Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 378 Dr. Blocks Wochenschrift. Rr. 33 Die Juden in der Semstwoverwaltung. R)ie russische Dllmä hat ein Gesetzprojekt angenommen, wonach in den Westgebieten Rußlands SemstwoverwaltUngen eingeführt wurden. Laut diesem Gesetze werden die Juden aüs den zu schaffenden Oemstwos von Vornherein ausgeschlossen. Dies veranlaßte den jüdischen Deputierten Friedmann, in der Spezialdebatte das Wort zu ergreifen und darauf zu verweisen, daß die Juden in diesen Gouvernements der Zahl nach in zweiter Stelle stehen, 10% aller unbeweglichen Güter besitzen und es demnach unbegreiflich sei, wie den Juden jede Anteilnahme an dieser Ruralverwaltung von Vornherein unmöglich gemacht werden könnte. Deputierter Friedmann sprach die Ueberzeugung aus, daß alle Ausnahmsgesetze gegen die Nicht-, ruffen gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des russischen Volkes geschaffen werden und nur den Zweck haben, die Jntereffen der „echtrussischen" Minderheit zu fördern. Es muß jedoch bald die Zeit kommen, da das russische Volk die Augen öffnen und klär sehen wird, wessen Interessen tatsächlich htsördert werden und für welche „Dienstleistungen" die ^echtrussischen Leute" die immensen Subsidien erhalten. Der Vertreter der Kadettenpartei, Schingäröff, der gleichfalls für die Rechte det Juden eintrat, sagte unter lebhaftem Beifall der Opposition u. A. folgendes: Vor Kurzem las ich ein interessantes Dokument, den Aufruf einer sehr hochgestellten Persönlichkeit der russischen Staatsverwaltung, in welcher sie sich an alle Bewohner des großen russischen Reiches, ohne Unterschied des Glaubens, Geschlechtes und Ranges mit der Aufforderung wendet, mit ihren Spenden zur Schaffung einer Luftschiff-Flotte beizutragen, um das teure Vaterland zu beschützen. Geld nehmen darf man ohne Unterschied des Glaubens, aber Rechte geben darf man nicht ohne Unterschied des Glaubens. Wollen Sie Spenden bekommen, seien es materielle oder geistige, dann geben Sie auch Rechte, beleidigen Sie nicht die heiligsten Gefühle einer Nation, bedecken Sie nicht den russischen Staat täglich mit neuen Schandflecken. Dann werden Sie reichliche Opfer erhalten an Geld und Blut. Bis dahin haben sie kein Recht, von Rechtlosen Opfer zu verlangen. Ein Bauern-Deputierter als Verteidiger der Juden in der Duma. Vorige Woche beschäftigte sich die russische Duma mit dem Gesetze über die Sonntagsruhe. Die gesamte Rechte sprach sich für die strenge Einhaltung der Sonnt^^ruye auch durch die Juden und Mohammedaner aus sind ergriff die Gelegenheit, auf diese beiden Konfessionen in unflätigen Beschimpfungen loszuschlagen-. In der Debatte ergriff auch der Bauer Eulkin, där bis vor kurzem der Rechten aNgehökte. das Wort und führte u. a. aus:; : : ]•; „Wik Christen müssen die Bibel achten und schätzen. Verbietet die Bibel den JudeN, am Sabbat Geschäfte zu machen, welches Recht haben wir, uns in ihre religiösen Angelegenheiten einzumischen und sie zu zwingen, eine Sünde zu begehen? In Bessarabien, z. B. in Kischenew, haben sich bereits einige Juden entschlossen, den Sabbat-zu entheiligen. Was ist die Folge davon? Der Jude verliert seinen Glauben und seine Kinder wachsen wie Ungläubige auf. Wir dürfen nicht vergessen, daß drei Viertel der russischen Juden fromme Menschen und bessere Monarichsten sind, als die extremen Rechten, die hier sitzen. Ich protestiere gegen die Beschimpfung, daß die Juden und Mohammedaner dem russischen Handel — wie hier behauptet wurde — Schaden brächten. Ich protestiere aber auch dagegen, daß man die Juden und Mohammedaner zwinge, den Sonntag als Ruhetag zu halten, weil das für unsere Polizei nur als eine Bestechungsquelle dienen würde. Sehr wirkungsvoll war der Schluß seiner Ausführungen: Ich lese gar oft in den russischen Blättern die Forderung, daß — in der Türkei die Gleichberechtigung aller Konfessionen eingeführt werden müßte. Ich glaube jedoch, daß unsere Publizisten und unsere Regierung besser daran taten, erst darauf ZU schauen, daß hierzulande, bei Uns in Rußland, alle Konfessionen, die gleichen Rechte erhalten, bevor sie sich än fremde Länder wenden, wo „Freiheit uüd Fortschritt" verbreitet werden, während bei uns die Parole lautet: „Schlags sie Juden!" Schlagt die Fremden!" Gebet jedem Bewohnet Rußlands die Freiheit, handelt so, daß jeder stolz sei auf den Namen „russischer Bürger", dann werden wir stark sein und unsere Feinde werden uns fürchten. Bei der Abstimmung wurde der Gesetzentwurf unverändert aNgenöMmsn- .Die Anträge der Opposition zu Gunsten der Juden und Mohammedaner würden mit 194 gegen 101 Stimme abgelehnt. Die Ruhetage der jüdischen Soldaten in der Türkei. Der Grand-Rabbin der Türkei, Rabbi Haim Nahum, erhielt dieser Tage einen Erlaß der Negierung, durch Welchen bekanntgegeben wird, daß den nichtmohammedaNischen, also auch den jüdischen 'Soldaten im ganzen fünf dienstfreie Tage gewährt werden. Das Großrabbinat wird Nun aüfgefordert, mitzuteilen, auf welche jüdischen Feiertage diese fünf Tage verteilt werden sollen. In seiner Antwort erklärte der Grand-Räbbin, daß diese fünf Tage nicht genügen und daß den jüdischen Soldaten zumindest 10 Tage im Jahre dienstfrei gegeben werden müßten, u. zw. 4 Tage Pessach, ein Tag Schewuos, zwei Tage Rosch Haschanoh, ein Tag Jom Kippur und zwei Sukkothtage. Die erste Chewra Kadischa in Havanna. Die Zahl der Juden in Havanna hat in den letzten Jahren in erfreulicherweise zugenommen. Es sind zumeist Industrielle Und Tabäkpflanzer. Diese Juden lebten bisher ohne jeden Zusammenhang miteinander. Vor kurzem nun fand eine Besprechung der jüdischen^ Bewohner von Havanna statt, die zur Gründung einer jüdischen Bcerdigungsbrüderschaft führte. Die Brüderschaft hat bereits außerhalb der Stadt, in der Nähe von Guanabacas einen Grund für einen jüdischen Friedhof angekaust und man geht nun daran, die Brüderschaft zu einer jüdischen Gemeinde auszubilden. Äon den . jüdischen Äeüerii. . (Aus den Geheimnissen russischer Gefängnisse.) 31it „Raßwjet" wird bte folgende mferessanfe Geschichte erzählt: Vor einiger Zeit wurde der Odessaer Arzt Dr. Sapir wegen „unbefugten" Sammelns für den zionistischen Nati.onalfoyd zu einem Monat Arrest verurteilt; Als er seine Strafe ähhüW, Erzählt Mn Doktor Sapir, traf er im Arrest mit fünf Negerff zUsamffieü, die mit einer Kom.ödiantentruppe nach Odessg kamen Und der Polizei in die Hände fielen. Zu seiner, großen lleberraschung stellte es sich im Laufe des Gespräches heraus, däß ziüei dieser Nögör, JUden charech, von denen der eine Isaak und der andere Simson hieß. Jsääk stammt aus Sierra-Leona in Westafrika. Sein Großvater, ein englischer Jude, der sich in Afrika niederließ, war Kaufmann, heiratete eine Negerin. Die Kinder, die dieser Ehe entstammten, waren braunfärbig, hingegen ist die zweite Generation bereits ganz fchwarzfärbig wie die übrigen Neger und weisen in ihren Gesichtern gar keine jüdischen Züge auf. Isaak, wie auch seine Geschwister, wurden nach jüdischem Ritus der Circumcision unterzogen, hat eine jüdische Erziehung genossen, versteht gut hebräisch, und zeigt sich sehr stolz auf sein Judentum. Der zweite, Simson, ist selbst nicht mehr Jude, sondern stammt von einem jüdischen Vater, der . eine mohammedanische Negerin heiratete und seinen Sohn in der mohammedanischen Religion erziehen ließ. Beide Neger er-