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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Är. 22 Dr. Blochs Feuilleton. Ei« Krief aus Kiew. Von Schlesinger—Silenski. Liebste Judith! Ich ließ Deinen Brief nahezu drei Monate unbeantwortet. Er kam zu einer Zeit, da ich unfähig war, auch nur ein Wort zu schreiben, weder zusammenhängend noch zusammenhanglos. Aber nun bin ich merkwürdig ruhig. Vielleicht deshalb, weil ich meine ganze Kraft nahezu aufgebracht habe, oder sollte ein Tropfen von dem Blute jener Männer und Frauen, die mit einem Lächeln auf den Lippen für ihren Glauben in den Tod gingen, auch in meinen Adern sein? Ich prüfe mich, lange, tief, bis ins tiefste Herz hinein, und ich weiß nicht, wie ich's so ruhig, so still fassen kann. Du schreibst in Deinem Briefe, ich habe ihn neben mir: „Sind es nur Alarmgerüchte, die die Zeitungen bringen, oder sollte es sich bewahrheiten, daß Tausende Familien aus Eurer Stadt ausgewiesen sind und seid Ihr auch darunter?" Darauf sollte ich Dir antworten.-Nun, daß es keine leeren Alarmgerüchte waren, wirst Du doch seither erfahren haben. O, unsere Regierung liebt nichts halbes! Aber weshalb bezweifelst Du denn eigentlich, daß auch wir unter diu Ausgewiesenen sind. Du, liebe Freundin, denkst so: „Auszuweisen. sagen wir fortzujagen Pflegt man doch nur Menschen, wenn sie sich etwas zu schulden kommen ließen, — „denn jede Schuld rächt sich auf Erden", — aber daß die Familie Neubauer nie etwas Gesetzwidriges tun kann, dafür gebe ich, ein zweiter Mucius Scaevola, meine Hand ins lodernde Feuer?" So Du. Aber da hat ein viel mächtigerer Faktor dreinzureden und der sagt genau das Gegenteil.-Also meine allertreueste Freundin, balle Deine Fäuste, knirsche mit den Zähnen, wenn es Dir Erleichterung verschafft. Auch die fihr ehrenwerte, loyale, nie, auch nicht in Gedanken unrecht übende Familie Neubauer wird fortgejagt. Bist Du etwas bibelfest? WeißtDu.Asasel, dcr Bock, wird in die Wüste gelassen. Ich möchte Dir gerne Alles so schön der Reihe nach erzählen, aber es geht beim besten Willen nicht. Meine Gedanken sind nicht geordnet, alles so sprunghaft, trotz meiner gerühmten Ruhe, so überhastet. Der Befehl, zur bestimmten Stunde mit Sack und Pack die Stadt zu verlassen, ist kurz und streng. Da hilft Uit Sichsträuben, kein Jammern, kein Protestieren. Es gibt hier Leute, und wahrlich nicht die Schlechtesten sind es, die an allen Türen klopften. Sie vergeudeten ihr ganzes Ver^ mögen in Bestechungen und wurden dann wie Hunde von der Schwelle gejagt. Ich habe einmal eine Geschichte von Venedig gelesen. Ich denke jetzt so oft an sie. Die Lagunen durchfuhren Gondeln voll heiterer Menschen. Da nahte sich die schreckliche schwarze Gondel der Inquisition. Sie fuhr unkenntlich durch die Kanäle. Aber ihre Führer machten ein Zeichen und jede andere Gondel mußte stillehalteu. Die Gondel der Inquisition fuhr heran, ein Sbirre schlug den Vorhang zurück, der die Verfolgten den-Blicken entzog, ein einladendes Zeichen seiner Hand und sie mußten stumm und entsetzt in das Fahrzeug der Republik übersteigen, wer sie auch waren, gleichviel ob Fürsten oder Bettler. Und man sah sie niemals wieder. Kein Gondelier wagte es, das Zeichen der Häscher zu mißachten. Aber das war im finstern Mittelalter und die Gondeln der Inquisition sind lange schon aus den Lagunen verschwunden. Du weißt doch liebe Judith, daß mein Mann Arzt ist. Er hat eine ausgebreitete Praxis, trotz seines nicht mehr jugendlichen Alters. Und wenn er müde von seinen Kranken nachhause kommt, möcht ich ihm gerne seine milden Augen, seine gesegneten Hände küssen. Doch ich tue es nicht, denn er ist von mir so was nicht gewöhnt. Und dieser Mensch, der nur für andere lebt, der in seinem Berufe ganz aufgeht, Wochenschrift. Seite 381 dessen heiligste Pflicht ist zu lindern und zu heilen, dieser gar nicht Ichmensch, ein staatsgefährliches Individuum. Ich möchte lachen, wenn es nicht gar zu traurig wäre. Nun soll er mit seinem ergrauten Kopf irgendwo in der Welt sich ein Plätzchen suchen, wo er ruhig seinen Acker bebauen kann. Vermögen, wer braucht es, war sein Wort, Dr. Neubauer trägt wie jener griechische Weise seine Schätze mir sich. Desto besser, nicht wahr, wenigstens ersparen wir das beschwerliche Packen.-Du, liebste Freundin, dachtest. die gesellschaftliche Stellung meines Mannes dürfte uns vor aller Unbill schützen. Eine ganz unrichtige Schlußfolgerung, entbehrt auch jeder Logik. Jude ist Jude. Und dies ist auch das einzige, was bei der Massenaustreibung in Betracht gezogen wird. Und offen gestanden, Liebste, dabei tun unsere Bedrücker nichts Unrechtes. Warum soll derjenige, der gesellschaftlich vermöge seiner weltlichen Bildung, seiner Vermögens- Verhältnisse u. s. w. höher steht als der Minderbemittelte, Minderbegabte, warum soll der vom Massenelend verschont bleiben. Mein Mann ist, wie Du weißt, in gewissem Sinne, d. h. in orthodoxem Sinne, liberal. Er ist ein sogenannter moderner Jude und doch Volljude, und in seinem Zusammengehörigkeitsgefühl geht er bis zum Fanatismus. Er findet es ganz am Platze, daß er, dessen Brust eine hohe kaiserliche Auszeichnung schmückt, dem einst ein Großherzog die Hand dankbar schüttelte mit den Worten: Doktor, Sie sind ein guter, ein edler Mensch, ich werde ihre aufopferungsvolle Tat nie vergessen, ganz so gehen muß, wie ein hergelaufener Vagabund jüdischer Abstammung. Du wirst sagen: „Auf die Spitze getrieben, eine Ausgeburt sozialistischer Fantasmen". Wohin wir uns wenden? Wir wiffen es nicht. Mein Mann ist kein Freund vom Pläne schmieden, überhaupt da bei ihm die Zeit, wo man sich die Zukunft noch mit einem Schimmer von rosenrot ausmalen kann, schon vorüber ist. Auch ist bei der ärmeren Bevölkerung eine Art Epidemie ausgebrochen, so daß ein Ansichdenken nicht möglich ist. Doch furchtbar schwer ists ihm, sich mit der Idee zu befreunden. Denn so wie er Volljude ist, so ist er Vollrusse. Ein ganzes Menschenleben hat er da verbracht, hier sind die starken Wurzeln seiner Kraft und nun, wo er schon an ein Ausruhen denken dürfte, heißt es: „Schnüre dein Bündel". Unter den geheilten Kranken meines Mannes befindet sich eine hochstehende Persönlichkeit, die ihm sehr wohl will. Nun der hohe Herr hatte ohne Wiffen meines Mannes die Gnade um Wohnrecht für „seinen Lebensretter" angesucht. Sie wurde auch bewilligt, aber mit dem Vermerk : „Frau, Kinder und Verwandte ausgschloffen." Als ich diese Klausel zu lesen bekam, glaubte ich das Hohnlachen des Teufels zu hören. Wer anders kann so etwas aushecken. Ich soll da hingehen, wo ich Wohnrecht habe. Und wo in aller Welt ist dieser Ort? Weiß ich, doch selber nicht, wo ich zuerst das Licht erblickte, wo der Punkt auf der Landkarte. Töteten sie mir doch Vater und Mutter, als ich noch in der Wiege lag, machten mich zur Waise, bevor ich noch empfinden konnte, und jetzt soll ich mir die Stätte aufsuchen, an die ich nicht einmal mit Schaudern zurückveuken kann, weil erbarmungsvolle Hände mich weit weg von Rußland führten. Und nun wo ich durch eine seltsame Verkettung der Umstände an der Seite meines edlen Gatten wieder eine russische Untertanin bin — — ich kann mirs nicht ausdenken, nicht ausmalen, den Wahnwitz eines menschlichen Gehirnes. Und doch, liebe Freundin! Was bedeutet das Schicksal eines einzelnen Individuums, wenn vom Sein oder Nichtsein tausender Menschen die Rede ist. Mein eigenes Los ist nur ein Molekül eines großen Körpers. Und es ist ein schöner, gesunder, kräftiger Körper, dem ein finsterer Dämon den Lebensnerv unterbindet. Den russischen Juden wird in der Welt draußen viel Intellekt zugesprochen und nicht mit Unrecht. Und dieser Intellekt wird unterstützt durch edle und unedle Triebe. Ja, Mackellose sind wir nicht. Aber daß alle diese Proskribierten, unter denen sich sehr viele verdiente und achtbare Menschen befinden, daß diese ärger als

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