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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 361 von der Polizei Ausweisungsbefehle, in denen den Betroffenen nur eine 24 ständige Frist zum Verlassen der Stadt festgesetzt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung Kiews herrscht infolge dieser brutalen Vorgänge eine verzweifelte Stimmung. Frankfurt a. M. Am 15. Mai d. I. fand hier unter starker Beteiligung die Hauptversammlung der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums statt. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Dr. Breuer, erstattete der stellvertretende Vorfttzende, Herr Jakob Rosenheim, den Geschäftsbericht, der von der regen vielseitigen Tätigkeit der Vereinigung auf den verschiedensten Gebieten des öffentlichen jüdischen Lebens Zeugnis ablegte. Die „Kommission für Gesetzgebung und Verwaltung" hat in Angelegenheit der Zwangsorganisation in Preußen, der Sonntagsruhe, der Strafgesetznovelle (Schechita), der religiösen Verhältnisse jüdischer Soldaten, sowie in Volksschul- und Lehrerbesoldungs-Angelegenheiten erfolgreich gearbeitet. Die „Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege" ließ durch ihre Wanderredner 140 Vorträge auf dem Lande halten; sie hat an zahlreichen Orten Lehrkurse eingerichtet, Bücher verteilt und verschiedene Enqueten über besondere Notstände auf dem Lande veranstaltet. Für Subventionen an kleine Gemeinden, Stipendien rc. wurden etwa 10.000 Mk. verausgabt. Auf dem Gebiete des religiösen Pflichtlebens weist der Bericht auf die von der Freien Vereinigung unter zuverlässiger Aufsicht hergestellten Ritualien, sowie auf eine große Reihe von Drucksachen hin, welche der genauen Kenntnis der religiösen Pflichten dienen und die gratis vom Bureau verteilt werden. Der von der „Kommission für Literatur und Presse" gegründete „Jüdische Volksschriften-Verlag G. m. b. H." hat in der Sammlung „Jüdische Volksbücherei", 7 Bände, veröffentlicht und bereitet zur Zeit einen „Jüdischen Kinderkalender" vor. Ziemlich umfassend ist der Bericht über die Palästina-Arbeit der Vereinigung, der durch Mitteilungen über die Reorganisation der Chalucka eingeleitet wird. Das palästinensische Schulmerk der freien Vereinigung, das unter der Leitung des Seminarlehrers Dr. Moses Auerbach in Pethach-Tikwoh steht, erstreckt sich bereits auf fünf Orte und ist in erfreulicher Entwicklung begriffen. Der Bericht erwähnt noch die Abmachungen mit der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation in Berlin und gedenkt dann der in dem Berichtsjahre Heimgegangenen Ausschußmiiglieder: Oberrabbiner Hirsch- Hamburg, Bezirksrabbiner Dr. S a e n g e r - Mergentheim, Seminardirektor Dr. Hirsch Plato -Köln und Hermann Lehmann - Frankfurt a. M. Die „Propaganda-Kommission" hat der Vereinigung in dem Berichtsjahre etwa 1200 neue Mitglieder zugeführt. Den Kaffenbericht, der in Einnahme und Ausgabe mit etwa 50.000 Mark balanziert, erstattete Herr Bankier Aron Wolf- Frankfurt. Nachdem unter großem Beifall die Decharge erteilt war, wurden die Wahlen vorgenommen. Die 13 ausscheidenden Ausschußmitglieder wurden sämtlich wiedergewählt. Neugewählt wurden die Herren: Dr.-Med. C a l v a r y - Posen, Bankier Georg Hermann L o e w y - Rawitsch, Lehrer B. Wolfs- Aurich und Kaufmann Emil Isaak- Frankfurt a. M. Neben den Letzteren wurden die ausscheidenden Vorstandsmitglieder Kommerzienrat Georg Marx- Königsberg. Emanuel Ettinghausen, Wilhelm Hackenbroch und Adolf Stern- Frankfurt a. M. wiedergewählt. Es folgte alsdann die Beschußfaffung über eine vom Vorstande und Ausschüsse vorgeschlagene Satzungsänderung, die zum Zwecke hat, den Vereinstag nur alle zwei Jahre, anstatt alljährlich, zu veranstalten. Die Satzungsänderung wurde einstimmig angenommen. Das Jubiläum der Alliance Jsraelite Universelle. Konstantinopel. Der 50. Jabrestag des Bestehens der „Alliance" ist hier als ein allgemeiner Festtag der jüdischen Bevölkerung begangen worden. Und mit Recht. Hat doch die „Alliance" ihr eigentliches Arbeitsfeld nach dem Orient verlegt und schuldet ihr die hiesige jüdische Bevölkerung besonderen Dank. Hier sind die bleibenden Spuren, die unvergänglichen Schöpfungen ihrer beharrlichen Tätigkeit während eines Zeitraumes von einem halben Jahrhundert. Der eigentliche Festakt, mit dem gleichzeitig die Einweihung des renovierten Schulgebäudes der „Alliance" verknüpft wurde, fand im Vorraum der neuhergerichteten Schule für Knaben in Galatz statt. Sämtliche Notabilitäten der sefa.dischen, wie aschkenasischen Kultusgemeinde, unter Anderem der Botschafter der Vereinigten Staaten. O. Straub und Gemahlin, mehrere, höhere, tm kische Offiziere und Würdenträger, ein Delegierter des ökumenischen Patriarchats waren erschienen. Nachdem der Großrabbiner Haim Nahum Effendi die Einsegnung der Schule in hebräischer Sprache vollzogen, sprach Advokat D. Rousso, als ehemaliger Schüler der Alliance-Schule in türkischer Sprache von der Bedeutung des gewaltigen Schulwerkes der „Alliance" im Allgemeinen und für die ottomanische Judenheit im Besonderen. Die eigentliche Festrede hielt der Großrabbiner, der ein überfich liches Bild von der Geschichte der Entwicklung brr „Alliance" während eines halben Säkulums entwarf, ihrer segensreichen Tätigkeit auf dem Gebiete des Schulwesens im Oriente gedachte und nicht unterließ, darauf hjpzuweisen, daß sie getreu ihren Programmpunkten auch zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ihr Möglichstes beigetragen und so nicht nur ihr Werk auf die Regenerierung und Hebung des geistliche» und sittlichen Niveaus eines Teiles rückständiger Glaubensgenoffen beschränkt, sondern es als ihre vornehmste Aufgabe angesehen habe, Licht und Aufklärung zu verbreiten und dem geächteten jüdischen Namen und der jüdischen Wiffenschaft auf den Lehrkanzeln der Universitäten und innerhalb der gebildeten Welt die gebührende Anerkennung und Ehre zn verschaffen. Welchen Einfluß die „Alliance" während der 50 Jahre ihres Bestehens durch ihre Schulwerke auf die Hebung der sozialen Lage der orientalischen Judenheit geübt habe, das konnte Redner nicht bester aä oeulos demonstrieren, indem er eine Parallele zog zwischen der damaligen Generation und der heutigen und dabei auf die glänzende und imposante Versammlung hinwies, die den Festraum bis zum letzten Plätzchen in erdrückender Menge gefüllt hatte. Die „Alliance", so sagte der Chacham-Baschi am Schluste seiner gehaltvollen Rede, wird nicht stille stehen, sondern den Forderungen einer neuen Zeit und den veränderten Verhältnissen entsprechend ihr Werk weiter ausbauen zum Segen und Wähle der ottomanischen Juden und des Staates. Einige Musikstücke, dargeboten von einer Militärkapelle, sowie einige Chorgesänge, hübsch gesungen durch den Mädchenchor der „Alliancc"-Schule, erhöhten die Weihe der stimmungsvoll und wirklich erhebend verlaufenen Frier. Charles Allatini. Vorige Woche starb in Livorno, Italien, im 62. Lebensjahre Charles Allatini, der „Rothschild des Orients". Charles Allatini war ein Sohn des berühmten Dr. Moise Allatini aus Livorno, der später nach Salonichi, woselbst Charles im Jahre 1848 geboren wurde. Der Verstorbene war ein Wohltäter großen Stiles und es gibt fast keine jüdische Institution in Salonichi, die nicht ihre Entstehung und Erhaltung zum großen Teile Charles Allatini zn danken hätte. Eine der besten jüdischen Schulen von Salonichi "trägt den Namen des Vaters des Verstorbenen» Moise Allatini. Charles Allatini, der immens reich war, übte nicht nur selbst Wohltätigkeit in großem Maße, sondern verstand es auch, die Aufmerksamkeit der Philanthropen des Auslandes auf die Notlage der Juden von Salonichi zu lenken und so ist es vornehmlich sein Verdienst, daß Baron und Baronin Hirsch im Jahre 1890 das niedergebrannte Judenviertel wieder aufbauen halfen und das in der ganzen Gegend berühmte und mustergiltige Baron Hirsch-Hospital errichteter. Charles Allatini genoß eine ansgezeichnete, jüdische Erziehung, die von dem eigens zu diesem Zwecke berufenen Rabbiner Lippmann aus Straßburg geleitet wurde. Charles Allatini hinterläßt drei Töchter, die alle verheiratet find. Eine Tochter, Frau Gisela Uittner, ist eine talentierte Schriftstellerin. die unter dem Schriftstellernamen Maxime de Constant bereits viele beachtenswerte Arbeiten geliefert hat. Ihr Werk „Pour Byzance" hat Aufsehen erregt. Charles Allatini, der bis an sein Lebensende die italienische Staatsbürgerschaft beibehielt, zählte zu den angesehensten Mitgliedern der italienischen Kolonie in Salonichi, welcher er ein stets hilfsbereiter Berater war. Auch in Italien genoß der Verblichene großes Ansehen und wurde vom König von Italien ausgezeichnet. Sein Leichenbegängnis fand unter riesiger Beteiligung aller Gesellschaftskreise in Livorno statt. Am Tage des Begräbnisses ruhten all die zahlreichen Etablissements und Unternehmungen im Oriente und in Italien, an denen der Verstorbene beteiligt war. Georg Brandes Austritt aus der jüdischen Gemeinde. Der bekannte Kritiker Georg Brandes hat, wie Londoner Blätter melden, vorige Woche seinen Austritt ans der Kopenhagener jüdischen Gemeinde, deren zahlendes Mitglied er bis dahin gewesen, offtziell angemeldet. Als Grund für diesen Schritt gibt Brandes die Zwistigkeiten an, die die Führer der Kopenhagener Gemeinde mit ihrem Oberrabbiner Dr. Lewenstein haben und die bereits zu einem europäischen Skandal angewachsen seien. Georg Brandes erklärt offen, daß die Gemeindeleitnng ihrem depossedierten

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