Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021897--19335-3044312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sk. 23 Sette 386 Dr. Vlochs Wochenschrift. Wollte man das geistige Uebergewicht Europas wirklich spielen lassen, so müßte man das in allen Fällen tun, um durch das Systematische zu wirken. In diesem Falle findet man jedoch heraus, daß mau sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates hineinmischen würde, und flüchtet sich hinter eine Ausrede. Die Protektoren Finnlands sind also nicht zugleich Protektoren der Moral, die ja keine Ausnahmsparagrapheu, sondern nur allgemeine Giltigkeit hat. Sie befolgen nicht ein Prinzip, sondern eine Mode und setzen sich ins Unrecht, weil sie das Recht nur einseitig gelten lassen. Aktuelle Gemrinkefragen. Vom Kultusvorsteher Dr. Berger. 6. Unterrichts wesen. Der Religionsunterricht ist das Schmerzenskind des Kultusvorstandcs. Unausgesetzt wird dieser teuere Paiieut behandelt, die verschiedensten Mittel werden angewendet und noch immer will nicht die Lösung der Aufgabe gelingen, jüdische Kinder in der Schule zu guten Juden heranzubildeu. Ursprünglich versuchte man es mit einer Diätkur, mit einem recht verwässerten Lehrstoff in homöopatischen Dosen; die Folge waren Schwächezustände mit drohender Auflösung. Rasch entschloß man sich kehrt zu machen und griff zu kräftigerer Kost, allein der geschwächte Organismus vermochte dieselbe nicht zu vertragen. Seitdem wird der goldene Mittelweg gesucht, aber, immer nicht gesunden. Der Religionsunterricht ist im Laufe der Jahrzehnte noch nicht aus dem Stadium des Experimentes herausgekommen und fortgesetzt werden die Lchrpläne umgearbeitet. Eben ist ein neuer Lehrplan für Mittelschulen in Behandlung und mit Spannung sieht man dem Elaborate entgegen, welches aus langwierigen ^Konferenzen der Mittelschullehrer, wiederholten Bearbeitungen eines Komitees von Fachmännern und schließlich Beratung! n der Unterrichtskommisiion hervorgegangen ist. Es wäre zu wünschen, daß auch dieser Entwurf, so wie es bti der letzten Umarbeitung der Lehrpläne für Volks- und Bürgerschulen geschehen ist, vor der definitiven Genehmigung publiziert werde, damit der Vorstand erprobe, .ob der Entwurf auch vor der Kritik Stand halten kann. Ter Vorstand hat seit Langem keinen Schulfachmann mehr in seiner Mitte, weshalb sich in Unterrichrsfragen leicht dilettantische Einflüsse geltend machen können. Die Lehrpläne verlieren dann ihren einheitlichen Charakter und werden die Resultierende der verschiedensten Anschauungen. Ein Teil erblickt das Heil im Gebetbuch und will die Schüler zu „Siddur Juden" machen, der andere Teil möchte alles Konfessionelle iu den Hintergrund drängen, einen bloßen Moralunterricht einführen und nur „Humanitäts-Juden" heranbilden. Ueber allen Parteien aber schwebt der trostlose und doch das Gewissen beruhigende Gedanke, daß man in zwei Wocheustunden nichts leisten könne. Niemand will sich gestehen, daß die Konsequenz dieser Anschauung die Abschaffung des Religionsunterrichtes sein müßte. Wozu denn jahraus jahrein hundert Lehrer sich abmühen lassen und 20.000 Kinder plagen, wenn trotz der schönen Lehrpläne und der weisen Instruktionen das Lehrziel nicht erreicht werden kann. Zu einer so radckalen Lösung der Unterrichtsfrage kann es nicht kommen, weil das Schulgesetz den Religionsunterricht obligatorisch macht und den Vorstand verpflichtet, für denselben Vorsorge zu treffe». Der Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen ist also eine „gezwungene" Sache; es wird sich deshalb nur darum handeln, diese Zwangslage bestmöglich auszuuützen. Bei der großen Zeitbeschränkung kann die Aufgabe des öffentlichen Religionsunterrichtes nur darin bestehen, bei den Kindern das Interesse für den a n ge st am m t e n Glauben zu wecken und damit einen Impuls zu geben, das Ganze der jüdischen Religion außer der zu karg. bemessenen Schulzeit sich anzueignen. Für die Erreichung dieses Zweckes ist der Lebrplan wohl nicht gleichgiltig, aber nicht die Hauptsache. Viel wichtiger als die Frage „was" gelehrt wird, ist die Frage „w i e" unterrichtet wird. Der Kultusvorstand bemüht sich unausgesetzt um Verbesserung der Lehrpläne — aber der Schwerpunkt der Ausgabe liegt bei den Lehrern. Bei keinem Unterricht hängt der Erfolg so sehr von der persönlichen Qualität des Lehrers ab, wie bei dem Religionsunterrichte. Ein Lehrer, der zwischen den variablen Forderungen des Vorstandes, dem Widerstand des Hauses und der natürlichen Faulheit der Schüler täglich sich durcharbeiten muß, ohne auf irgend einer Seite Anstoß zu erregen, muß ein Diplomat und Künstler zugleich sein. Die großen geistigen uud physischen Anforderungen, welche an die Religionslehrer gestellt werden, rechtfertigen eine bessere Honorierung, und die eben durchgeführte G e h a l t s r e g ul i e r u n g trägt den seit Langem vorgebrachten Wünschen der Lehrer Rechnung. Den in Dienst stehenden Lehrern wird die Verbesserung ihrer materiellen Lage ein Ansporn sein, ihre Gegenleistung noch zu steigern — den Aspiranten gegenüber, welche durch die Aussicht auf bessere Lebensbedingungen sich dem Lehrberufe zuwenden werden, kann der Vorstand strengere Anforderungen stellen. Hauptaufgabe wird es also für die Zukunft sein, die richtige Auslese zu treffen. Die Prüfungsordnung — die Arbeit eines leider schon lange aus dem Vorstande und dem Leben geschiedenen Fachmannes — gibt hiezu hinreichende Handhabe, nur muß dieselbe ini rigorosen Geiste ihres Verfassers gehandhabt werden, der nach Fertigstellung den Ausspruch tat: Jetzt haben wir die Anstellung tüchtiger Religivnslehrer gesichert. Leider hat die Praxis diese Voraussage zunichte gemacht. Das Rachmones, das die ganze Killeh beleckt, hat auch auf die Prüfungen sich erstreckt. Diese Wahrnehmung hat dahin geführt, daß nunmehr die definitive Anstellung von demErgebnis'einer zweiten praktischen Prüfung abhängig gemacht wird. Wer bietet aber Garantie dafür, daß diese zweite Prüfung strenger sein werde, als die erste? Hier müßte durch entsprechende Ausgestaltung der Prüfungskommission Vorsorge getroffen werden. Die Lehrerschaft, die für jeden Fehler eines einzelnen solidarisch verantwortlich gemacht wird, hat das lebhafteste Interesse, an der richtigen Auswahl jener Kräfte, welche ihrer Körperschaft einverleibt werden, teilznnehmen; es gebührt ihr demnach eine Vertretung in der Prüfungskommission durch einen selbst aus ihrer Mitte gewählten Kollegen. Der strenge Maßstab, der bei den Prüfungen angelegt werden wird, wird mehr zur Hebung des Religionsunterrichtes beitragen, als der unausgesetzte Wechsel der Lehrpläne, der weder Lehrer noch Schüler zu der für einen gedeihlichen Unterricht nötigen Ruhe kommen läßt. Der Kultusvorstand, der mit dem einfachen Religionsunterricht vollauf beschäftigt ist, kann begreiflicherweise nicht dazu kommen, an eine Erweiterung seiner Tätigkeit im Bereiche des Unterrichtswesens zu denken. Es wäre deshalb hoch an der Zeit, die Penelope-Arbeit der Lehrpläne zur Seite zu legen, denn andere, wichtigere Aufgaben harren des Vorstandes. Wer seine Augen nicht absichtlich verschließt, muß die klaffende Lücke sehen, welche das Unterrichtswesen der Wiener Kultusgemeinde aufweist. Der Mangel einer jüdischen Gemein beschule wird immer fühlbarer, je mehr die öffentliche Schule sich von den liberalen Grundsätzen entfernt. Man darf sich nicht über die Wandlungen der letzten Jahre täuschen. Die Wiener Kommnnalschulen sind, via ckaeti, zu konfessionellen Schulen geworden; Schulen mit konfessionellem Schulgebet, mit trotz aller Proteste unter dem Vorwände des „Lehrplanes" aufrecht erhaltenen Judenklassen und einer größtenteils christlich sozialen Lehrerschaft können doch nicht mehr als interkonfessionell im Sinne der liberalen Schulgesetze bezeichnet werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.