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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 3b8g Dr. Vlochs Wochenschrift. .Nr-. 23 starken Persönlichkeiten zu erziehen, in deren Leben die Ehre des Judentums und die Liebe zu jhm sich als ewig gleichbleibende, sittliche Kraft bewährt? Oder mit anderen Worten, in dem Schüler ein solches Maß von Kenntnissen, Stimmungen und Empfindungen zu erzeugen, das genügt, um sich zur jüdisch-religiösen Individualität zu verdichten. Es wird deshalb vor allem darauf ankommen, den inneren Menschen im Schüler zu ergreifen, die in ihm schlummernde religiöse Energie wachzurufen und spannkräftig für die Zeit seines Lebens zu erhalten. Ohne an dem gegenwärtig bestehenden Lehrplan, der unter den gegebenen Verhältnissen zweifelsohne der beste ist, irgendwelche Kritik zu üben, darf ich gleichwohl die Behauptung wagen, daß selbst bei dessen bester und pädagogisch einwandfreiester Handhabung das erwähnte Ziel entweder gar nicht oder nur in Luderst seltenen Fällen erreicht wird. Deshalb nicht, weil er, auf dem alten System des Prüfens und Vortrages beruhend, Religion ausschließlich durch das Medium des Wortes vermittelt, wodurch aber bestenfalls die Oberfläche niemals, jedoch die Seele des Schülers berührt wird. Bei aller Hochachtung vor dem gesprochenen Wort, als uraltem, erprobtem Erziehungsmittel, wird dessen religions-pädagogischer Wert denn doch vielfach überschätzt. Das Wort ist ein Organ der menschlichen Vernunft, um religiöse Gefühle und Willenskräfte zu wecken, ist es für sich allein zu schwach. Gewiß, auch Moses, der größte und älteste Religionslehrer hat kn seinem Erziehungswerk des lebendigen, unmittelbar gesprochenen Wortes sich bedient, nicht minder hatten die Propheten durch ihre flammende Predigt das Volk vor Verfall und Verderben bewahrt und ebenso waren unsere Eltern bestrebt, durch Belehrung und Unterweisung religiöse Wärme in uns zu erzeugen. Wir dürfen aber nicht vergessen: hinter den Worten der Propheten und Weisen stand deren machtvolle, ehrfurchtgebietende Persönlichkeit, und was unsere Eltern betrifft, so war es die in jedem Augenblick ihres Lebens sich kundgebende, von den Kindern erlebte und angeschaute, religiöse Tat, die ihren Worten religiöse Kraft verlieh. In beiden Fällen war sonach das religiöse Erlebnis das Zentrale, welches durch das gesprochene Wort eine wirksame Unterstützung erfahren. Ganz anders liegen die Dinge bei der heutigen jüdischen Jugend. Sie erhält durch das Elternhaus keinerlei religiöse Antriebe. Da es keinen Resonanzboden hat und nirgendwo in ethische Arbeit umgesetzt wird, muß selbst das noch so schön und wirkungsvoll vorgetragene Wort an Frische immer mehr verlieren, bis es schließlich spurlos in der Luft verhallt. Selbst den allergünstigsten Fall angenommen, daß der Abiturient beim Verlassen der Schule die paar hundert Verse des absolvierten Lehrpensums tadellos zu übersetzen vermag und in der jüdischen Geschichte überall Bescheid weiß, fehlt ihm zur jüdischen Persönlichkeit noch immer das wichtigste, nämlich — das Judentum. An diesem Punkt wendet sich das Problem des jüdischen Religionsunterrichtes an den Mittelschulen. Wo soll hier die Umgestaltung einsetzen? Um es nochmals zu betonen, es handelt sich hier nicht um eine .radikale Aenderung des bestehenden Lehrplanes, sondern nur um den Versuch, einige neue, von der modernen Schulreform gebotene Hilfsmittel zu besprechen, die mir für die Ausgestaltung des Religionsunterrichts besonders zweckdienlich erscheinen. Wenn ich auch die großen Schwierigkeiten keineswegs verkenne, die sich der praktischen Durchführung derselben entgegenstellen, so weiß ich auch zugleich, daß sie, weil mehr technischer und schuladministrativer Natur, durchaus nicht unüberwindlich sind. Für die Verinnerlichung der ganzen religionspädagogischen Arbeit erscheint mir unerläßlich die Einsicht in die Erkenntnis, daß „jüdische Religion" kein Unterrichtsgegenstand im herkömmlichen Sinne des Wortes ist. Ohne die alte Frage zu entscheiden, ob Religion überhaupt gelehrt werden könne, muß eingeräumt werden, daß durch die Gleichstellung von Religion mit den übrigem Unterrichtsfächern die Sache Schäden erleiden muß. Es genügt aber nicht, diesen Gedanken bloß auszusprechen, man muß auch den Mut haben, ihn bis zu seinen letzten Folgerungen durchzüdenken. .Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint schon die bloße Erteilung des Religionsunterrichts im üblichen Klassenzimmer von Uebel. Religion setzt freudige Bereitschaft und eine feierliche Gemütsverfassung voraus, wovon aber das gerade Gegenteil eintritt, sobald die religiöse Unterweisung in dem nämlichen Raume erfolgt, wo kurz vorher sprachliche und mathematische Schularbeiten gemacht, das will heißen, alle Register der Angst und Aufregung aufgezogen wurden. Wie oft hatte ich selber Gelegenheit, recht trübe Erfahrungen in diesem Belang zu machen. Manch einmal, nachdem ich in das Klassenzimmer eingetreten war, fand ich noch alle Zeichen des ausgestandenen Schreckens auf den Gesichtern der Schüler stehen und es kostete Zeit und Mühe, ihr seelisches Gleichgewicht herzustellen. Und das soll der geeignete Boden sein zur Aufnahme der heiligen Saat jüdischen Religionsbewutztseins? Wie ganz anders würde sich der Religionsunterricht gestalten, wenn die Möglichkeit bestünde, ihn, wie einst, in das Lehrhaus oder Gotteshaus zu verlegen! Lehrer und Schüler sind hier von einer Luft umgeben, welche von Weihe und Stimmung erfüllt ist und die nur eingefangen zu werden braucht, um sich in religiöse Energie umzusetzen. Die Richtigkeit dieser Aufstellung bestätigt mir der Konsirmationsunterricht der Mädchen, den ich alljährlich im Gotteshaus erteile, wobei in einer einzigen Stunde mehr erreicht wird, als nach vielen im Klassenzimmer. Beginnen möchte ich die Stunde, besonders in den unteren Klassen, mit einem Gebet, das abwechselnd in deutscher und hebräischer Sprache vom Chor der ganzen Klasse im Verein mit dem Lehrer frei gesprochen wird. Viele Schüler kämen dadurch in die Lage, ihrer kindlichen Frömmigkeit Ausdruck zu verleihen, wozu es ihnen sonst an Zeit und Muße gebricht. Beten jst religiöse Selbstbetätigung, wenn das Gebet ein treuer Gefühlsausdruck der Persönlichkeit des Betenden ist. Daraus folgt, daß hier nicht Stücke des Lehrpensums gemeint sind, sondern kurze Gebete, ausgewählt aus Bibel, Talmud, Midrasch und der religiösen Poesie des Mittelalters, welche dem Gemütsleben von 12—16 jährigen Jünglingen entsprechen. Abwechslung ist auch hier die Hauptsache, da stereotype Gebetformeln, besonders bei der Jugend, sehr leicht zu Monotonie und werkheiligem Lippendienst. führen. Die Auswahl würde ich den Schülern selbst überlassen und ihnen schon dadurch eine frohe und zugleich nützliche Stunde bereiten. Recht empfehlenswert ist ,es, den religiösen Gesang in das Gebet einzubeziehen. Auch Singen ist pädagogische Arbeit. Wieviel sittliche Kraft aber ist in unseren altehrwürdigen Melodien enthalten, von denen die Jugend keine Ahnung hat. Hier liegen religiöse Quellen, die wir ihr unbedingt erschließen müßten. In den oberen Klassen könnten an Stelle des Gebets Gedichte und Erzählungen aus unserer klassischen Dichterepoche treten, weiters ausgewählte Stücke aus unseren Sittenbüchern und populärphilosophischen Schriften, in welchen der sittliche Heroismus der jüdischen Lehre besonders stark hervortritt. Eine wundersame Weihe wird solcherart über den Unterricht gebreitet, die dem oft von Aufregung und Verbitterung begleiteten Prüfen den giftigen Stachel benimmt. Wir können hierin vieles nicht nur von den Weisen des Talmud, sondern auch bon unseren eigenen Lehrern lernen, die den Unterricht pt Lehrhaus in der Regel mit Gebet und religiös-sittlicher Lektüre einleiteten. Wenn selbst jene Männer ihren frommen Schülern solche Stützen nicht versagen zu sollen

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