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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seüe SSL Dr. Blochs Wochenschrift. Oberrübbiner gegenüber sich im Unrecht befinde. Ob Georg Brandes sich bei diesem Anlasse konfessionslos erklärte, wird nicht angegeben. Die Judeuausweisunge» iu Kiew. Der Schutzverein der deutschen Juden erhielt über die Ausweisung jüdischer Familien aus Kiew folgendes Telegramm: Die Ausweisungen der jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit Gewalt durchgeführt, und zwar in der grausamsten Weise. Angesehene jüdische Bürger werden von Schutzleuten in die Mitte genommen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in den dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von zwei Tagen gewahrt. Ein Teil der Ausgewiesenen wird per Schub weggebracht. Ganz unerwartet erhalten zahlreiche weitere Personen und Familien, die bisher verschont geblieben sind, Ausweisungsbefehle, worin den Betreffenden nur eine 24stündige Frist zum Verlaffen der Stadt gesetzt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung Kiews herrscht infolge dieser grausamen Vorgänge eine verzweifelte Stimmung. Jüdische Polizisten in Jerusalem. Wie die Newyorker „Wahrheit" aus einem Privatbriefe aus Jerusalem mitteilt, wurden in den Status der Jerusalemer städtischen Polizei zwanzig.Juden ausgenommen. Unter den Polizisten befindet sich auch der bisherige Diener der Chewra-Kadischa. Derselben Meldung zufolge sei auch, ein Jude zum Polizei-Oberkommissär ernannt worden. Prinz Eitel Friedrich und die Jude« in Jerusalem. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Die Anwesenheit des Prinzen Eitel Friedrich in unserer Stadt brachte die Leiter einer Anzahl jüdischer Anstalten, die von deutschen Juden subventioniert werden oder unter deren Oberaufsicht stehen, auf die Idee, den Prinzen zum Besuche dieser Anstalten ehrerbietigst einzuladen. Tatsächlich wurden auch sämtliche jüdische Austaltsgebäude in Erwartung des hohen Besuches festlich geschmückt. Der Vizepräsident des Hilfsvereiues der deutschen Juden, Herr Dr. Paul Nathan, der seine Palästinareise so einrichtete, daß er zur selben Zeit in Jerusalem weilte, hat, wie es scheint, auch die Zusage erhalten, daß der Prinz eine dieser Anstalten u. zw. die Lämmel-Schule mit seinem Besuche beehren werde. Ob der kaiserliche Prinz infolge Inspiration von gewisser Seite oder auf direkten Vorschlag die angeküudigte Besuchszeit verstreichen ließ, ohne den Besuch zu machen, wissen wir nicht. Tatsache ist, daß der Prinz in letzter Minute sagen ließ, daß es ihm unmöglich sei, seine Zusage einzuhalten. Dr. Paul Nathan verließ hierauf mit dem nächsten Jaffaer Zug die heilige Stadt. Demonstration jüdischer Soldaten. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, haben dort am Erew Pessach die jüdischen Soldaten in Haskeni eine große Protestdemonstration veranstaltet, um dagegen zu protestieren, daß sie während der Pessachtage zum Dienst herangezogen werden sollten. Der Chacham Vaschi intervenierte bei der Pforte. Wie spätere Konstantinopler Blätter melden, wurden die jüdischen Soldaten von ihren christlichen Kameraden unterstützt und soll auch den Wünschen der jüdischen Soldaten teilweise Rechnung getragen worden sein. Jüdische Kolonie in Johannesburg. Ueber die jüdische Kolonie in Johannesburg äußert sich der dortige italienische Konsul Cesare Poma in einem von der „Lettura" veröffentlichten Artikel sehr günstig, ungefähr in folgender Weise: Die bedeutende Minenindustrie und das durch diese zu enormer Entwüüung gelangte Bankwesen hat aus Deutschland und England eine ansehnliche Gruppe von großen Finanziers, Aktionären, Leitern geschäftlicher Unternehmungen herbeigezogen, sämtlich Juden; denen folgte eine Menge von Juden der niederen Klaffe aus Rußland, Nr. 31 Galizien, Rumänien und anderen Ländern, in denen der Jude als Sklave behandelt wird. Diese werden hier — man weiß nicht, warum Peruaner genannt. Von den 60.000 Einwohnern der Stadt sind 20.000 bis 25.000 Juden. Der größte Teil von ihnen lebt in einem Stadtviertel, in dem die Ladenschiider fast ausschließlich Inschriften in hebräischen Lettern tragen und das nach dem typischen Aussehen der Bewohner wie Whitechapel in London und ein Teil van Bowery in New-Iork — an die so charakteristischen Ghettos von Krakau und Warschau erinnert. In diesem Viertel haben die Israeliten ihr Theater, in denen ernste Dramen oder Komödien von nationalem Charakter in jüdischer Mundart aufgeführt werden, zum Beispiel „Ein Unbekannter" von Jakob Gordin, ein Stück in vier Akten mit einem Vorspiel; die handelnden Personen sind Symbole für die Jntereflen der Liebe und der Selbstsucht. Dieses Drama wiederspiegelt gleich den meisten jüdischen Theaterstücken das an Leiden und idealen Bestrebungen reiche Leben dieser seit langem verfolgten Rasse und ist voll von philosophischen Nrflkxionen, in denen sich der grübelnde Geist des Juden gefällt. Das Theatergebäude, das älteste von Johannesburg, wurde für die jüdische Bühne umgebaut. Das macht dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Niveau Ehre, zu dem sich mit unbezwingbarer Zähigkeit die israelitische Kolonie erhoben hat. Die Theatergesellschaft Wallenstein setzt sich ' aus sehr guten Schauspielern zusammen, die mit Einfachheit und Natürlichkeit und zugleich mit Kraft und Gefühl sprechen, was im schärfsten Kontrast steht zu der gekün- 'stelten und selbstgefälligen Art des englischen Theaters. Die Tendenz der jüdischen Stücke ist wirklich moralisch und erzieherisch. Das Komische beruht nicht auf Zweideutigkeit. Das Publikum besteht aus „Aschkenasim", das ist Angehörigen des nordeuropäischen Judenstammes. Nelv-Aork Das Hebräische ist zum vollwertigen Unterrichtsgegenstand für die Mittel- und Hochschulen erhoben und damit den jüdischen Bürgern gegenüber eine Forderung der Gleichberechtigung erfüllt worden. Die Anhänglichkeit der jüd. Bevölkerung an die hebräische Sprache hat sich in Brooklyn in besonders deutlicher Weise gezeigt. Ein Philanthrop errichtete dort einige Volksschulen für jüdische Mädchen und glaubte den Bedürfnissen der jüdischen Volksmassen damit zu entsprechen, indem er als Unterrichtssprache in diesen Schulen das sogenannte Jiddisch, den von den Juden in den osteuropäischen Ländern gebrauchten „Jargon", bestimmte. Der gutmeincnde Wohltäter mußte sich jedoch bald von seinem Irrtum überzeugen, denn die von ihm begründeten Schulen blieben leer. Darauf führte ec Hebräisch als Unterrichts- und Umgangssprache in die Schulen ein, — und da haben sich in kurzer Zeit über zwölfhundert Mädchen zum Besuch der Schulen gemeldet. Vermischtes. Wien. (Ehrung.) Die Niederösterreichische Handels¬ und Gewerbekammer hat in ihrer letzten Vollversammlung den langjährigen Mitarbeiter und derzeitigen Direktor der hierortigen Firma Heilmann Kohn u. Söhne, k. und k. Hoflieferanten, Herrn Bernhard Kellner durch Verleihung der silbernen Mitarbeitermedaille für . 38 jährige ununterbrochene treue Dienstleistung in diesem Betriebe ausgezeichnet. Wien. Freitag den 20. Mai l. I. starb hier im 72. Lebensjahre Herr Jakob T h i e m a n n, der in der Synagoge des Vereines „Beth Israel" seit deren Erbauung (1893) zur allgemeinen Zufriedenheit als II. Kantor fungierte. Der Verblichene wurde wegen seines biederen und rechtschaffenen Charakters und seiner seltenen Eigenschaften von seiner Gemeinde und seinen Kollegen, mit denen er liebevoll verkehrte, hochgeachtet und geschätzt und erfreute sich allgemeiner Sympathie. Sein Heimgang wird besonders tief betrauert von seiner Gemeinde, seiner gramgebeugten Gattin, die mit ihm durch ein Menschenalter in glücklicher und zufriedener Ehe lebte, und von seinen drei Söhnen, deren ältester, Bankier Herr Max T h t e m a n n in Bankkreisen eine hervorragende Stellung einnimmt, die in ihm den zärtlichsten Vater verlieren. Sonntag den 22. Mai l. I. fand unter Beteiligung des Vorstandes „Beth Israel", zahlreicher Mitglieder desselben, sowie Freunde und Bekannte dessen Leichenbegängnis statt. Der imposante Leichenzug pasiierte die in allen Räumen hell erleuchtete Synagoge in der Leopoldsgasse, die dem Verstorbenen, an deren geweihten Stätte er Jahre hindurch hingebungsvoll seines heiligen Amtes waltete, den letzten Abschiedsgruß zuzuwinken schien. Die Funktion am Friedhof versah in herzergreifender Weise Herr Oberkantor M. S ch o r r. Am Grahe widmete der Obmann-Stellvertreter Herr Ignatz Zolles dem Verewigten einen warmen, tiefempfundenen .Nachruf und Worte herzlichen Abschiedes.

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