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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nr. 21 Sate/Zso Dr. Blochs Wochenschrift. berg der Sprößling einer Familie ist, deren Stammbaum, wie aus vollkommen verläßlichen Quellen nachweisbar ist, bis gegen das Ende des Mittelalters zurückreicht. Der erste seiner Urahnen war der berühmte Geschichtsschreiber, Astronom und Mathematiker David Gaus (geb. 1541). Der hohe Rabbi Lob in Prag, um dessen Person sich ein Legendenkreis gebildet, war gleichfalls einer seiner Urahnen. — Auch einen anderen leitenden Mann des „Heiligen Vereines" hat die Huld des Monarchen ausgezeichnet. Der Anwalt und Sekretär des Vereines. Herr Dr. Franz Mezey, hat den Titel eines königlichen Rates erhalten. Wer die vieljährige, sachkundige, emsige und hingebungsvolle Tätigkeit Doktor Mezey's um die „Chrwra Kad'scha", die eine der größten, Humanitären Vereinigungen des Landes ist, kennt, wird seine Auszeichnung mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen. Dabei nimmt Dr. Mezry auch an anderen kulturellen und konfessionellen Bewegungen regen Anteil und auch auf literarischem Gebiete ist er in beachtenswerter Weise tätig. Seine zahlreichen Freunde und Verehrer werden sich über die wohlverdiente Auszeichnung des wackeren Mannes freuen. — Das ungarische Amtsblatt publizierte vorige Woche auch die bereits gemeldete Verleihung des Titels eines königlich ungarischen Hofrates an den Grundbesitzer und Großhändler Adolf K o h n e r für seine im öffentlichen Leben und besonders auf dem Gebiete der Volkswirtschaft erworbenen Verdienste. Der neue Hofrat ist längst ein wichtiger Faktor des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens der ungarischen Hauptstadt. Er ist Chef eines alten, geachteten Großhandlungshauses, Großgrundb.sitzer und nimmt an der Leitung mehrerer größerer Finanzinstitute teil. Dabei entfaltet er eine umfassende, humanitäre und kulturelle Tätigkeit; wir erwähnen nur seine nachhaltige Mitarbeit an den neuesten Aktionen der ungarischen Juden: der israelit.scheu ungarischen literarischen Gesellschaft, dem ungarischen israelitischen Kulturverein rc. Auch als Kunstfreund und Mäcen hat er sich eine angesehene Position gesichert. Diesen mannigfachen Verdiensten ist nun von Allerhöchster Seite die gebührende Anerkennung zuteil geworden, die 'allenthalben aufrichtige Befriedigung erwecken wird. Gedenkfeier für Abraham Geiger. Im Hörsaale der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums fand Sonntag zur Erinnerung an die Wiederkehr des hundertsten Geburtstages von Abraham Geiger eine ebenso würdige als erhebende Feier statt. Die Gedenkrede hielt Herr Dr. Elbogen, der sich der gestellten Aufgabe, ein Bild von dem Wesen und Wirken des vielbewunderten und vielbefehdeten Reformators im Judentum vor seinen Hörern zu entrollen, in einer vortrefflichen Weise entledigte. Wie Leopold Zunz der Schöpfer der Wissenschaft des Judentums, so ist Abraham Geiger. der Schöpfer der jüdischen Theologie. Schon als fünfundzwanzigjähriger Mann war er mit diesem seinem reformatorischen Gedanken hervorgetreten und hatte mächtig in den Entwicklungsgang des neuzeitlichen Judentums, vornehmlich des deutschen eingegriffen. Für Freiheit in der Forschung, für Aufklärung und Bildung, für Kritik und Entwicklung im Judentum hat er gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftreten sich mit der. ihm eigenen Tapferkeit und kritischen Energie eingesetzt. Ziel seines Wirkens war und blieb, das Judentum der allgemeinen wissenschaftlichen Entwicklung gemäß auszugestalten und ihm dadurch die allgemeine Anerkennung zu sichern. Frühzeitig gereift, mit einem ungewöhnlichen theologischen und orientalisch-philologischen Wiffen ausgerüstet und mit einem intuitiv-kritischen Sinne von einem gütigen Geschick ausgestattet, betrat Geiger seine öffentliche Laufbahn als Forscher und als praktischer Theologe, allzeit bereit, Freund und Feind Rede zu stehen für seine wiffenschaftliche Ueberzeugung, die darin' gipfelte, daß er in der jüdischen Tradition einen ununterbrochen sich vollziehenden Entwicklungsprozeß ansprach. So legte er seine kritische Sonde an die Kernfragen im Judentum un, beseitigte endgültig Jahrtausende alteJrrtümer hinsichtlich der Auffassung von demWesender Saducäer und der Pharisäer, die erin ihre gebührenden Ehren als die eigentlichen Reformatoren des religiösen Lebens einsetzte. In seinem grundlegenden Werke über die „Urschrift der Bibel" erhob sich Geigers kritischer Scharfsinn zu höchster Höhe. Ueber alle Gebiete des jüdischen Schrifttums erstreckte sich Geigers schöpferische literarische Tätigkeit. Ec erweckte die großen Denker und Dichter Jehuda ben Halevy, Salamon Gabirol zu neuem Leben, indem er ihre Werke in sein geliebtes Deutsch formvollendet übertrug. Seine Geschichte des Judentums und seiner Literatur gehört zu den besten Erzeugnissen auf diesem Gebiete. Daneben wirkt er überall belebend und anregend, ordnend und fortbildend in Wort und Schrift, als einer der beredtesten Kanzelredner, wie als theologischer Lehrer. Allerdings verhinderte die Ungunst der Verhältnisse die volle Verwirklichung seiner Lieblingsidee, .nämlich die Schaffung einer jüdisch-theologischen Fakultät, die sich an eine deutsche Universität angliedern sollte. Aber es war ihm doch die Freude beschieden, noch am Ende seines Lebens an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums eine eindringliche, aber leider nur kurze Tätigkeit zu entfalten. Abraham Geigers Wirken hat unauslöschliche Spuren in der Entwicklung des deutschen Judentums hinterlaffen und mit tiefem Danke gegen ihn als einen vorbildlichen Führer blicken seine Schüler bewundernd zu ihm hinauf. Herr Dr. Klein (Stockholm) würdigte sodann in einer eingehenden, von einem starken Pathos erfüllten Rede die unvergänglichen Verdienste Geigers als des Mannes der großen sittlichen Initiative, der begeisterten Hingebung an sein religiöses Ideal, nicht minder aber auch als des Förderers der jüdisch-theologischen Lebenspraxis. Ein schöner Chorgesang eröffnete und schloß die Feier. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folgende Telegramme: Petersburg, den 20. Mai. Die Ausweisungen jüdischer Familien aus ihren bisherigen Wohnorten nehmen in Rußland einen immer größeren Umfang an. Neben der grausamen Austreibung von vielen Hunderten Familien aus Kiew, die nun wohl unabwendbar bevorsteht, kommen aus Moskau Nachrichten.über Ausweisungen von unglaublicher Herzlosigkeit. Es verlautet, daß die Moskauer Behörden von höchster Stelle den Auftrag hätten, unter allen Umständen die Zahl der jüdischen Einwohner in Moskau zu vermindern. Wenn man den Familienhäuptern nichts anhaben kann, so hat man folgende unmenschliche Methode gefunden, um zum Ziele zu kommen. Unter irgend einem Vorwand weist man die Kinder der Familien aus, selbst Kinder im allerzartesten Alter. So wurde das 2 jährige Töchterchen der Hebamme Bermann ausgewiesen, weil der Mann sich auf Geschäftsreisen befand, und man erklärte, daß das Kind nur während der Anwesenheit des Vaters das Wohnrecht für sich habe. Die Mutter hat als Hebamme selbständiges Wohnrecht. Aehnliche Fälle von Kinderausweisungen, wenn die Väter vorübergehend abwesend sind und selbst dann, wenn die Mütter als Zahnärztinnen oder Hebammen usw. das Wohnrecht besitzen, stehen in Moskau auf der Tagesordnung, obwohl ein Senatsbeschluß sich in solchen Fällen gegen die Vollziehung der Ausweisung ausgesprochen hat. Durch solche Maßregeln will man selbst wohnberechtigte jüdische Familien zwingen, Moskau zu . verlassen. Kiew, den 20. Mai, 11 Uhr 20 Min. vorm. Die Ausweisungen der jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit Gewalt durchgeführt und zwar in der grausamsten Weise. Angesehene jüdische Bürger werden von Schutzmannskordons in die Mitte genommen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von 2 Tagen gewährt. Ein Teil der Ausgewiesenen wird per Schub weggebracht. Ganz unerwartet erhalten zahlreiche weitere Familien und Personen, die bisher verschont geblieben sind.

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