Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 376 * Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr 22 v. Koerber eingangs seiner Rede in warmen Worten des verstorbenen Gelehrten. Er sagte unter anderem: „Eben heute haben wir den hervorragenden Lehrer, unser wirkliches Mitglied Emil Zuckerkand!, zu Grabe getragen, der als Meister der Forschung trotz des hohen Alters der Anatomie noch ein bisher unbekanntes Werkzeug des Lebens zu finden wühle." Vortrag. Am 18. v. M. hat Herr Rabbiner Dr. Leopold Goldschmied im „Vereine zur Abwehr des Antisemitismus" einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über das „Rassenproblem" gehalten. Der Saal war dicht gefüllt und die Zuhörer lauschten den Ausführungen des Redners mit gespannter Aufmerksamkeit. Der greise Vereinspräsident, Univ.-Prosefsor und Superintendent Dr. Szeberenyi begrüßte die Versammlung mit folgender Ansprache: Hochgeehrte Versammlung! In den btzten zwei Dezennien hat die Weltliteratur eine auffalleude Fülle von philosemitischen, dem Judentum Gerechtigkeit angedeihen lassenden Erzeugnissen aufzuweisen. Abgesehen von den großartig angelegten Werken des Rabbiners Doktor Winter in Gemeinschaft mit dem bekannten protestantischen Orientalisten Prof. Dr. Wünsche und des Pariser Publizisten Singer epochalen Encyklopädie für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, hebe ich nur die mir bekannten, vortrefflichen Schriften hervor, als da sind von Anatole Leroy-Beaulieu „Das Judentum und der Antisemitismus", von Raabe-Johnsdorf „Neunzehn Jahrhunderte Christen- und Judentum", von einem anonymen kath. Privatgelehrten „Der Antisemitismus als Sünde verurteilt vom katholischen Standpunkte", von Rabbiner Jakob „Der Talmudquell für Schule und Haus", von unserem heimatlichen, temperamentvollen Schriftsteller Elias Lehr mehrere Broschüre», von Joseph Schrattenholz „Der Antisemiten- Hammer", eine wahre Schatzgrube von Lebens- und Weltweisheit, endlich das gelehrte, auf Quellenstudium aufgebaute Werk von Dr. Zollschan, über deffen Inhalt und Tendenz uns einen geistigen Frühlingsgenuß der heutige Abend bereiten soll, durch die liebenswürdige Vermittlung des Herrn Dr. Goldschmied, den ich hiemit höflichst einlade, seinen Vortrag zu halten. (Lebhafter Beifall.) Der Redner des Abends, Herr Dr. Goldschmied, bot seinen Zuhörern den wesentlichsten Gedankengang jenes Werkes, welches der junge Wiener Arzt mit echt wissenschaftlicher Objektivität in feinem in der „Oesterr. Wochenschrift" bereits besprochenen Buche „Die Raffenfrage" niedergelegt hat, und die Vorzüge dieses Werkes wurden mit lebhafter Begeisterung gekennzeichnet. Ein tragisches Geschick wollte es, daß während der junge Autor, Herr Dr. Zollschan, von dem Redner so gefeiert wurde, seine Mutter in den letzten Zügen lag und daß er aus dem Vortragssaal zu ihr hingerufen wurde. Ec konnte nicht mehr die begeisterte Akklamation vernehmen, welche der Vortrag Doktor Goldschmieds über sein Werk auslöste, seiner Mutter war es nicht beschieden, den Triumph ihres Sohnes zu erleben. Der Vorsitzende danktedem Redner mit nachstehenden Worten: Roosevelt, der von allen Kulturvölkern diesseits und jenseits des Weltmeeres mit Recht hochangesehene und verehrte Expräfident der Vereinigten Staaten Nordamerikas, hat nach eigenem Geständnis in Berlin, auf seine europäische Rundreise, fast könnte man sagen „Europäische Triumphreise" nur drei Bücher mitgenommen: Faust, Wallenstein und Shakespeare's Königsdramen! Es involviert dies gewiß einen Kern der Huldigung und unbedingte Anerkennung der geistigen Führerschaft des deutschen Geistes auf diesem Erdplaneten. Aber ich will dies auf sich beruhen lassen und beschränke mich nur auf die Mitteilung, daß obiges Geständnis in mir den Wunsch anregte, daß auch wir, besonders aber die lieben Herren Antisemiten, die ja, streng logisch geurteilt, auch „Antichristen" find, sintemal Jesus auch Semit gewesen ist, sich drei Bücher zum täglichen Aufschlagen und Lesen anschaffen möchten, und zwar Anatole Lervy-Beaulieus „Judentum und Antisemitismus", Joseph Schrat t e n h o l z „Antisemiten—Hammer" und Doktor Zollschans „Rassenproblem". Auch der heutige geistvolle, hochinteressante Vortrag über dieses Buch, wofür ich im Namen des Vereinsvorstandes Seiner Ehrwürdett Herrn Rabbiner Dr. Goldschmied den herzlichsten Dank ausspreche, lieferte neuen Beleg für die Berechtigung meines Wunsches, daß diese Großtat wissenschaftlicher Arbeit Eingang finde in Haus und Schule! Es wird mir schwer die Wahl: Wem ich in dieser Stunde unter dem Eindruck des fesselnd anregenden Vortrages größeren, innigeren Dank schulde, ob dem genialen Verfasser des Buches oder dem herrlichen Referenten- Vortrage des Herrn Dr. Goldschmied? Ihnen meine Damen und Herren danke ich für das zahlreiche Erscheinen und rufe Ihnen, als Bergstädtler, ein herzliches „Glück auf" zum nächsten Wiedersehen im Spätherbst, voll guter Zuversicht — trotz der schon Passierten 85 Lebensjahre. (Lebhafter Beifall.) Antisemitismus in galizischen Badeorten. . Der Eröffnung der Kur- und Badesaison bringt wieder eine Reihe von Klagen über den Antisemitismus, der in mehreren galizischen Kurorten herrscht. Abgesehen davon, daß die polnische und ruthenische Jugend dieser „Erholungsstätten" die jüdischen Kranken auf der Straße beschimpft und eventuell auch tätlich insultiert, bemühen sich auch einzelne Badeverwaltungen, die Juden durch antisemitische Verfügungen m kränken. So wird uns aus den Badeorten Iwonitsch und Rimanow geschrieben, daß die dortigen Verwaltungen eigene Badeabteilungen errichtet haben, welche die Ueberschrift: „Dla Zidow" (Für Juden!) tragen. In den übrigen Badeabteilungen werden den jüdischen Kurgästen keine Kabinen zugewiesen. Diese schlimmen Erfahrungen veranlatzte eine Anzahl jüdischer Kurgäste, das jüdische Publikum in einem Aufrufe vor dem Besuche solcher Kurplätze zu warnen. Die Lage der jüdischen Schankwirte in Galizien. Aus Lemberg wird uns gemeldet: Eine Deputation bestehend aus den Herren Abg. Dr. Loewenstein, Stadt-Vizepräsidenten Dr. Aschkenaze, den Bürgermeistern Dr. Nimhin (Stanislau), Dr. Rittl, (Brody), Dr. Falk (Stryj), den Gemeindevertretern Dr. Hochfeld (Rzeszow), Feuerstein (Drohobycz), Dr. Glanz (Przcmysl), Rauch (Stanislau) und Dr. Landesberg (Stanislau) wurde am 24. Mai vom Statthalter Dr. Bobrzynski in Audienz empfangen. Die Deputation überreichte dem Statthalter ein Memorandum, in welchem die Bitten und Wünsche der jüdischen Bevölkerung, betreffend die Schankkonzessionen, vorgelegt wurden. Das Memorandum weist auf die Notwendigkeit der Bildung eines gewissen Systems hin, nach welchem die bis nun beschäftigten Schänker auch weiterhin bei diesem Gewerbe verbleiben könnten. Der Statthalter erklärte der Deputation, daß eine sehr große Anzahl von Gesuchen bereits eingereicht wurde; er werde sich somit bestreben, die Wünsche der ganzen Bevölkerung nach Tunlichkeit zu berücksichtigen. Hilmi Pascha über den Zionismus. Der Redakteur der „Swobodnoje Slovo" hatte mit dem gewesenen Großvesier Hilmi Pascha eine Unterredung, in welcher er auch auf die Bestrebungen der Zionisten, Palästina für die Juden zu erwerben, zu sprechen kam. Hilmi Pascha erklärte, die Regierung habe nicht die Absicht, die Provinz Palästina „zu verkaufen". Beim Verkaufe der staatlichen Güterchingegen ziehe die Regierung die Araber den Juden vor, selbst wenn Letztere höhere Preise zu zahlen geneigt sind,, weil die Regierung vor Allem die agrarischen Forderungen der Araber befriedigen müsse, andererseits aber auch nicht die sichere Gewähr dafür habe, daß die Juden fähig sein würden, den ihnen vollständig fremden Boden entsprechend zu kultivieren.