Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 357 bewerkstelligen konnte, bei seinem minimalen Einkommen 24 Kinder großzuziehen und zu ernähren, ist einfach unbegreiflich und man wird wohl mit der Annahme, daß im Kantor- Hause in Keszthely SchmalhanL Küchenmeister gewesen sei, nicht fehl gehen. Gleichviel — alle Goldmark Kinder, insoweit fie am Leben blieben, haben sich redlich und energisch durchgerungen und sind zu Ansehen und Wohlstand gelangt, allen voraus Meister Karl, dessen Name ein weltberühmter geworden ist und der sowohl als genialer Tondichter, wie als edler, bescheidener Charakter allseitig hochverehrt wird. Karl Goldmarks Werdegang war ein äußerst mühseliger, dornenvoller und Entbehrungen auferlegender. Die erste Betätigung seiner hohen musikalischen Begabung vollzog sich auf der Geige, die er schon als neunjähriger Knabe derart meisterte, daß er in Oedenburg als Solist auftreten konnte und reichen Beifall fand. Später nahm ihn ein älterer, bereits zu Stellung und Einkommen gelangter Bruder zu sich nach Wien, wo ec beim Violinmeister I a n s a in die Lehre trat. Im Jahre 1847 wurde er Schüler des Wiener Konservatoriums, das cr jedoch im Revolutionsjahre wieder verließ und nunmehr als Autodidakt rastlos an seiner Vervollkommnung arbeitte. Im Anfänge der Fünfzigerjahre trat Karl Goldmark als Violinist ins Orchester des Carltheaters, wo er die Zwischenaktsmusiken wacker mitgeigte. Hatte das Orchester Pausen, so komponierte Gold mark auf seinem Violinpulte, ohne sich durch die Vorgänge auf der Bühne auch nur im mindesten stören zu lassen. Damals entstanden die ersten Kompositionen Goldmarks; darunter sind so manche, die noch heute zu den Zierden der Kammer- und Orch stermusik zählen. Sein eistes größeres Werk war die Ouvertüre zu Sakuntala, ein überaus geistreich s, effektvolles Orchester stück von faszinierendem Klangzauber und orientalischer Farbeuprocht, das stürmischen Beifall fand und den Namen G 0 l d m a r k weit und breit bekannt machte. Nun folgte eine Reihe von. Kompositionen diversen Genres, die große Erfolge erzielten und Verbreitung fanden und anno 1873 würde die (bereits sechs Jahre vorher vollendete) Oper „Die Königin von Saba" in der Hofoper zum erstenmal aufgeführt. Die Aufnahme dieses herrlichen Werkes war eine enthusiastische und trotz der langen Jahre seit ihrer Erstaufführung hat sich die mächtige Wirkung der „Königin von Saba" keineswegs vermindert. So festlich der achtzigste Geburtstag Karl Goldmarks auch allseitig begangen wird, die Glaubensgenossen sollten den Meister in noch erhöhterem Maße feiern, denn Karl Goldmark war es, der als Erster echt jüdisches Empfinden > in idealer künstlerischer Form zum Ausdruck brachte, durch Töne, deren bestrickender Zauber Herzen und Sinne der Hörer jeglichen Glaubens gefangen nahm. Speziell die Tempelszene in der „Königin von Saba" ist, ganz abgesehen von ihrer erhabenen Schönheit, ein unübertreffliches Muster synagogaler Musik. Die Ausbrüche elementarer Leidenschaft, welche diese Oper nahezu unausgesetzt durchtoben, schweigen in der Tempelszene, und an ihrer Stelle ertönt ruhiges, würdiges, herzenswarmes, jeglichen Operneffckt vermeidendes Psalmodieren des Oberpriesters, welches, vereint mit den lieblichen Gesängen des Chores, ein herrliches, mächtig ergreifendes Ganzes bildet, das in Bezug auf so manche in den Synagogen verübte mufikalische Stilwidrigkeit geeignet ist, unseren Neid zu erwecken. Im Lebenswerke meines verewigten Vaters — »Schir Zijon« — sind ja betreffs künstlerischer Gestaltung der Synagogalmufik dieselben Prinzipien festgelegt, die auch Karl Goldmark bei der Konzeption seiner Tempelszene geleitet haben. Leider find sie infolge willkürlicher Veränderungen der Gesangsoli und Rezitative und des hiedurch gestörten logischen Zusammenhanges mit den vorhergehenden und nachfolgenden Chorgesängen nicht imstande, die ihnen innewohnende Wirkung voll und ganz auszuüben. Ich generalisiere durchaus nicht; allein Ausnahmen bestätigen hier erst recht die Regel. Karl G 0 l d m a r k mußte harte Kämpfe bestehen, bevor seine^ „Königin von Saba" in der Hofoper zur Aufführung zugelassen wurde. In meinem jüngst erschienenen Buche „Ernste und heitere Erinnerungen eines Wiener Philharmonikers" befindet sich eine hierauf bezügliche Stelle, fie lautet: „Es ist ja Eingeweihten bekannt, daß „Die Königin von Saba" bis zu ihrer Annahme und Ausführung ein wahres Kesseltreiben an Jntriguen und Kabalen zu bestehen hatte, und man erzählte sich, daß sogar der allerhöchsten Stelle mit heuchlerischer Sorge die untertänigste Anfrage unterbreitet wurde, ob es denn opportun sei, das Werk eines Komponisten in der Hofoper aufzuführen, dessen Bruder sich im Jahre 1848 politisch kompromittiert habe! In ihrer erhabenen Weisheit und sprichwörtlichen milden Gerechtigkeit dekretierte die allerhöchste Stelle: „Wenn die Oper gut ist, soll sie aufgeführt werden!" Karl G 0 ldmark, deffen achtzigsten Geburtstag alle Welt festlich zu begehen sich nun anschickt, vermag von der Höhe aus, die ihm durch sein Genie zu erklimmen vergönnt war, all die erlittene Unbill als längst verjährt und verschmerzt milde belächeln; heute wird wohl niemand mehr bestreiten, daß dieser Meister zu den Größten der Großen zählt. Korrespondenzen Epistel Hilsners an Frau Janina Borowska. Frau Borowska! Empfangen Sie hiermit meine aufrichtigen Glückwünsche zu Ihrem Freispruche. Ich komme damit wohl etwas spät? Wie Sie aber wissen, fließt die Kunde bewegender Ereignisse einem im Kerker nicht so prompt zu. Niemand mag Ihre ausgestandene Pein so teilnahmsvoll beurteilen, wie ich, der zum Tode Verurteilte und zu lebenslänglichem Kerker Begnadigte. Meinem Glückwünsche liegt, wie ich aufrichtig gestehe' zum nicht geringen Teile auch die Absicht zugrunde, mich dem öffentlichen Gewiffen in Erinnerung zu bringen. Die Zeitungen finden meine Sache nicht mehr aktuell, um ihrer auch nur beiläufig zu erwähnen. Wann aber, frag ich, hört die Sache eines unschuldig Verurteilten und noch dazu eines zu lebenslänglichem Kerker Verurteilten auf, aktuell zu sein? Man sollte glauben, daß fie mindestens so aktuell sei, wie die Masern des Sultans, von welchen die Zeitungen bei Ansteckungsgefahr übervoll find. Wenn ich die Mordtaten alle, deren ich durch Zeugen — von der Art Ihrer bekannten Zeugin, der Sie prahlend anvertraut hätten, daß Sie schon mehrere Morde verübt und sich noch jedesmal aus der Schlinge gezogen haben — bezichtigt worden bin, in meinem Innern Revue passieren lasse, wird mir warm und wohlig ums Herz in dem Bewußtsein, daß ich mein lebenlang ein Bettler gewesen, nie aber jemand etwas zu Leide getan habe. Und doch bin ich zum Tode verurteilt und nachher aus mir unbekannten Gründen zu lebenslangem Kerker begnadigt (?!) worden. Zeugen wollten mit eigenen Augen gesehen haben, wie ich ein Christmädchen eigenhändig zu Ritualzwecken abgeschlachtet habe, was so wahr ist, wie die Anklage gegen Joseph, er habe die Frau des Putephar zum Ehebruch verleiten wollen. Mein Prozeß war eben ein ganz eigenartiger; ich wurde nämlich wegen Ritualmordes angeklagt und Sie können sich, Frau Borowska, wahrlich auch dazu beglückwünschen, daß Sie in Ihrem Prozesse nicht ein Jude männlichen Geschlechtes und Dr. Lewicki kein Christenmädchen gewesen; denn in solchem Falle wäre Ihr Prozeß mehr kein so alltäglicher, von einer schmächtigen Liebesaffäre getragener gewesen, und wer weiß, wie er ausgefallen wäre. Meine Hoffnung, daß mir noch vielleicht auch in Oesterreich ein Zola erstehen würde, der sich meiner annimmt und mir Errettung bringt, ruft vorläufig allgemein das größte Hohngelächter hervor. Achtungsvoll grüßend Hilsner aus Polna.