Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021895--19312-3044287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 385 („Der Sohn des Volkes")/ des illustren Meisters Josef Israels unbestrittenermaßen eines der größten Maler des Jahrhunderts anzusehen. Dieses Bild ist auch gegenwärtig in der Ausstellung von Venedig zu sehen. Es stellt einen alten Juden an der Schwelle eines Trödlerladens dar. Man sieht alte Kleider, alte Lampen und hundert andere gebrauchte Gegenstände. Das Sujet ist, wie sie sehen, ein recht einfaches. Nichts von Pose, nichts von Sentimentalität. Und trotzdem personifizieren die traurigen Angen des alten Trödlers, die in die Ferne blicken, wie seine ganze Physiognomie, all die Schmerzen nnd Traurigkeiten, die ganze Resignation des jüdischen Volkes durch all die Jahrhunderte. Und von diesem Bilde kann man mit Recht behaupten, daß ein nichtjüdischer Maler es unmöglich hätte malen können. Ein nichtjüdischer Maler hätte unmöglich so viel jüdisches Gefühl zum Andrucke bringen können, so sehr ist die Konzeption dieses Werkes vom jüdischen Geiste erfüllt. Es ist wohl wahr, man spürt auch in diesem Bilde den holländischen Einfluß, zum Beispiel denjenigen Rembrandts, wie bei allen Bildern Israels, aber die vorherrschende Note ist die Jüdische. Sie wissen ja, jeder moderne Jude nimmt in seine Kultur den Einfluß des Milieu auf, in dem er gelebt hat. Ist nun dieser Einfluß stärker als das jüdische Gefühl, so wird, um bei der Kunst zu bleiben, ein Werk entstehen, das sich durch nichts von den Werken der Nichtjuden unterscheidet, und nebenbei gesagt, ist das auch im Allgemeinen der Fall. Ist aber, wie bei Israels und Hirschenberg, die jüdische Seele mächtiger als der Einfluß seines Geburtslandes auf ihn, dann dürfen wir von einem Meisterwerk jüdischer Kunst sprechen. Bei den meisten unserer Künstler ist dieses jüdische Element schwer zu unterscheiden, wie znm Beispiel bei Max Liebermann, einem der berühmtesten Maler Deutschlands. „Könnten Sie mir einige jüdische Künstler nennen, die sich in der Kunstwelt einen Namen gemacht haben?" fing jetzt der Interviewer. Mit Vergnügen. Aber es gibt deren so viele. Sie sind wirklich cher Stolz des Judentums. Ich will Ihnen Einige aus dem Gedächtnisse nennen: Israel und Liebermann. Der Erstere, 85 Jahre alt, lebt, wie ein alter Patriarch im Haag, geehrt von Allen, als der größte holländische Maler. Seine Bilder werden mit enormen Preisen bezahlt; ihr Motiv ist in den meisten Fällen aus dem Leben der holländischen Bauern und Fischer entnommen. Ein großes Bild jüdischen Charakters -dieses Meisters, „Saul und David", ist im Besitze des Amsterdamer Museums. Liebermann ist der Führer der modernen, deutschen Schule. Eines seiner Bilder befindet sich im Museum in Venedig und stellt alte Spitzenmacherinnen dar. So wie Liebermann in Deutschland hat Ernst Josefsohn in Schweden den Kampf für moderne Kunst geführt, der eine konnte den Sieg seines Kampfes erleben, während der andere, der unglückliche Josefsohn, nach hingebungsvollem'Kampfe für die Moderne in seinem Lande geisteskrank geworden und vor einigen Jahren nach achtzehnjähriger Geisteskrankeit in Stockholm starb. Seine Bilder, die anfangs von den Jurys der Salons mit Beharrlichkeit zurückgewiesen wurden, bilden heute den Schmuck und den Schatz der öffentlichen und'Privatmuseen von Schweden. Sein Hauptwerk ist im Besitze des Bruders des Königs, Prinzen Eugen, des größten Bewunderers Josefsohns, der dieses Werk an der schönsten Stelle seines Schlosses anbringen ließ. In Frankreich getörte zu den Verfechtern der modernen Richtung der berühmte Maler Camille Pissad, der in seinen Bildern das herrliche Bild der französischen Landschaft sang. Wir können noch Francois Rafaeli, Levi Dhurmer und den Bildhauer Bloch anführen. Wenden wir uns nun nach Rußland. Hier war der große Bildhauer Antokolski, ein armer Sohn des Wilnaer Ghettos; ferner der hervorragende Maser L. Pasternak, Professor an der kaiserlichen Akademie in Moskau. In Paris finden wir noch Juden aus Rußland, so die Bildhauer Ahronsohn und Bernstamm. In Oesterreich leben der sehr talentierte Maler Jehuda Epstein, Isidor Kaufmann, der uns schon mit so vielen Bildern aus dem jüdischen Leben beschenkt hat; der alte Maler und Porträtist des kaiserlichen Hofes Leopo d Horowitz. In den galizischen Bergen, in Zakopane, lebt ein junger, polnisch-jüdischer Maler, Abraham Neumann, der wunderschöne Winterlandschaften malt. Um. auf Deutschland zurückzukommen, kann ich Ihnen sagen, daß es daselbst eine große Anzahl junger Künstler gibt, von denen ich bloß den Maler Ernst Appler, von dem sich ein Bild in der Galerie von Venedig befindet, ferner seinen Bruder, dem Bildhauer Alexander Appler, dann die Maler Pottner, Max Fabian, die Bildhauer Jakob Pleßner, Max Levi und viele Andere. In Italien, in Rom lebt der äußerst talentierte Bildhaner Henryk Glitzenstein, in Polen geboren, Autor der Kolossalstatue „Messias" und des großen Werkes „Bar Kochba". Einer der hervorragendsten Künstler war Samuel Hirszenberg. der als Professor der Künstlerschule Bezalel nach Jerusalem ging. Seine bekanntesten Bilder sind „Spinoza", „Der ewige Jude", „Die Jeschibah" und „Gous". Er starb in der Heiligen Stadt im 45. Lebensjahre. Sein Tod war ein großer Verlust für das gesamte Judentum. In England ist einer der berühmtesten Maler Salomon I. Salomons in London. Er hat historische Bilder und Porträts gemalt, wie zum Beispiel „Samson und Delilah". Zum Schluffe sei noch des berühmten, amerikanischen Malers Loch erwähnt, der vor einiger Zeit starb. Ich könnte noch eine große Anzahl bedeutender jüdischer Künstler anführen, aber das Gesagte genügt, um zu zeigen, daß die Juden auch in der Kunst einen wichtigen Platz unter den übrigen Völkern einnehmen. Literatur. Köhlers Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage. Von Dr. Fenchtwang. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums legt den vierten Band vom Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums vor. Der Rektor des Hebrew College in Cincinnati. Dr. Kaufmann Köhler, ein anerkannter Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Spezialtheologie, hat die durchaus schwere Aufgabe übernommen, das lange erwartete Werk unter obigem Titel zu schreiben. Man begegnet in jüdischen Gelehrtenkreisen merkwürdigerweise der speziellen Theologie nicht uiit vollem Vertrauen. Erst die Defensive hat uns gelehrt, auch auf diesem Gebiete Posto zu fassen. So war das übrigens seit jeher. Man hat es auch ehedem in alten Zeiten nicht für nötig erachtet, die jüdische Theologie in ein System zu bringen, bis die Not und die Apologetik es erzwangen. Schließlich kann man die großen Werke der jüdischen Re'igionsphilosophen als Systeme der Theologie auffaffen, so wenig jene die Absicht haben mochten, das damit zu vollbringen, was wir heute darunter verstehen. Weder Saadia, noch Maimuni, weder Jehuda Halcvi haben Systeme der Theologie zu schaffen vorgegeben; noch viel weniger können Aldos nnd Bachjahs philosophische Werke als Systeme betrachtet werden. D e theologisch-philosophische Abstraktion war und ist dem Judentums niemals die Hauptsache gewesen. Die religiösethische Praxis stand allenthalben im Vordergründe der Betrachtung und Behandlung. Es kam immer und überall darauf an, die jüdische Glanbensgemeinde durch die Lehre und Ueberlieferung, die gründlich und unablässig unterrichtet wurden, glaubensstark und fromm zu erziehen. Der auf das Praktische gerichtete Sinn der Leh er Israels verzichtet wohl uie auf die gedankliche Vertiefung der Lehren über Gott und Religion, verliert sich aber nie in zweckloses Spekulieren über Dinge über dem Himmel und unter dem Horizonte.der Erkenntnis- Möglichkeit. Ausnahmen gab es natürlich auch da. Es wird niemand bezweifeln, daß die großen Ritualcodices implicite auch Systeme der Theologie enthalten; die Theologie aber ist darin in religiöse Lebenspraxis umgewandelt. Es war aber doch durchaus nötig, daß einmal ein jüdischer Forscher das System unserer Theologie behandle. Nichtjüdische Forscher haben es ja leider und oft genug getan, und den Boden auf diese Weise den Berufensten entzogen. Eisenm e n g e r und W a g e n s e i l sind noch immer die gerne gehörte» Lehrmeister christlicher Forscher und auch Boden schätz gilt ihnen als unbefangener Berater. Man kann, ohne ungerecht zu werden, sagen, daß selbst die größten christlichen Gelehrten in ihren bewunderungswürdigen Werken in dem Momente zu Tendenzschriftstellern werden, wo sie die jüdische Theologie behandeln. Bei allem gebührenden Respekt vor Wellhausen, Delitzsch, Schürer, Pfleid'rer, Stade, Bonsset, Harnack rc., gilt diese Behauptung auch von ihnen, wie dies durch jüdische Gelehrte von Rang und Ruf Hundertemale nachgewiesen worden ist, ohne daß es irgendwie, auch in jüdischen Jntelligenzkreisen, ernstlich zur Notiz genommen worden wäre. Wahr ist, was Köhler (l. c. S. 349 Anm.) sagt: „Nur wer sich von der paulinischen Auffassung des Judentums freimacht, kann zu einer objektiven Beurteilung des Judentums gelangen." „Wie das ganze Neue Testament, so sind alle theologischen Werke der Christenheit bis zum heutigen Tage Tendenzschristen." „Ein System theologischer Grundlehren auf der buntscheckigem Haggadah aufzubauen, ist daher verfehlt, und wenn man gar mit der Voreingenommenheit des paulinischen Antinomismus ans Werk geht nnd noch dazu in ungeschickter Weise die Aussprüche verschiedener Zeiten zusammenwirft, so mnß trotz des trügerischen Scheines der Sachlichkeit die Wahrheit darunter leiden." Alle diese Fehler aber trägt das seit einigen Jahren allgemein eingeführte Buch von Dr. Ferdinand Weber an sich: „Jüdische Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften" (zweite Auflage, Leipzig 1897). Es kann nicht geleugnet werden, daß Weber eine fleißige, systematische Arbeit geleistet hat; aber der Teufelsfuß der Tendenz steckt doch in jedem Kapitel, obzwar Weber ausgezeichnet eingeweihte Berater befragt, die ihm manche versteckte scheinbare Blöße jüdischer Theologie verraten. Es war höchste Zeit, Weber aus dem Sattel zu heben. Helfen wird's nicht. Denn die christlichen Kritiker und Forscher werden Kohler's Buch einfach auch als Tendenzschrift verzeichnen, wie wir es mit Weber tuen. Und im Grunde genommen haben sie nicht Unrecht. Köhlers Buch ist offenbar aus der Tendenz entstanden, den protestantischen Darstellungen jüdischer Theologie ein Buch entgegenzusetzen, das ven jüdischen Standpunkt scharf betont. Vollkommene Objektivität ist dabrr fast unmöglich zu erzielen insoferne, als die Feder zwar von einwandfreier Wahrheitsliebe, aber auch von Liebe zum Judentum und dessen Lehre geführt wird. Man kann aber sagen, daß Köhlers Darstellungen durchaus den wirklichen Lehrinhalt der jüdischen Theologie wiedergeben. Ich kann es mir nicht versagen, bei dieser Gelegenheit auf ein im Jahre 1796 in Leipzig bei Weygand erschienenes Buch hinzuweifen: „Theologie des Alten Testaments oder Abriß der religiösen Begriffe der alten Hebräer. Von den ältesten Zeiten bis auf den Anfang der christlichen Epoche." Ter Verfasser, der nicht genannt ist, hat da ein für seine Zeit geradezu ausgezeichnetes Buch geschrieben, das den Grund-