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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 377 Ein jüdischer Generalpoftinspektor in Frankreich-. Wie das „Journal Offtciel" in Paris meldet, wurde der bisherige Chefingenieur der Post- und Telegraphenzentrale Alfred Dennery zum Generalinspektor für Post- und Telegraphenwesen ernannt und ihm gleichzeitig die Direktion der höheren Lehranstalt für Postwesen und Telegraphie übertragen. Auszeichnung eines jüdischen Kriegshclden. Aus Paris wird gemeldet: Oberstleutnant A. Mayer vom dritten Kolonial-Jnfanterie-Regiment wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Die Liste feiner Verdienste, derentwegen ihm diese Auszeichnung zuteil ward, hebt besonders hervor : 25 Dienstlahre, 15 Feldzüge, 1 Verwundung. Oberstleutnant Mayer hat während der Operationen in Aen-The und besonders in den Kämpfen bei Dong-Dang und Don-Don im Jahre 1909 hervorragende militärische Qualitäten an den Tag gelegt und sich durch seine Tapferkeit und eminente Sachkenntnis ausgezeichnet. Der russische Senat gegen das Ministerium in einer Judenfrage. Vorige Woche beschäftigte sich der russische Senat mit einer Angelegenheit, die wiederholt auf der Tagesordnung der Senatsberatungen gestanden hat, doch jedesmal von Neuem vertagt wurde. Es handelt sich um eine Zuschrift der Regierung, in welcher der Senat um eine Erklärung darüber angegangen wird, ob den Juden der Aufenthalt in den Sommerfrischen innerhalb des Ansiedlungsrayons gestattet werden könne oder nicht. Aus dem Tenor der ministeriellen Vorlage ging deutlich der Wunsch der Regierung hervor, daß den Juden dieses Recht verweigert werden möge. Diesmal hatte jedoch die Regierung kein Glück. Die Haus- und Grundbesitzer in den in Betracht kommenden Dörfern haben die Regierung und die Zeitungen mit Klagen überschüttet, daß sie durch ein solches Verbot bald zugrunde gehen müßten und nicht mehr in der Lage wären, die Abgaben zu leisten. Dieser Umstand scheint nun den Senat dazu bewogen zu haben, gegen den Willen der Regierung den gesetzlichen Standpunkt einzunehmen und zu erklären, daß ein solches Verbot unmöglich sei, da die giltige gesetzliche Bestimmung keine Handhabe für ein solches Verbot biete. Ausweisungen aus Rußland. „Kannibalische Gesetze." Berlin. Die „Vossische Zeitung" meldet: Der Hilssverein der deutschen Juden erhält fortgesetzt Nachrichten über neue Ausweisungen von Juden aus den verschiedensten Gegenden Rußlands. Ein Telegramm aus Petersburg lautet: In Toroby (Gouvernement Pleßkau) werden Hunderte von Juden ausgewiesen, die über 30 und 40 Jahre dort wohnen und denen wegen der langjährigen Ansässigkeit selbst von Plehwe das Wohnrecht bewahrt worden war. Die Ausweisungen erfolgten auf Anregung des Polizeichefs Deminspi, obgleich die Vertreter aller Gesellschaftsklassen, der Adelsmarschall, der Stadt- und der Landrichter, sowie die Geistlichkeit für die Rechtschaffenheit der von der Ausweisung Betroffenen bürgten und die Zurücknahme der Ausweisbefehle erwartet chatten. Auch die Kinderausweisungen aus Moskau nehmen ihren Fortgang. Die Proteste gegen diese Grausamkeit werden hart bestraft. Das „Finnische Blatt" ist z. B. unterdrückt worden, weil es in einem Artikel ausführte, daß, wenn solche Gesetze wirklich vorhanden sind, doch das Vorgehen der Behörden unzulässig sei, da sich keine Regierung auf kannibalische Gesetze stützen darf, wonach Binder aus den Armen der Mütter gerissen werden können. Angesichts der bedrohlichen Lage der Juden in Rußland, die großes wirtschaftliches Elend und starke Auswanderung im Gefolge hat, muß sich der Hilfsverein zu einer größeren Hilfsaktion vorbereiten. Aus einem Porort von Kiew sind Juden ausgewiesen worden, die seit Jahrzehnten dort wohnen. Was aber einen Teil der jüdischen Hochfinanz nicht hindert, schützend ihre Hand über die russischen Papiere zu halten. Besäßen alle reichen jüdischen Finanziers in Deutschland und Frankreich genügend Ehrgefühl, um die Judenverfolgungen in Rußland mit einer Kampagne gegen die russischen Papiere zu beantworten, so würde den barbarischen Zarenknechten bald in ihrer Gottähnlichkeit bange werden. Womit nicht gesagt sein soll, daß nicht überhaupt alle anständigen Leute die Pflicht haben. die russischen Papiere zu boykottieren, bis Rußland sich Kultursitten angepaßt hat. Aber die jüdischen Finanzmänner sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Sie sind doch schließlich die nächsten dazu. Die Judenverfolgungen in Rußland. Frankfurt a. M. Die Judenausweisungen in Rußland illustriert eine neue Depesche, die dem Hilfskomitee für die ostpreußischen Juden in Frankfurt aus Petersburg zugegangen ist. Sie lautet: „Tausende jüdische Familien find ins Elend gestürzt. Genaue Ziffern folgen. Die Bedauernswerten erleiden den größten Schaden. In Kiew dauern die Ausweisungen fort; fie werden in unbarmherziger Weise durchgeführt." Sistierung einer russisch-jüdischen Wochenschrift. Die russisch - jüdische Wochenschrift „Jewreiskij - Mir" („Jüdische Welt") wurde vom Petersburger Stadthauptmann auf Grund seiner Befugnisse infolge d r „verschärften Aufficht" sistiert. Das Blatt, zu dessen Mitarbeitern die hervorragendsten russisch-jüdischen Schriftsteller und Publizisten zählten, hat trotz der kurzen Zeit seiner Existenz bereits großen Einfluß besessen. Die Sistierung erfolgte wegen eines Leitartikels mit der Aufschrift ..Im Namen des Gesetzes", in welchem gegen die jüngsten Kindervertreibungen aus den ruffischen Städten, obgleich deren Mütter daselbst Wohnrecht besitzen, in scharfer Weise Stellung genommen wurde. Das Leichenbegängnis der Dichterin Orzesko. Das Leichenbegängnis der gefeierten polnischen Dichterin Eliza Orzesko hat unter überaus zahlreicher Beteiligung der polnischen, progreffiv-ruffischen und jüdischen Gesellschaft in Grodno stattgesunden. Von nahezu sämtlichen jüdischen Gemeinden, Literatur- und anderen Vereinen Polens wurden Delegationen entsendet und Blumenspenden gewidmet. In zahlreichen Synagogen wurden für die christliche Vorkämpferin für jüdische Gleichberechtigung Trauerfeierlichkeiten veranstaltet. Unter den mehr als 200 Kränzen sah man auffallend viele, deren Schleifen Widmungen in jüdischer und hebräischer Sprache trugen. Viele Stadt-Dumas, so z. B. die Grvdnoer und die Wilnaer, entsendeten viergliedrige Deputationen: einen Polen, einen Russen, einen Littauer und einen Juden, sowie au h die Kränze dieser Städte Widmungen in diesen vier Sprachen au' .'iesen. Interessant ist, daß die Polizei sämtliche Nachrufe vorher z? suriert hat. Der Leichenzug hatte nach einem Beschlüsse der Sta. -Duma an der jüdischen Schule vorbeiziehen sollen, woselbst eine speziell jüdische Trauerfrier in Aussicht genommen war. In letzter Minute jedoch hat die Polizei es verboten und eine Aenderung der Route angeordnet. Ebenso war es bestimmt, daß der Schrift st ller L. Joffe im Namen der Grodnoer jüdischen Gemeinde und jüdischer Organisationen in hebräischer Sprache einen Nachruf halten werde, der dann ins Polnische hätte übertragen werden sollen. Trotzdem auch die administrativen Behörden ihre Zustimmung hierzu gegegeben haben, mußte das Komitee, das die Verantwortlichkeit für das Leichenbegängnis trug, auf Anordnung der Polizei diesen Programmpunkt in letzter Stunde streichen. Im Namen der Warschauer jüdischen Gemeinde sprach Dr. Nußbaum und für die Grodnoer Judengemeinde Dr. Schapira polnisch. Viele jüdische Gemeinden beabsichtigen das Andenken dieser seelenguten Freundin des jüdischen Volkes durch Errichtung von Stiftungen auf ihren Namen zu ehren.

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