Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2ä Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 387 Der Kultusvorstaud hat diese Verhältnisse nicht geschaffen und' konnte diese Entwicklung nicht verhindern. Was er aber tun kann, das ist: aus den geänderten, der Erziehung der jüdischen Jugend höchst nachteiligen Zuständen die Konsequenzen ziehen, und diese bestehen einzig in der Errichtung einer jüdischen Gemeindeschule. Gewiß wird den gesamten Vorstand, der aus Männern besteht, die mit allen ihren Lebensfasern im Liberalismus wurzeln und — ganz mit Recht — an den Grundsätzen desselben festhalten, bei dem Gedanken an eine jüdische Schule ein gelindes Grauen überkommen. Aber die jüdische Schule wird weder notwendig eine illiberale, noch eine klerikale, sondern nur eine von Druck, Intoleranz und Zurücksetzung freie Schule sein, in welcher jüdische Kinder ihre Schulzeit verbringen können, ohne in den schönsten Jugendjahren das Martyrium des Judentumes zu empfinden. Die größten jüdischen Gemeinden Deutschlands — darunter solche, die gewiß nicht in den Verruf illiberaler Gesinnung kommen — erhalten feit Langem jüdische Schulen. Die Gemeinde Frankfurt a. M. besitzt in der Philanthropin eine jüdische Mittelschule st. Vorstufe für Knaben und eine höhere Töchterschule. Hamburg hat bekanntlich eine jüdische Realschule (Vereinsschule), nebst einer Gemeindeschule für israelitische Mädchen. Berlin erhält zwei vollständige Schulen, für Knaben und Mädchen. In Wien befindet sich zwar auch eine große konfessionelle Gemeindeschule — dieselbe gehört aber den evangelischen Gemeinden, die gar keine Bedenken getragen haben, diese Schule zu errichten, weil eine Schule doch die beste Pflanzstätte glaubensstarker Generationen ist. In der jüdischen Gemeinde erhofft man von dem Bau eines Monumental- Tempels eine Hebung der Religiosität, Stärkung des Selbstbewußtseins und Eindämmung der Abfallbewegung. Unsere alten Weisen haben jedoch das „Beth-Hamidrasch" höher gewertet als das „Beth-Hatefillah". Der Kultusvorstand wird gut tun, seinen Bauprojekten auch einen Bau hinzuzufügen, der die Aufschrift tragen soll: „Jüdische Gemeindeschule". Alte» und Urne» «der de« jüdischen Religionsunterricht an Mittelschule«. Von Rabbiner Dr. Armin Abeles. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, scheinen die Honigmonde des Materialismus endgültig vorüber. Dem aufmerksamen Beobachter der gegenwärtigen Kulturströmung kann unmöglich entgehen, daß die Ende des porigen Jahrhunderts mit großer Wucht einsetzende materialistische Bewegung im Abflauen begriffen ist. Wenn Eucken das wesentliche Merkmal der modernen Gesellschaft in der Wendung erblickt, „die sich während des Verlaufes des 19. Jahrhunderts von der unsichtbaren Welt religiösen Glaubens, philosophischen Denkens und künstlerischen Schaffens zum sichtbaren Dasein vollzogen hat und die einen Sieg des Realismus über den Idealismus mit sich brachte, so dürfte diese These auf das zwanzigste Jahrhundert kaum anwendbar sein. Denn im Gegenteil ist nach dem schweren Rausch, in welchen die Geister durch die „Grundlagen.des 19. Jahrhunderts" von Huston Stewart Chamberlain und Häckels „Welträtsel" versetzt wurden, in den letzten Jahren allenthalben eine Ernüchterung eingetreten, die zur Erkenntnis führte, daß die sogenannte Entwicklungslehre und die darauf gegründeten realistisch-atheistischen Weltbildkonstruktionen die Menschheit der Lösung der großen und letzten Fragen näher zu bringen ebensowenig vermochten, wie an SteNe der entthronten Religion etwas Gleichartiges, geschweige denn Besseres zu setzen. Es ist in hohem Maße bezeichnend, daß solche Ernüchterung zuvörderst in den Reihen der Gelehrten und Fachmänner platzgegriffen. Ich denke hiebei zunächst an den vor einigen Jahren in Deutschland gegründeten Keplerbund, der sich die Aufgabe gestellt, die Ausschreitungen des materialistischen Dogmatismus mit den Waffen der Naturwissenschaft zu bekämpfen und nachzuweisen, daß alles Naturerkennen lediglich ein Schöpfen aus dem Urquell der Religion bedeutet. Aber nicht nur die zünftigen Gelehrten, auch das große Publikum beginnt, nachdem es der Verödung unserer Weltanschauung überdrüssig geworden, wiederum religiösen Fragen sich zuzuwenden, diese sogar in den Brennpunkt seines Interesses zu rücken. Diese Gesundung des Denkens ist auch in der jüdischen Gesamtheit wahrzunehmen. Es ist eine beliebte Redensart, die in den letzten Jahren erfolgte Steigerung des jüdischen Stammesbewußtseins als eine Folgeerscheinung des wiedererwachten Antisemitismus hinzustellen. Indes scheint mir in solcher Begriffsverbindung eine auch sonst häufig anzutreffende Verwechslung von proprer ho und post hoc vorzuliegen. Die übrigens zu keiner Zeit zum Stillstand gelangte judenrassenfeindliche Strömung als kausalen Urheber der religiösen Konzentration innerhalb der heutigen Judenheit aufzufassen, heißt den nämlichen Denkfehler begehen, wie das Nichtvorhandensein einer solchen aus dem allgemeinen Jndifferentisnrus gegenüber der religiösen Praris und den zunehmenden Taufen zu beweisen. Beide sind rein äußerliche, ich möchte sagen, periphere Momente, die mit dem Judentum als Religion und Weltanschauung nichts zu tun haben, während das unzweifelhaft vorhandene Bestreben nach Vergeistigung und Verinnerlichung des religiösen Gedankens ein psychologisches Phänomen ist, das in dem Gesetz des Kontrastes seine logische Begründung findet. Die Verfeinerung der materiellen Kultur, die Erweiterung unseres Gesichtskreises durch neue, bisher ungeahnte Erkenntnisse und die dadurch bedingte Abkehr vom religiösen Formalismus, mußten naturgemäß zu einer Differenzierung des religiösen Bewußtseins führen, die heute überall nach Geltung und Betätigung ringt. Vor dieser Wandlung des religiösen Geistes darf auch der jüdische Religionslehrer, dem die religiöse Unterweisung der reiferen Jugend anvertraut ist, das Auge nicht verschließen. In einem seiner „Essais de critüpie et d'liistoire“ sagt Taine: Die Religionen haben das Schicksal, welches sie verdienen. Ihr Einfluß wächst, wenn sie der Entwicklung des menschlichen Geistes folgen, mehr noch, wenn sie ihn antreiben und auf seinem ewigen Marsch nach der Verwirklichung der unvergänglichen Prinzipien der Wahrheit und Gerechtigkeit leiten. In anderem Falle ist es der Verfall und Tod, der sie erwartet, wenn sie sich in traditionellen Formeln versteinern, die ausgehört haben, zu den objektiven Begriffen und sittlichen Bestrebungen der Gesellschaft zu passen. Mit einer freilich nicht unerheblichen Einschränkung kann das nämliche auch vom jüdischen Religionsunterricht gesagt werden. Nicht die Religion Israels — diese bleibt unberührt vom Wandel der Zeit — wohl aber die Mittel und Behelfe, welche der Erweckung von Religion in den Herzen der Jugend dienen, unterliegen dem Gesetz der Anpassung und Entwicklung. Als Gegenstand pädagogischer Erkenntnis muß die Religion der Wendung folgen, die sich während des letzten Dezenniums in den pädagogischen Forderungen vollzogen hat und welche darin besteht, daß die psychische Individualität des Schülers in den Mittelpunkt des Unterrichts zu treten hat. Alle Bestrebungen der modernen Schulreform verfolgen schlechterdings das Ziel, an Stelle des bisher üblichen, bloßen Aufnehmens die Selbstbetätigung des Schülers anzuregen, durch Eigenbetrachtung und tätige Mitarbeit die in ihm ruhenden Anlagen zu individueller und harmonischer Entfaltung zu bringen. Auch der jüdische Religionslehrer an Mittelschulen wird nicht umhin können, dieses Streben als sein Ideal zu betrachten. Was bezweckt denn anderes der jüdische Religionsunterricht, als ein Volk von glaubens-