Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021894--19295-3044269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 20 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 349 oft rang es sich wie ein Seufzer aus der Brust meines Vaters: „An mir bewahrheitet sich die Verwünschung, die einst dem Priester Eli galt: Wehebadto Zar Moon^) doch mitten in die Bitternisse und Sorgen des Tages brachte ihm das Thorastudium, ein Blatt „Gemore"^), ein schöner Midrasch, Tröstung Vergessen und ungetrübtes Behagen. In der „heiligen, gekrönten Judengemeinde" Preßburgs gab es Leute (es wird wohl auch derzeit welche geben), denen, frei nach Schiller, die Thora eine tüchtige Kuh war, die sie mit Butter versorgte. Ihm jedoch war sie „die hohe, die himmlische Göttin" und sein Wahlspruch, war: „Liebe die Lehre und hasse das Pfaffentum"^). Von Zeit zu Zeit, wenn die Not am höchsten stieg, ermannte er sich aus dem Zustande der Ergebung und versuchte aufs neue den vergeblichen Kampf gegen die alles lähmende Armut. Da reiste er gewöhnlich nach Wien, um dort alte Verbindungen zu erneuern und mit Hilfe wohlhabender Freunde und Verwandten einen Erwerb zu finden. Doch nur mit leeren Zusagen war er stets heimgekehrt. Nun kamen aber einmal schwere, die schwersten Tage über uns. Seit zwei Quartalen war die Miete unbezahlt und dem Hausherrn ging die Geduld zur Neige. Delogierung und Versteigerung unserer geringfügigen Habseligkeiten stand uns bevor. Meine Mutier hatte nichts als Tränen. Doch mein Vater wollte den letzten, verzweifelten Versuch nicht laffen und da trat er wieder die so wenig bewährte Reise nach Wien an. Freitag abend war gekommen. Mit ihren schwachen Händen hatte die Mutter die Stube reinlich gescheuert und Sägespäne auf den noch feuchten Boden gestreut. In dem Bette war das Nachtmahl warmgestellt, eine schmackhafte Gerstlsuppe und das „Junge" einer Gans. Den Tisch schmückte ein altertümliches Lämpchen in Gesellschaft zweier nickender Kerzlein. Die Barches') lagen in jungfräulicher Zucht unter dem Barchesdeckerl und ein stiller Frieden schien allen Kummer zu bannen. Wir, Kinder, gingen unseren Vater eiwarten. Um 8 Uhr — knapp vor Sabbateingang — sollte das Wiener Schiff anlangen. Mit kindlicher Ungeduld und Neugierde waren wir schon früher beim Landungssteg postiert; ein Gewitter, wie es an Sommerabenden aufzuflammen Pflegt, machte uns das Warten peinlich, doch endlich pfiff es ferne von der Donau her, das Schiff glitt allgemach ans Ufer und unter Donner und Blitz eilte mein Vater ans Land. Sein Antlitz war umwölkt, doch wir waren zu jung, um sein Leid zu erkennen und zu teilen. Wir nahmen ihm die Reisetasche aus der Hand, wo nichts als eine Menge illustrierter Reklamezettel einem paar Tefillin^) Gesellschaft leisteten. Die Reklamblätter waren nämlich für uns stets — in Ermangelung eines Besseren — das einzige Mitgebrachte aus Wien. Durchnäßt und fröstelnd eilten wir nachhause, kurz war die gegenseitige Begrüßung der Ellern. „Woher hast Du Schabbos gemacht?" fragte mein Vater. „Unser Nachbar der Schneider Leidenfrost hat mir noch einmal einen Gulden geliehen", war die kurze Antwort der Mutter. „Ein choschewer Goi") fügte der Vater hinzu. „Und Du, hast Du etwas ausgerichtet?" klang es zaghaft aus dem Munde der Mutter. „Leider nichts, aber bo Schabbos bo lassen wir die Sorgen ruhen, Gott wird uns nicht verlassen", war die wenig ermutigende Antwort. Nach einem inbrünstigen Abendgebete gingen wir zu Tische. Der Wein zu Kidduschn) war bei uns ein seltener Gast am Freitagabend und auch diesmal fehlte er. Doch die warme Suppe bekam uns recht wohl und auch dem frischen Barches haben wir eifrigst zugesprochen. Aus den geöffneten Fenstern der Nachbarhäuser klangen helle Tischlieder, der Freitagabend war in Israels „Hütten" mit seiner Anmut, mit seiner Wonne eingezogen. Es war die heilige, freie, stolze, geheimnisvolle, erlösende Stunde, 4) Samuel II. 32. Und Du wirst die Beengnis in Deinem Heime schauen. 5) Talmud. 6) Sprüche der Väter. 7) Geflochtene Brote. 8) Gebetriemen. 9) Edler, gutherziger Christ. 10) Der Sabbat kam, die Ruhe kam. ") Segensspruch am Sabbateingang. da die nie alternde Muse Israels, die Sabbatbraut, in keuscher Umschlingung mit ihrem ewig Angelobten, ihm den Kuß der Unsterblichkeit auf die Stirne drückt. Es schien jedoch, als hätte die holde Friedensspenderin unsere düstere Schwelle gemieden. In stummen Gram getaucht saßen wir um den kleine« Tisch und fühlten nichts von ihrer heiteren Nähe. Da Plötzlich klopfte es an der Türe und unser Nachbar, der Schneidermeister Leidenfrost trat räuspernd in die Stube. „Sie dürfen net bös sein, won i Sie stör, obr ich muß Jhna wos sogn. Wiffens, der Limbeck, der Hausherr, hot mir g'sagt, er wort nimmer und — mir tuats weh — obr er sogt, am Montag wird — er is holt ka guatr Mensch und a bisl grob a vo — am Montag wird, sagt er, delogiert und lizitiert." Auf diese Worte des Nachbarn wurden die Eltern totenbleich, doch er sagte voll Wohlwollen: „Sans net bös, obr i denk mir, bei eahnere Leut holtens jo zsom und a Geld is a do, doß vielleicht zum Raabi gingeten und eahm sogn täten, wos eahna bevur steht." Am Schluffe seiner Worte begann er heftig zu husten und holte zu seiner Stillung ein Stück Kandiszucker aus der Tasche hervor. Mein Vater dankte ihm unter erstickten Tränen für den gutgemeinten Rat und in tiefer Rührung sagte der Schneider im Entfernen ein herzliches „Gute Nacht". Bleiernes Schweigen ließ er zurück. Auch die Kerzen, als wollten fie die Trübsal steigern, neigten ihre müden Häupter und erloschen. Das Lämpchen allein glimmte noch, doch auch dieses zog immer längere Schatten und die Nacht, die sternenhelle, schwüle Sommernacht brachte allen Mühseligen und Betrübten Schlummer und Ruhe. Montag mittags bot fich uns, als wir knurrenden Magens aus der Schule kamen, ein schmerzlicher Anblick. Unser Wohnzimmer war des größten Teils seiner Einrichtung berarcht, nackte Wände starrten uns entgegen. Nur da und dort zeigten Spinngewebe an der Wand die Umriffe der entfernten Möbelstücke. Ein öder Widerhall klang auf unsere bestürzte Frage, was denn geschehen sei, und nur schwer konnten wir dessen inne werden, daß fremde Leute unser Bett und unfern Kasten davontrugen. Auf Leidenfrosts dringliches Zureden ließ uns der Hausherr noch eine Nacht in der Wohnung und die Mutter improvisierte unsere Lagerstätten auf der Erde. In Gedanken versunken schritt mein Vater unzähligemal in der unheimlich geräumigen Stube auf und ab und als der Abend kam, erhellte eine verwaiste Talgkerze den gähnenden Raum. „Wenn ich nur ein Sefer^) hätte, alles haben fie verschleppt", rief der Vater voll Harm und Entrüstung. „Ich muß mir ein paar Mischnas auswendig hersagen, ohne Brot und Bett kann ich sein, aber nicht ohne ein Dvar Tora")". Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als Herr Leidenfrost mit einem großen Folianten unter dem Arme in das Zimmer trat. Er wollte sprechen, doch der düstere Anblick verschloß ihm eine Weile den Mund, er hustete, teils absichtlich aus Verlegenheit, teils, wie er sagte, wegen des hartnäckigen Katarrhs, der ihn seit längerer Z-it quälte: „Herr Nachbar", begann er mit gedämpfter Stimme, „sans net bös, meine Frau hot bei der Lizitation an Tisch kauft. I Habs net wolln, abr wie schon die Weiber san, fie hat gsagt, obs jetzt an anderer kauft odr fie, dös is do olles ans. In der Tischlad, do homma dös Buch gfunden. ES ist ein hebräisches, heiliges Buch", sagte er, indem er eS meinem Vater überreichte. Es war ein Mischnajiß. dasselbe, wovon ich eingangs Erwähnung tat und das noch jetzt Gegenstand meiner innigen Pietät ist. „Sie brauchen mir", setzte Leidenfrost hinzu, „natürlich nichts dafür zu bezahlen, aber ich hätt doch a Bitte, daß Sie für mich, für meine arme sündige Seele daraus beten sollen." Gerührt von dem neuen Akt lauterster Nächstenliebe, den dieser arme, kranke, andersgläubige Schneider ihm bewies, überhäufte ihn mein Vater mit Worten tiefften Dankes und versprach ihm, gleich für seine erschütterte Gesundheit zu beten. Doch Leidenfrost verwahrte fich dagegen: „Dös uit, für mei Gsundheit betens net, do mochtens eaner Herrgott blamieren: ") Hebräisches Buch. ") Ein Wort, ein Spruch aus der Schrift.