Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021897--19339-3044316
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 390 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 23 mals entgegenzunehmen. Das Denkmal müsse, wenn es von Juden errichtet, auch dem Wesen nach jüdisch sein, und das könne nur durch die Schaffung einer großen kulturellen oder philanthropischen Anstalt geschehen. Dr. Adler hat von Lord Rothschild bereits den Ausdruck der Sympathie für diese Bewegung und die Zusicherung erhalten, daß er sich auch persönlich für die Sache intereffieren werde. Die Versammlung beschloß im Sinne der Ausführungen des Chief Rabbi. Die Sammlung der Spenden hat bereits begonnen und um das Werk wirklich eine Schöpfung aller Juden, auch der ärmsten Juden des englischen Reichs werden zu laffen, wurde beschlossen, Spenden von 6 Pence angefangen entgegenzunehmen. Lord Rothschild über feine Beziehungen zu König Cduard. In einer allgemeinen Trauerversammlung in Buckinghamshire hielt Lord Rothschild dem verstorbenen König Eduard einen Nachruf, in welchem er ü. a. ausführte: Lord Carrington und ich standen zum verstorbenen Könige in ganz anderen Beziehungen, wie die Mehrzahl seiner Untertanen. Noch als Jünglinge besuchten wir zu gleicher Zeit das Trinity College und es bestand zwischen uns eine aufrichtige Freundschaft, die der damalige Prinz von Wales seinen Schulkollegen gegenüber aufrechterhielt, auch als er auf dem Throne saß, wenn auch der ungezwungene Verkehr von ehedem eine Aenderung erfuhr. Wann und wo immer aber König Eduard seinen Jugendfreunden begegnete, begrüßte er sie mit jener Herzlichkeit die nur der Ausdruck alter, bewährter Freundschaft sein kann. Auch in der Board of Deputies ergriff Lord Rothschild das Wort, um seinem königlichen Freunde Worte des Gedenkens zu widmen. Er schloß seine Rede mit den Worten: „Gibt es etwas Rührenderes, als die Bezeichnung Königin-Mutter? Es bedeutet eine Frau, die Königin war, ihren Gatten verlor und jetzt einen Sohn auf dem Thron hat. Das Mitleid der ganzen Nation ist ihr Zugewendet. Und wir als Juden mit unserer starken Familienliebe empfinden dieses Mitleid noch mehr und rufen bewegt: Ledolauw, scholaum! Möge der Gott Israels Frieden verleihen dem König! Möge er wandeln die Wege seines Vaters, den wir verehrten als Herrscher und anbeteten als unseren Freund!" Der alte Prager jüdische Friedhof. Beneschau bei Prag den 8. Juni 1910. Aus den Prager Tagesblättern dürften Sie wohl ersehen haben, wie weit der Haß des tschechischen christlichsozialen Abgeordneten Myslivec und Baumeister Schaller zu gehen vermag, die im Prager Gemeiuderat in einer Eingabe den Antrag stellten, den denkwürdigen jüdischen Friedhof. das Rathaus und die zwei Synagogen zu demolieren, die zu den ehrwürdigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählen. Das Organ des Professors Masaryk, der „0as", brachte hierauf am anderen Tage nachstehenden Artikel: „Bestia triumfans. In der am 6. Juni stattgefundenen Gemeinderatssitzung der Stadt Prag gelangte unter anderem der Antrag des klerikalen Abgeordneten Myslivec und des Baumeisters Saller zur Verhandlung. Die Antragsteller fordern in demselben die gänzliche Beseitigung des alten jüdischen Friedhofes und aller umliegenden Denkwürdigkeiten, u. zw. der beiden Synagogen, des jüdischen Rathaujes, Krankenhauses und Badhofes. Es möge dies nicht so sehr aus Kommunikationswie aus ästhetischem Interesse geschehe. Es sei unerhört, wenn das christliche Volk in der Mitte der Stadt einen jüdischen Friedhof duldet. Besitzen die mit Scherben und Steinen bedeckten Grabsteine einen Morschen Wert, dann mögen sie die Juden an einem anderen Ort, vielleicht nach Straschnitz übertragen, dort mit einem Dache bedecken, damit sie durch die Witterung keinen Schaden erleiden." Und dieser Antrag wurde dem Stadtrate zur eventuellenBerichterstattung zugewiesen. Vermutlich sind wir noch zu wenig blamiert. Wenn sich das kulturelle Niveau der Stadt Prag der allgemeinen Kultur nähert, dann kommen die Herren Mys livec und Schaller mit einem derartigen Antrag. Doch nicht genug daran, daß derselbe überhaupt zur Verhandlung zugelassen wird, zieht man denselben im Gegenteil in Erwägung. (Wen hindern denn diese Denkwürdigkeiten, die zu den interessantesten und mit Prag geradezu eng verwachsenen zählen?) Das ist ein Skandal, den man mit einigen Worten gar nicht abtun kann Man sagt von uns, wir seien ein jüdisches Blatt und wird dies wohl nach unserem heutigen Artikel wieder behaupten. Das kann uns jedoch nicht hindern, auf diesen neuen Kulturskandal der Stadt Prag hinzuweisen. Besäßen die Botokuden irgend eine Denkwürdigkeit in Prag, die sich hier einlebte, man würde sie gewiß schonen. Aber ein vorsätzlicher Haß, der Haß eines Unintelligenten, bsstia triumfans, in des Wortes schlimmster Bedeutung, der bleibt auch vor der stillen Trauer vergangener Generationen dieses oder jenes Glaubens n i ch t st e h e n. Die Handlungsweise der Preußen in Posen ist verachtenswert, hat jedoch irgend einen Hintergrund und man vermag sie zu begreifen. Den Antrag der ehrenwerten Brüder Myslivec und des Herrn Schaller wird man nicht begreifen, wenn er auch zehnmal aus dem Gemeindein den Stadtrat wandern sollte. Gegen solche öffentliche Erscheinungen protestieren wir, aber auch gegen die Alt und Weise, wie mit derartigen Sachen umgegangen wird. Dafür gibt es nur eine nützliche Sache: den Papierkorb. Dahin gehören ähnliche Anträge, damit sich diejenigen nicht bloßstellen, die sie annehmen, und das Gefühl derjenigen nicht empören, die für Recht, Gerechtigkeit, Pietät, Aesthetik und andere Begriffe Sinn haben, der den Antragstellern ganz und gar abgeht. Es gibt Tatsachen, die mit dem Tschechentnm unter keinen Umständen etwas gemein haben, dagegen imstande sind, uns zu verrohen. G. R e i ch n e r. Judenexzesse in Galizien. Seit einigen Wochen machte sich in der Dorfgemeinde Futoma, beim Städtchen Blazowa (politischer Bezirk Rzeszow) eine Bauernbewegung bemerkbar, die immer deutlicher einen judenfeindlichen Charakter annahm und bereits zu argen Exzessen geführt hat. Vor wenigen Tagen überfielen vier Bauernjungen das Haus des Trafikanten Abe Tag in Futoma. Die Scheiben wurden eingeschlagen, der Fußboden in seiner Wohnung ausgerissen, der Eigentümer Abe Täg wurde zu einem in seinem Hause mit Schweinfett angestrichenen Faß hingeführt und unter Androhung von Knüttelschlägen gezwungen, davon Wasser zu trinken.c.Die vier° Bauernjungen Maciolek, Kruczek, Peter und Franz Kustra wurden von der Gemeindegendarmerie verhaftet, jedoch infolge Intervention des Geistlichen vom Gericht auf freien Fuß gesetzt. Die Exzeffe fanden dann ihre Fortsetzung. Gegen Mitternacht umzingelten unbekannte Täter das Haus des Lazar Blau in Futoma und bewarfen es mit Steinen und am nächsten Tage fand man am Eingangstor des Hauses einen Zettel folgenden Inhalts: „Pack dich von dannen, sonst wirst du erschossen." Nächsten Tag wurde der Jude Markus Lauser mit Heugabeln blutig geschlagen und sein Haus umzingelt. Der Gemeindevorstand verweigerte den Juden jede Intervention und ebenso wollte die Gendarmerie vom Augenblicke, da das Gericht die ergriffenen Täter freigelaffen hatte, nicht mehr eingreifen. Die Rumänen in Ungarn und die Juden in Rumänien. (Ein Manifest der Bukowinaer jüdischen Studenten.) Aus Czernowitz wird uns geschrieben: Am 30. Mai trat der Seniorkonvent der drei jüdischnationaleu akademischen Verbindungen „Emunah", „HasMonea", „Hebronia" zusammen und gab in Angelegenheit der geplanten von den rumänischen Studenten einberufenen Versammlung betreffend die Uebergriffe der ungarischen Regierung bei den Reichstagswahlen gegen die ungarländischen Nationen folgende Erklärung ab: Wir jüdischnationale Studenten stehen getreu unserer historischen Vergangen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.