Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 373 Die ungarischen Reichstagswahlen und die Juden. - Mm 1. Juni begannen in Ungarn die Wahlen in den Reichstag. Vielleicht niemals war der Wahlkampf ein so heftiger und erbitterter in Ungarn, wie diesmal und niemals noch haben die Juden in den Wahlkampf in so entschiedener Weise eingegriffen, wie jetzt. Das Koalitionsregime hat dem berühmten ungarischen Liberalismus schwere Schlappen zugefügt und unter ihm wuchs der Antisemitismus bereits in. erschrecklichem Maße an. Diesem Umstande ist es zuzuschrciben, daß die neue Regierungspartei alles aufgeboten, um den jüdischen Wählern zu beweisen, daß sie gewillt ist, wieder einen unzweideutigen Liberalismus in Ungarn zu etablieren und auch die letzten Spuren des wiederaufgelebten Antisemitismus zu verwischen. Allerdings haben sowohl die orthodoxen als auch die neologen Juden in ihrer Presse diesmal die Parole ausgegeben, daß die jüdischen Wähler dort, wo sie ausschlaggebend find, nur solche Kandidaten unterstützen dürfen, der, welcher Partei er auck>, mit Ausnahme der Vvlkspartei, angehören mag, öffentlich erklärt, daß er den Antisemitismus bekämpfen und dafür eintreten werde, daß er das Gesetz über die Subventionierung der anerkannten Konfessionen auch für die jüdische als bereits rezipierte Konfession gültig erklären werde. Tatsächlich haben zahlreiche Kandidaten bereits solche Erklärungen abgegeben. Das erste Mal in der Geschichte der ungarischen Wahlkämpfe erschienen diesmal in einzelnen Wahlbezirken besondere Wahlanfrufe an die jüdischen Wähler, manche sogar in hebräischer Sprache, andere wieder in deutscher Sprache mit hebräischen Lettern. Der Ungvarer Rabbiner hat — wie die ungarischen Blätter es nennen — den ersten hebräischen Hirtenbrief über die Wahlen erlassen. Die Blätter können dem gelehrten Rabbi Lazar L o e w daraus schon deshalb keinen Vorwurf machen, weil die katholische Geistlichkeit mit aller Vehemenz in den Wahlkampf eingegriffen, in vielen Bezirken Hetzkapläne von Dorf zu Dorf zogen und gegen die Juden hetzten, einzelne Bischöfe zugunsten der antisemitischen Kandidaten Hirtenbriefe erließen und sogar der Sekretär des Fürstprimas, Bischof Medardus" Kohl, von der Kanzel für die antisemitische Kandidatenliste eintrat. Auf der anderen Seite bemühte sich die neue Regierung, den Juden, besonders den Strenggläubigen kleine Wahlgeschenke zu machen. So hat der Finanzminister Lukacs ein aus der Zeit der Koalitionsregierung stammendes, berechtigtes Gravamen der orthodoxen Judenschaft beseitigt, indem er eine Ministerialoerordnung, welche die jüdischen Tabaktrafikanten zwang, am Sabbat das Geschäft offen zu halten, und ihnen verbot, das Geschäft an diesem Tage an einen Nichtjuden zu übertragen, als ungerecht aufhob. Auch die übrigen Mitglieder der Regierung, so besonders der im Rufe eines Halbantisemiten stehende Minister für Kultus und Unterricht Graf Johann Zichy, gaben den jüdischen Deputationen beruhigende Erklärungen darüber ab, daß die Regierung entschlossen sei, die religiösen Ueberzeugungen aller Bürger hoch zu achten. Bemerkenswert ist noch, daß in einzelnen Bezirken, wo jüdische Wähler in größerer Zahl vorhanden sind, gegen gewisse Kandidaten damit agitiert wurde, daß sie als abtrünnige, getaufte Juden hingestellt wurden, um die jüdischen Wähler von ihnen abzuwenden. Die Familie Adler and der englische Thron. Die englischen Blätter veröffentlichen ununterbrochen Erinnerungen an verschiedene Episoden aus dem Leben des verstorbenen König Eduard VIJ. Aus der Fülle der Reminiszenzen, die die Beziehungen des Königs zu den Juden betreffen, sei hier die interessanteste wiedergegeben. Sie bezieht fich auf das nahezu freundschaftliche Verhältnis, das zwischen dem englischen Königshaus und der Familie des Londoner Chief-Rabbi Dr. Adler bestanden hat. Wie bekannt, war der Vater des jetzt verstorbenen Königs Prinz Albert ein Prinz von Hannover.. Das erstgeborene Kind der Königin Viktoria war eine Tochter, die nachmalige Kaiserin Friedrich. Der englische Kronprinz, der nunmehr verstorbene König Eduard, wurde erst im Jahre 1841 geboren. Das englische Volk sowohl, wie auch die königliche Familie erwarteten mit Ungeduld die Geburt eines Prinzen. Königin Viktoria, die Mutterfreuden entgegensah, war jedoch schwer erkrankt und weilte zur Erholung in Italien Auf Anraten der Aerzte sollte die Königin über die Zeit ihrer Entbindung in Italien bleiben, wozu auch die königliche Familie ihre Zustimmung gegeben hatte. Die Zeitungsnachricht hierüber hatte auch der damalige Rabbiner von Hannover, Rabbi Nathan Adler, gelesen. Er erbat fich eine Audienz beim Minister des Auswärtigen Amtes und machte denselben darauf aufmerksam, daß nach der englischen Verfaffung nur derjenige königliche Prinz den Thron erben könne, der auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt hat. Sollte nun die Königin von England in Italien einem Prinzen das Leben schenken, so wäre er nach der englischen Verfassung von der Thronfolge ausgeschlosien. Der Minister verständigte hiervon den Hof, wo diese Mitteilung große Ueberraschung hervorrief. Man hatte an diese Eventualität einfach vergeffen. Ohne Rücksicht auf den schwachen Zustand, wurde Königin Viktoria nach England überführt, woselbst sie am 9. November eines Prinzen, des nachmaligen Königs Eduard genas. Die königliche Familie hat diesen Dienst des Rabbis von Hannover niemals vergessen und als der Rabbiner- Posten frei wurde, erhielt Rabbi Nathan Adler aus Hannover die Berufung nach London, woselbst er dann zum Chief-Rabbi von ganz England ernannt wurde und gewissermaßen selbst eine Rabbinerdynastie gründete. Nach seinem Tode wurde sein Sohn Dr. Adler zum Chief-Rabbi ernannt, der sich heute noch der allerschönsten Sympathien bei Hofe erfreut. Ein Denkmal für Jules Verne. In Nantes, dem Geburtsorte Iules Vernes, wird ein Denkmal des berühmten Schriftstellers enthüllt werden. Das Monument, eine Schöpfung des Bildhauers Georges Baneau, erhält in einer der mit großen Bäumen bestandenen Alleen des Jardin des Plantes seinen Platz. Das Denkmal verkörpert in anmutiger Weise und in gefälligen Formen die Werke Jules Vernes. Mit dem Rücken gegen eine Säule, die das Bildnis des Dichters schmückt, lehnen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, und lesen aufmerksam in den vor ihnen ausgeschlagenen „Voyages iniagiiiaires1^ Der Halley'sche Komet. hat — bis jetzt wenigstens — die Erwartungen der Laien und Gebildeten enttäuscht. Von der glänzenden Himmels erscheinung, die die Astronomen seit Wochen in Aussicht stellten, war fast keine Spur zu sehen. Mit Ausnahme der in diesem Monate ungewöhnlichen Witterungsverhältnisse, die wir noch mit dem Kometen in Zusammenhang bringen können, ist er an uns fast spurlos vorübergegangen. Da waren doch die in Wiener-Neustadt in einer beneidenswerteren Lage. Die genossen in der Nacht des 20. Mai das Schauspiel eines Schwefelregens. Nun kann die Einbildungskraft aus diesem interessanten Naturereignisse Schlüsse ziehen auf die nahe oder auch fernere Zukunft. Der Komet nimmt es nämlich nicht so genau: seine Folgen müssen ja nicht sogleich eintreten sie lassen oft ein ganzes Jahr auf sich warten, wie die Chronik berichtet. Eigentümlicherweise werden wir da wieder nach Wiener-Neustadt geführt. Dort wirkte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts der rühmlichst bekannte Verfasser des Terumat hadeschen, Rabbi Jsserlein (geboren im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, gestorben gegen Ende des Jahres 1460). Aus ängstlicher Rücksicht auf eine Vorschrift des Semag konnte er sich erst nach längerer Zeit entschließen, den Kometen im Jahre 1456 zu beobachten. Er sah ihn vom Turme der