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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Bloch’s Jahrgang xxvil Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -□ , "' □- Wien, 10. Juni 1910 Lrscbetnt jeden FreLtag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. 0 0".- ■ - ==o O p Srxugsprris für Desterrrirh: ff' Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. t Anzeigen: Die 4malgespal- I tene Petitzeile 24 Heller. G oO -- -Oo Mr. 810.976. RedaMon und Administration: Viru IX/i, Hahngasse Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. E. k. PostsparkrasfenamL Inhalt: Leitartikel: Die Sorge um Finnland. — Aktuelle Gemeindefragen. — Altes und Neues über den jüdischen Religionsunterricht an Mittelschulen. — Korrespondenzen: Ein Denkmal der Juden für König Eduard. Lord Rothschild über seine Beziehungen zu König Eduard.Der alte Prager jüdische Friedhof. Jndenexzeffe in Galizien. Die Rumänen in Ungarn und die Juden in Rumänien. Die Selbstwehr der rumänischen Juden. Die Judenverfolgungen in Rußland. Berlin. Ein unschuldig Hingerichteter Jude. Das Wohnrecht des „jüdischen Nutzviehs". Petersburg. Die Juden auf Jamaika.— Vermischtes.— Feuilleton: Johann Gottfried Seume und das Hebräische. Sagenhafte Synagogen in Egypten. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notiz- — Inserate. Dir Sorge um Finnland. Das zivilisierte Europa befindet sich wieder in großer Erregung über den Zarismus. Dieser hat seine Bärenpranke neuerlich auf Finnland gelegt, nicht etwa um dieses Land zu erobern oder weiter zu brandschatzen, das sich ja schon terri- * torial oder fiskalisch in seiner Gewalt befindet. Sondern Finnland hat bis jetzt eine Sonderstellung, politische Selbstverwaltung und hat diese dazu benützt, um gewissen freiheitlichen Ideen Raum zu geben, in manchen Punkten sogar radikal fortschrittlich zu werden, wie etwa bei der Erteilung des aktiven und passiven Wahlrechtes an die Frauen. Selbstverständlich hatte der absolutistische Zar, dessen Selbstherrschaft weder durch die verliehenen Rechte noch durch die Praxis der Duma eingeschränkt wurde, Angst vor diesem aufgeklärten Finnland, das nicht nur staatsgefährlichen modernen Ideen, sondern auch eben solchen Personen freies Asylrecht gewährte und dieses gegen alle Petersburger Ukase tapfer verteidigte. Diese freien Gedanken und revolutionären Kämpfer konnten aus der merkwürdig freiheitlichen Provinz stets ins Innere des Landes eiubrechen und taten das auch, verleideten ebenso mehrfach dem Zaren die sommerlichen Nachtfahrten in den finnischen Schären. Diesem Zustand wollten schon viele russische Regierungen ein Ende machen, wollten Finnland wie etwa den russischen Teil Polens um jede Art von politischer oder kultureller Selbständigkeit bringen, russische Schulen, russische Aemter, russische Kommanden einrichteu und die Eingeborenen zu untertänigen Heloten herabdrücken. Das ist bis jetzt nicht gelungen, weil es entweder zu brutal angefaßt wurde oder weil die Petersburger Kabinette auswärtige Sorgen hatten. Aber nun begibt sich Stvlypin/ der sich so gerne als einen Vorkämpfer des neuen Geistes ausgibt, auf einen neuen Feldzug gegen die finnläudische Freiheit. Er hat einen Gesetzentwurf zu diesem Zwecke ausgearbeitet und läßt sich ihn von den Regierungsmameluken der Dumamajorität echt russisch bewilligen. Der Gesetzentwurf mußte auch dem finnländischen Landtag unterbreitet werden und wurde nun von diesem trotz einem Befehl des Zaren zurückgewiesen. So wird denn bald ein erbitterter Kampf von finuländischem Recht und russischer Macht entbrennen. An diesem Kampfe nun nimmt Europa moralisch teil. Trotz dem Abwinken von Regierungen haben sich englische, französische, italienische und österreichische Parlamentarier und Publizisten gefunden, welche in solennen Kundgebungen die Finnländer und die Freiheitspartei in der Duma unterstützen und ermuntern. Die Kuutenmänner in Rußland sind sehr erbittert darüber, halten scharf aggressive Reden und protestieren heftig. Natürlich ganz ohne Erfolg, denn das gebildete und einflußreiche Europa hält es für seine moralische Pflicht, der vordringenden Knechtschaft eine Barriere des Geistes und des Rechtes entgegenzustellen. Soweit könnte man begeistert applaudieren. Aber wenn man ein parallel laufendes Ereignis betrachtet, so muß die europäische Aktion zugunsten Finnlands als eine heuchlerische und nichtswürdig erlogene bezeichnet werden. Zugleich mit den finnländischen kommen nämlich noch viele Telegramme aus anoercn Orten, die melden, daß dort den Juden bereits angetan wurde, was den Finnländern erst droht. Mau hat die Armen, die es gewiß nicht wagten, das Augenmerk der Hermandad vielleicht durch einen auffallenden Lebenswandel auf sich zu lenken, erbarmungslos zu Hunderten von Haus und Hof gejagt, gibt sie dem größten Elend preis, läßt sie nicht einmal dort sich niederlaffen, wo sich jüdischer Ansiedlungsrayon befindet. Das geht schon seit Wochen so fort und nicht ein einziges Stimmchen all der für Finnland demoust ierenden und protestierenden Gelehrten, Politiker und Publizisten ist laut geworden, um dem sozialen Greuel gegen die Juden ein Ende zu machen. Das europäische Krokodilgewissen, das sich jedes Bulgaren in Mazedonien erbarmt, das den Chinesen und Marokkanern mit zehntausenden Bajonetten und riesigen Krupp-Geschützen zwangsweise die Humanität beibringt, schläft den ungestörten Schlaf des Gerechten, wenn es sich um Juden handelt, wenn auch deren Behandlung in Rußland und Rumänien sich fast gar nicht vom Zustande des Sklavenhandels unterscheidet. Wenn man nun wirklich die Absicht hat, den Lehrmeister Iwans und Moschkos zu machen, warum läßt man ihn die Grausamkeiten nach der einen Seite verüben, die man ihm auf der anderen verbieten will? Iwan und Moschko sind innerlich viel zu grob organisiert, um Menschenliebe von Fall zu Fall zu lernen

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