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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Seite 391 Dr. Blochs Wochenschrift. heit als Kämpfer für Freiheit und Fortschritt auf dem Standpunkte, daß man immer den Unterdrückten gegen die Unterdrücker, den Minoritäten unter den Nationen gegen die sie gewaltsam unterdrückenden Majoritäten beistehen müsse. Wir vernrteilen daher aufs schärfste die Art, primitivsten politischen Rechtes, ihres freien Bestimmungsrechtes beraubt zu werden. Mit Rücksicht darauf, daß aber die rumänische Bevölkerung in Ungarn nur politisch gedrückt wird, als Menschen jedoch volle Rechte besitzen, während unseren Stammesgenossen in Rumänien noch immer wie in Rußland die Gleichberechtigung sogar auf dem Papier verweigert wird — obwohl Rumänien sich ein Kulturland nennt — verbietet uns unser Nationalstolz und unsere Selbstachtung, uns einem öffentlichen Protest für Gleichberechtigung der Rumänen in Ungarn anzuschließen. Emunah: oauä. Ml. Julan Silberbusch; Hasmonea: oauä. jur. Karl Ludwig Allerhand; Hebronia: cand. phii. Albert Pilpel. Die Selbstwehr der rumänischen Juden. Die systematische Hetze gegen die Juden, die von den Professoren Jorga und Cuza zu einer antisemitischen Volksorganisation geführt hat, sowie die Erkenntnis, daß vom Auslande keine Hilfe zu erwarten sei, hat die führenden rumänischen Juden schließlich dennoch dazu gebracht, die Verteidigung ihrer Interessen selbst in die Hand zu nehmen. Es gelang ihnen, mit ihren Wünschen auch Eingang in die allgemeine Presse zu finden. Hervorragende Rumänen, wie Panu, veröffentlichen jetzt häufig aufklärende Artikel zugunsten der Juden und der Deputierte Arion ergreift jede Gelegenheit, um im Parlamente für die Juden einzulreten. Die Adresse, welche die Juden dem König überreichten, blieb wohl ohne unmittelbaren Erfolg, die Juden find jedoch entschlossen, sich hiedurch nicht abschrecken zu lassen und gegen jede Ungerechtigkeit der Regierung energisch zu protestieren. So überreichte erst jüngst eine Deputation des jüdischen Schulkomitees, bestehend aus den Herren Dr. Beck—Bukarest, Dr. Niemirower—Jassy und Dr. Olivenbaum—Botoschani, dem Unterrichtsministerium ein Memorandum, in welchem gegen die ungerechte Behandlung der jüdischen Schulen seitens der Behörden Beschwerde geführt wird. Die Judenverfolgungen in Rußland. Petersburg. Vielen aus Kiew ausgewiesenen Juden, die sich im benachbarten Gouvernement Tschernigow im Villenorte Darniza niederließen, wurde anbefohlen, diesen Ort binnen vier Tagen zu verlassen. (Das Gouvernement Tschernigow liegt im jüdischen Anfiedlungsrayon, wo die Juden bis jetzt unbeschränkt wohnen durften. Anm. d. Red.) Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhielt folgende Nachricht: Zum Geburtstag des Zaren sandte der bekannte Millionär und Philanthrop Leo Brodski im Namen der jüdischen Gemeinde in Kiew ein Huldigungstelegramm an den Zaren mit der untertänigsten Bitte, der Zar möge an diesem Tage in Gnaden der aus Kiew ausgewiesenen Juden gedenken und ihnen das Verbleiben in Kiew gestatten. Auf dieses Telegramm ist eine Antwort nicht erfolgt. Dagegen dauern die Massenausweisungen fort. Die Zahl der Ausgewiesenen wächst von Tag zu Tag. Auch eine Reihe von Juden, die bisher nicht auf der Liste der Auszuweisenden standen, mußten Kiew verlassen. In Privatwohnungen werden nächtliche Haussuchungen vorgenommen, um festzustellen, ob Juden, denen man das Wohnrecht verweigert, im Hause find. Ein unschuldig Hingerichteter Jude. In einer der letzten Dumafitzungen richtete der Kadetenführer Wiljukow an die Regierung eine Anfrage betreffend den unschuldig zum Tode verurteilten und Hingerichteten jüdischen Knecht Glusker. Vor einigen Jahren wurde im Städtchen Potschew die ganze Familie des Kaufmannes Bichowski ermordet aufgefunden. Die Wohnung war vollständig ausgeraubt. Nur ein fünfjähriges Enkelkind des alten Bichowski blieb von den Mörder unbemerkt am Leben. Dieses Kind, der einzige Zeuge der Bluttat, bezeichnete den bei der Familie bediensteten jüdischen.Knecht Glusker als den Mörder und ein christliches Dienstmädchen mit seinem Cousin als Mitschuldige. Das Kriegsgericht verurteilte Glusker zum Tode und seine angeblichen Mitschuldigen zu langjähriger Zwangsarbeit. Da der Justizminister in der Nachbarschaft des Städtchens begütert ist und um jene Zeit auf seiner Besitzung weilte, erwies stch das Kriegsgericht besonders eifrig und vollzog das Todesurteil an Glusker noch am selben Tage, trotzdem Glusker bis zur letzten Minute seines Lebens seine Unschuld beteuerte und auch die öffentliche Meinung dahinging, daß er nicht der Mörder sein könne. Die öffentliche Meinung fühlte fich durch den Justizmord sehr beunruhigt und es bildete fich ein Komitee, das die Ausforschung der wahren Täter betrieb. Ein russischer Beamter, namens Rabotnew, der an der Spitze dieser Bewegung stand, war nun vor Kurzem in der Lage, die wahren Mörder namhaft zu machen. Es sind das vier übelbeleumundete Bauern, die wegen inzwischen begangener anderer Verbrechen eine Zuchthausstrafe abbüßen. In der hierauf eingeleiteten Untersuchung haben die Mörder ihre Schuld bekannt und schauerliche Details über die Mordtat erzählt. Als Mitschuldige erscheinen die Frauen der Bauern, die ihre Männer zur Mordtat verleiteten und in deren Besitz die geraubten Gegenstände, soweit fie nicht bereits zu Geld gemacht wurden, noch vorgefunden wurden. Die angeblichen Mitschuldigen Gluskers wurden bereits auf freiem Fuß gestellt. Die vier Bauern wurden nunmehr zum Tode verurteilt. Der Deputierte Wiljukow fragt nun, welche Genugtuung die Regierung der Familie Gluskers, der leider nicht mehr zum Leben erweckt werden könne, diesen für Justizmord zu leisten geneigt sei. Das Wohnrecht des „jüdischen Nutzviehs". Das ist das neueste Kulturproblem, mit dem fich der russische Senat jetzt zu befaffen hat. Entstanden ist das Problem durch einen Brief, den der Dumadeputierte Professor Lutschizki aus dem in seinem Wahlkreise liegenden Dorfe Komarowka erhalten hat. „Wir wohnen hier drei jüdische Familien", so heißt es in dem Schreiben, „wir halten einige Stück Vieh, das wir zur Wirtschaft benötigen und ohne das man in einem Dorfe nicht existieren kann. Unser Vieh schicken wir, wie alle übrigen Dorfbewohner in den ärarischen Wald auf die Weide und zahlen dafür eine bestimmte Gebühr. Bis jetzt hat unser Vieh selbst in den Zeiten schrecklichster Judenverfolgung das Joch des jüdischen Golus nicht zu spüren bekommen und durfte ungestört im ärarischen Walde weiden. Jetzt aber, da fich über uns wieder ein Platzregen von Senatserklärungen über die Judenfrage ergießt, wurde plötzlich das Verbot erlassen, „jüdisches Vieh in ärarischen Wäldern weiden zu laffen". Begründet wird dieses Verbot damit, daß die bisherige Erlaubnis so viel bedeute, daß den Juden ein Stück Wald in Pacht überlaffen werde, was jedoch gesetzlich verboten sei. Diese Gesetzauslegung ist'für uns ein Unglück, da wir hierdurch unserer einzigen Erhalter beraubt werden". Die Komarower Juden bitten schließlich ihren Abgeordneten, für fie an kompetenter Stelle bittstellig zu werden. Abgeordneter Lutschizki meinte nun einem Redakteur gegenüber, daß er eigentlich die Absicht gehabt habe, sich in dieser Angelegenheit an den Kiewer Tierschutzverein zu wenden, doch befürchtete er, daß man dort glauben werde, daß er fich über den Verein lustig machen wolle und vielleicht die Geschichte von den Kühen, die Pharao im Traume gesehen, travestieren wolle. Er wandte fich daher an den Senat, der jetzt über das Wohnrecht des jüdischen Viehs eine Erklärung abzugeben haben wird. Petersburg. Die „patriotische" Preffe entrüstet fich über einen „unmöglichen" General, dem folgendes Verbrechen vorgeworfen wird: Die jüdischen Soldaten der in Neswish (Gouvernement Minsk) einqnartierten Brigade erhielten die Erlaubnis, den Seder-Abend gemeinsam abzuhalten. Der General besuchte das festliche Mahl mit seiner Suite, sprach bei dieser Gelegenheit seine Genugtuung über die Führung der jüdischen Soldaten aus und mißbilligte die antisemitischen Auftritte in der Reichsduma. Einem der Soldaten, Namens Rotband, wurde gestattet, dem General zu antworten. Die Dankrede gefiel dem General so sehr, daß er dem Soldaten die Hand reichte und ihn küßte. Die Empörung der Patrioten ist durchaus begreiflich. Der Vorfall ist ja unerhört! Und nun erörtern sie, ob ein solcher

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