel beschäftigte und in ihr eine solche „Festigkeit und Gewandtheit" gewann, daß „er nur selten einen Spruch nicht hersagen oder angeben konnte, der verlangt wurde". „Ich wußte sehr viele Psalmen und fast alle Evangelien auswendig", fährt er fort, „sagte ziemlich genau, wie viel jedes Buch Kapitel und sogar, wie viel jedes Kapitel Verse hatte, und wo und in welcher Verbindung die sogenannten Beweisstellen standen; so daß mir von dieser Zeit an die Gewohnheit geblieben ist, bei manchen Gelegenheiten eine Reihe Bibelsprüche anzuführen, worüber zuweilen Theologen sich etwas wundern.." „Meine Belesenheit und der Strom meiner Beweisstellen setzten nicht selten sogar den Pfarrer (M. Schmidt) in Erstaunen." („Mein Leben", S. 23.) Wieder haben wir hier das Bekenntnis eines bedeutenden Mannes, wie viel die Bibel auf seinen ersten Bildungsgang Einfluß genommen. In der „Bibelweisheit" war er auch der Erste, als er zum Rektor Korbinsky nach Borna gekommenin dieser tat es ihm auch dort niemand zuvor. Nun wollen wir auch etwas von seinen hebräischen Studien hören, die er in Leipzig trieb, wohin er auf die Universität kam. Lassen wir ihn selbst erzählen: „Des Hebräischen hörte ich bei Dathe sehr viel und sehr fleißig und ich erinneste mich, daß ich damals Dutzende Psalmen und ganze Kapitel aus den anderen Büchern auswendig wußte . ." Und dieses Hebräische hätte ihm damals bald einen üblen^ Handel zugezogen. Er wurde nämlich von einem Edelmanne aus Thüringen, „der wohl auch einmal vor einer hebräischen Schule vorbeigelaufen sein mochte", wegen seiner hebräischen Studien gehänselt. Spöttisch rief er ihm die Regel aus der hebräischen Grammatik „Noshe veh Kalepbdan“ zu. Fast wäre es infolge dieser Spötteleien zu einem Zweikampfe zwischen den „hebräischen Streithähnen" gekommen, wenn nicht die Bäckersfrau und ihre Tochter, in deren Hause Seume wohnte, als Vermittlerinnen in diesem Streite herbeigeeilt und die Beiden „mit gehörigen Gründen auseinander gebracht hätten". — („Mein Leben", S. 43, 44). — Diese Geschichte interessiert uns nicht so sehr, als die Worte „Moshe veh Kalephdan“, welche Seume als eine „Regel der hebräischen Grammatik" zitiert. Wir gestehen, es bedurfte langen Nachdenkens, auf welche Regel Seume anspielt. In der Grammatik von Gesenius wird man vergeblich nach dieser Regel suchen. Aber in älteren, namentlich von jüdischen Grammatikern herausgegebenen Werken, wird man finden, daß in diesen Worten M o s ch e h, K a l e b, Ethan, die „Bedienungsbuchstaben, die „Schimuschioth" enthalten find, welche Zeit, Person, Zahl und Geschlecht ausdrücken, die sogenannten "Präformativa und Afformativa. Das ist das Geheimnis des „Moshe veh Kalephdan“. Die Transskription des guten Seume ist wirklich eine rätselhafte, fast möchte man sagen, eine geheimnisvoll-kabbalistische. Seit dem Jahre 1780 hat Seume, wie er weiter selbst erzählt, keine hebräische Zeile wieder gelesen. „Seit dieser Zeit habe ich diesen Artikel so ganz vergessen, daß ich kaum mehr weiß, was Schwa und Mappik und Kal und Hithpael ist..." Uns aber schien es doch, schon vom kulturhistorischen Standpunkte aus, interessant, auf diese beiden hebräischen Studien S e u m e s hinzuweisen, dessen wohl jetzt, an seinem 1O0. Todestage, Mancher, und nicht allein der Literarhistoriker gedenken wird. In unserer Zeit, in der die Eintagsfliegen der Literatur so trefflich gedeihen, wird man sich des mit Unrecht in Vergessenheit geratenen Mannes erinnern, der seit hundert Jahren auf dem Friedhofe in Teplitz ruht. Und sei es nur darum, weil er das Gedicht „Der Wilde" geschrieben. — Wir aber glaubten durch die Ausgrabung der Anekdote von S e u m e s hebräischen Studien und des merkwürdigen „Moshe veh Kalephdon“ nicht nur einen Beitrag zur Erinnerung an den vortrefflichen Mann geliefert zu haben, sondern auch ein Beispiel dafür, wie die heilige Sprache oft verballhornt wird. Doch dies soll Seume nicht zum Vorwurfe gemacht werden. Wir haben jetzt wieder mit großem Vergnügen sein „Leben" gelesen, empfehlen es den jungen Leuten von heute, damit sie aus ihm das Bild eines wahrhaft charakterstarken, durch das Leid sich durchringenden Mannes kennen lernen. Solcher Beispiele besitzen wir nicht allzu viele. Auch wir Juden wollen an seinem 100. Todestage Seumes gedenken, der unsere Bibel und unsere Sprache zu seinen ersten Bildungselementen zählte. Dr. M. G r ü n f e l d. Sagenhafte Synagogen in Egypten. Geehrter Herr Redakteur! In der Nr. 21 der „Oesterreichischen Wochenschrift" habe ich mit vielem Vergnügen von drei sagenumsponnenen Synagogen in Egypten gelesen. Eine davon hatte ich vor 5 Jahren Gelegenheit zu sehen. Sie befindet sich in Alt-Kairo, einer reichbevölkerten Vorstadt südlich von Kairo. Alt-Kairo liegt neben einer von Nilarmen eingeschloffenen Insel Roda und enthält sehenswerte Altertümer, darunter die Stelle, wo die egyptische Königstochter beim Baden Moses als Knäblein im Schilfrohr fand. Der Nilarm macht dort eine scharfe Kurve und die etwa 10—20 Meter hohe und steile Böschung des einen Users ist mit großen Steinquadern gepflastert, während das andere Ufer flach und von einer gut gepflegten Straße umgeben ist. Von dem Schilfrohr, von dem uns die Bibel erzählt, ist heute keine Spur mehr zu finden. Lange und bewegten Herzens betrachtete ich diesen Ort, wo das große erschütternde Drama des israelitischen Volkes seinen Anfang nahm. Von dort lenkte ich mit meinen Begleitern, meinem Bruder, Herrn Spiegler aus Wien und einem Dragoman, meine Schritte nach der nicht weit von hier entfernten Koptischen Kirche, einem altertümlichen Holzbau, wo Maria mit dem Kindlein auf ihrer Flucht aus Palästina ein Asyl gefunden haben soll. Nicht weit von dieser Kirche steht die alte ehrwürdige Synagoge, die durch ihre Rekonstruktion ein etwas mehr modernes Aussehen erhalten hat. Das Innere des Baues ist sehr einfach gehalten und mit einer auf Säulen ruhenden Galerie für Frauen versehen. Was mir hier besonders auffiel und worüber ich auch von dem anwesenden „Schammes" keine genügende Aufklärung finden konnte, war ein ziemlich in der Mitte des Betraumes stehender sargähnlicher

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