Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 389 Dr. Blochs Wochenschrift. glaubten, so mag das zur Beruhigung jener beitragen, die in jeder religiösen oder religionspädagogischen Neuerung eine Nachahmung fremder Sitten und Gebräuche erblicken. Wenn der Religionsunterricht zur Erweckung religiöser Stimmungen und Erlebnisse führen soll, wird sich der Lehrer der Pflicht nicht entziehen können, Religion nicht bloß zu lehren, sondern auch schauen und erleben zu lassen. Da dies im Schulzimmer nicht gut möglich ist, mutz die Jugend dorthin geführt werden, wo religiöses Leben und religiöse Kultur anzutreffen sind. Ich denke hier in erster Reihe an das jüdische Museum. Ein Museum ist gewiß eine schöne Sache, es erweckt aber auch die Vorstellung von Tod und Atavismus. Hochaufstrebende, mitten im Leben stehende Völker haben nicht notig, ihre Kulturerzeugnisse in staubbedeckten Vitrinen auszustellen. Wer sonach nicht gewillt ist, das Judentum zu den Toten zu werfen, wird sicherlich von dem Wunsche erfüllt sein, dem jüdischen Museum etwas Leben und Aktualität einzuhauchen. Ein kleiner Anfang wäre dadurch gemacht, datz der Religionsunterricht ab und zu in den Räumen dieses Museums abgehalten wird. Durch den frischen Hauch der Jugend würden die daselbst ausgestellten, toten Objekte, wie einst das Trümmerfeld des Propheten, zu neuem Leben erwachen. Ethnographische und kunsthistorische Sammlungen sind gediegene pädagogische Behelfe und können allenfalls zu religiöser Erbauung verwendet werden, wenn die ihnen zugrunde liegende religiöse Idee plastisch hervorgehoben und richtig verwertet wird. Durch die Gemeinsamkeit der geistigen Konzentration auf einen heiligen Gegenstand wird eine weihevolle Stimmung geschaffen, welche durch die sich anschließende Belehrung noch gesteigert wird. Ohne sich in kunstgeschichtliche Details verlieren zu müssen, kann aus einer kunstvoll gearbeiteten Sederschüssel oder einer durch Alter und Abstammung geweihten Riechbüchse sehr viel «religiöses Fluidum gewonnen werden. Als Ergänzung wäre behufs Projizierung von Lichtbildern die Aufstellung eines Apparates samt Diapositiv daselbst zu empfehlen. Heber den pädagogischen Wert des Lichtbildes braucht heutzutage kein Wort mehr verloren zu werden. Infolge seiner intuitiven Fähigkeit, die unserem reiferen, aufs Abstrakte gerichteten Denken versagt ist, wird dem jugendlichen Schüler das im Bild Geschaute zu realer Wirklichkeit, zum Erlebnis. Epochemachende Ereignisse der jüdischen Geschichte und Literatur, im Lichtbilde dargestellt, graben sich tief in die Herzen der Jugend ein und sind geeignet, eiserner Bestand ihres jüdisch-religiösen Fonds zu werden. Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, datz taktvolle Auswahl der Stoffe und deren künstlerische Bearbeitung auch hür eonäitio 81116 qna non ist. Als weiteres Ziel periodisch wiederkehrender Exkursionen betrachte ich die jüdische Gemeindebibliothek. Jahre hindurch wird der Schüler mit jüdischer Literaturgeschichte gefüttert, werden ihm Zahlen. Namen und Titel von Büchern vorgetragen, von denen er niemals auch nur eine Zeile zu Gesicht bekommt. Was ihm davon haften bleibt, sind vage, aber unangenehme Erinnerungen an die Zeit, da er diese Dinge auswendig lernen mutzte. Weshalb soll der Schüler nicht in die Lage kommen, einmal auch ein leibhaftiges Talmud- oder Responseneremplar mit eigenen Augen zu sehen, die hervorragenden Werke unserer wissenschaftlichen und belletristischen Literatur oder gar eine interessante Handschrift kennen zu lernen? Ist es so ganz ausgeschlossen, datz er dadurch möglicherweise zu häufigerem Besuch dieser Bibliothek oder — horribile dictu — zum Studium der jüdischen Literatur angeregt würde? Nicht von der Hand zu weisen ist der Versuch, mit den Schülern höherer Klassen unsere Friedhöfe zu besuchen. Als eine Stätte des Lebens würde der jüdische Friedhof sich auch in diesem Falle erweisen und Milieu und Stimmung ihre pädagogische Wirkung an solch geheiligtem Ort gewitz nicht versagen. Man braucht noch kein großer Pädagoge zu sein, um herauszufinden, datz an den Gräbern von Mannheimer. Iellinek. Fischhof. Werth ei m stein. Oppenheimer. Lircerna. Herzt asm. die Monotonie des Geschichtsunterrichts religiös belebt und verklärt werden kann. Nicht minder lohnenswert ist es, die Schüler nach Alter und Maßgabe der Verhältnisse alle anderen kulturellen und humanitären Institutionen der Wiener Iudenheit durch Selbstanschauung kennen lernen zu lassen. Spital. Versorgungshaus. Blindeninstitut. Rekonvaleszentenheime. kurz alle, in welchm der jüdischreligiöse Geist in seinen elementaren Lebensäußerungen erkannt wird. Abgesehen von der Fülle historischer Anregungen. die hier geboten werden, sieht sich der Schüler mitten in das Feld religiös-ethischer Arbeit versetzt und durch Beispiel und Selbstbetrachtung zu ähnlichen, selbständigen Handlungen angeregt, was ja das Ideal aller religiösen Belehrung bildet. Da der Iugendgottesdienst einen wesentlichen Bestandteil des Religionsunterrichts bildet, besser gesagt, bilden soll, wird er gleichfalls nach dem Grundsatz der Selbstbetätigung der Jugend einzurichten sein, in der Weise, datz die gottesdienstlichen Funktionen von den Schülern selbst verrichtet werden. Ich denke dabei zunächst an das Vorbeten und Vorlesen aus der Thora, doch trage ich keine Bedenken. die besten Schüler der siebenten und achten Klasse von Fall zu Fall auch zur Abhaltung der Erhörte heranzunehen. Ein segensreicher Wetteifer würde dadurch entstehen, der geeignet ist. die mannigfachen Schwierigkeiten der Vorbereitung und Ausbildung für die Abhaltung der jugendgottesdienstlichen Funktionen zu beseitigen. Wenn es gelingen sollte. nach einer gewissen Uebergangszeit dahin zu kommen, datz alljabbatlich abwechselnd je eine Schülergruppe sich freiwillig zur Verrichtung der gottesdienstlichen Funktionen meldet, so wäre, abgesehen von der Hebung und Belebung des Iugendgottesdienstes. das heitzersehnte Ziel des ..Hebräisch"-Unterrichts erreicht : die verständnksvolle Teilnahme der Heranwachsenden Jugend an dem iüdischen Gottesdienst. Freilich mutzte dann die ..Hebräisch"-Stunde ausschließlich der mgendgottesdienitlichen Sabbat- und Festtagsliturgie gewidmet sein. Allen diesen Versuchen und Vorschlägen, welche ich noch vermehren könnte, liegt die Absicht zugrunde. das gesprochene Wort des Lehrers, das unter allen Umständen das zentrale Unterrichtsmittel bleibt, durch die Selbstbetätigung des Schülers zu ergänzen, um ihm solcherart zu jenen religiös-ethischen Gefühlen und Erlebnissen zu verhelfen, woraus sich der Begriff „jüdische Weltanschauung" zusammensetzt. Vergessen wir nicht: Alle die hier besprochenen Behelfe haben auch wir in der Jugend benützt. Freilich waren sie. auf einem engen Raum zusammengedrängt, uns leichter zugänglich: In unserem Elternhaus. Korrespondenzen Ein Denkmal der Inden für König Eduard. Vorige Woche fand in London eine maffenhast besuchte Versammlung der jüdischen Bevölkerung Londons statt, um über einen Vorschlag des Chief Rabbi Dr. Adler, dem verstorbenen König von England ein ausschließlich aus jüdischen Mitteln zu errichtendes Denkmal zu setzen, zu beraten. In seiner Rede bat Dr. Adler über die Form des Denkmals noch nicht schlüssig zu werden. Gegen die Anregung, ein Denkmal aus Erz oder Stein zu errichten, müsse er sich aussprechen, da dies der jüdischen Tradition widerspricht. Er wolle auch bei König Georg in Audienz erscheinen um seine Wünsche in Bezug auf die Form des Denk-