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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 372 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 22 Wunder, wenn sich in diesen für das Gemeindeleben wichtigen Kreisen Verstimmungen einbürgerten, welche in letzter Zeit sogar zu einer organisierten Fronde führten. Diese geplanten Beziehungen werden sich bessern, sobald der Vorstand den Beweis erbringen wird, daß er auch für diesen Zweig seiner Aufgaben tätiges Interesse habe. Der Vorstand denkt ernstlich daran, einen Monümental-Tempel in der inneren Stadt zu errichten, der an Fassungsraum, Ausstattung und Kostenaufwand alle Vereinstempel weitaus übertreffen soll. Solche grob angelegte Pläne bedürfen geraumer Zeit zu ihrer Reife. Sie tauchen erst schüchtern auf — verschwinden für einige Zeit, um wieder auf die Bildfläche zu kommen — etwa wie die Kometen. Zum erstenmal wurde ein ernster Schritt gemach't, als vor zehn Äahren ein Tempelbau-Komitee eingesetzt wurde, welches alle einschlägigen Fragen — Lokalbedarf, Platz, Vau und Bedeckung — eingehend studierte. Nach langen Beratungen kam das Komitee zur Ueberzeugung, datz die enormen Kosten eines Tempelbaues in der inneren Stadt mit dem mäßigen Lokalbedarf in keinem Verhältnis stehen — weshalb sich das Komitee für überflüssig erachtete und sich auflöste. Die Idee ging damit nicht verloren, sondern ging auf das allgemeine Baukomitee über, welches sich eben mit einem anderen, mindestens ebenso wichtigen, gewiß aber noch dringlicheren Projekte befaßte — den Neubau eines Administrationsgebäudes. Die Arbeiten waren bereits bis zu einer Bauskizze gediehen, wonach der alte Tempel erhalten bleiben, nur mit einem neuen, würdigeren Zugang ausgestattet werden — das Administrationsgebäude aber rings um den Tempel ausgeführt werden sollte. Kaum war jedoch das Tempelbauprojekt von dem Spezialkomitee fallen gelassen worden. als das Baukomitee dasselbe aufgriff und in erste Linie stellte — und damit den Vau eines Administrationsgebäudes in den Hintergrund drängte. Seitdem nun ein fachmännisches Vorstandsmitglied berechnet hat, daß die Gemeinderealität groß genug sei, um daselbst einen Tempel mit gleichem Fassungsraum wie der Leopoldstädter Gemeindetempel zu erbauen — gilt der Tempelbau auf der Gemeinderealität als Ariom — und obwohl Niemand darüber Klarheit gewonnen hatte, ob das Areal auch überdies zum Neubau eines Administrationsgebäudes hinreicht, wurde die Parole ausgegeben: Tempel und Administrationsgebäude auf dem Gemeinde-Areal aufzuführen. Der Vorstand war also mit sich einig — jedoch die Baubehörden machten Schwierigkeiten. Die Zentralkommission für Erhaltung historischer Baudenkmale, welche ihren Schutz der freizulegenden Nupprechtskirche zuwendete, verlangte, daß ein Neubau nicht höher als 15 Meter geführt werde und weder Kuppeln noch Türme aufweisen dürfe. Die Kommune, welche an anderer Stelle keine Bedenken getragen hätte, einen viel bedeutenderen Kirchenbau durch einen vielversprechenden Neubau zu — „verschandeln", stellte sich auf Seite der Zentralkommission und gestattete den Bau. nur unter den von der Zentral- - kommission sestgestellten Bedingungen. Da nun nach Wiener Praris ein Tempel ohne Türme, zumindest ohne Kuppelaufsatz nicht denkbar ist, so kamen die Bedingungen einem Bauverbot für den Tempel gleich. Mit der Philosophie des „Gamsu" müßte man nun das Projekt des Administrationsgebäudes in den Vordergrund stellen, dessen Ausführung keine besonderen Schwierigkeiten Verursachen würde. Allein der Vorstand hält an dem Tempelbauprojekt mit Zähigkeit fest, obwohl es nicht einmal feststehl, daß der Platz glücklich gewählt ist. Infolge umfassender Regulierung dieses Stadt-Viertels werden durchwegs neue Straßenzüge geschaffen — der Tempel käme mit seiner Hauptsront an eine stark abfallende Fahrstraße zu stehen, wäre also mangels einer horizontalen Basis in seiner monumentalen Wirkung sehr beeinträchtigt; zudem würde der Verkehrslärm, vielleicht gesteigert durch das Getöse der projektierten Untergrundbahn mit der Feierlichkeit des Gottesdienstes nicht gut harmonieren. All dies und noch manches andere wird vorerst reiflich erwogen werden müssen, ehe die Gemeinde mit den sehr erheblichen Kosten eines Monumentalbaues belastet wird. Darum wird man mit dem Tempelbau noch etwas warten und — man kann noch warten. Nickt warten aber kann man mit dem Neubau des Administrationsgebäudes. Die Zustände in dem alten Amtsgebäude sind ganz unhaltbar, die Gemeindeführung leidet unter der Ubikationsmisere und je länger man mit dem Neubau zögern wird, desto teurer wird derselbe zu stehen kommen. Alljährlich werden große Summen für Adaptierungen ausgegeben, welche nötig sind, um die Aemter betriebsfähig zu erhallen. In den Jahren 1908 und 1909 beliefen sich diese Auslagen auf rund 32.000 Kronen. Dieser Aufwand — in Demolierungsobjekte investiert — bedeutet einen unwiderbringlichen Verlust. Es erübrigt nur eine Lösung: Man hebe das Junktim zwischen Tempelbau und Neubau des Amtshauses ehestens auf und trachte, letzteres Projekt selbständig zu lösen. Neunzig Jahre der Gemeindegeschichte sind kein so überwältigender Zeitraum, daß derselbe die unbedingte' Seßhaftigkeit in der Seitenstettengasse rechtfertigen würde. Diese Jahre verschwinden im Vergleiche mit der Geschichte der beiden Wiener Ghetti am Iudenplatz und Unteren. Werd. An diesen Stellen könnte an eine große historische Vergangenheit angeknüpft werden, wenn man sich entschließt, sich loszumachen von einer Gasse, in welcher ewig vergebens die Sehnsucht wächst nach: Mehr Licht! (Ein Schlußartikel folgt.) Ivom Aabrmarkt des Lebens. Die Parlamentarische Aktion zugunsten Finnlands. Laut Zeitungsnachrichten beabsichtigen einige österreichische Parlamentarier eine Adresse an die russische Duma zugunsten der konstitutionellen Freiheit Finnlands zu richten. Es ist gewiß anerkennenswert, wenn unsere sich liberal und fortschrittlich nennenden Volks (?)vertreter, anstatt sich mit Erfindung neuer Steuern, wie Dr. Steinwender, oder mit Nationalitätszänkereien zu beschäftigen, sich einmal der Unterdrückten annehmen. Aber gibt es denn in Rußland keine anderen Unterdrückten als die Finnländer, die noch so viel Macht haben, um die Beschränkungen der Juden aufrecht zu erhalten^? Und haben nicht unsere „Freisinnigen" zu allen Grausamkeiten der russischen Regierung, zu allen Verfolgungen der Juden bis jetzt stillgeschwiegen? Die Finnländer berufen sich auf die ihnen vom Kaiser Alexander I. vor einem Jahrhundert verliehenen Rechte, die Menschenrechte der Juden haben aber ein Alter von Jahrtausenden. Eine Adresse zugunsten der Finnländer, ohne die Juden zu erwähnen, würde so viel wie eine Zustimmung zu den Judenverfolgungen bedeuten, und wir müßten jeden Unterzeichner derselben, so freisinnig oder demokratisch er sich sonst gebärden mag, als Judenfeind betrachten. Jedenfalls erwarten wir, daß kein jüdischer Dtp tierter, welchen Klub er. auch angehören mag, eine solche Adreffe ohne Zusatz zugunsten der Juden unterzeichnen wird.

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