Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Nr. 20 Sette 34ß Dr. Wochs Wochenschrift. Holleschau. Sonntag den 15. d. M. fand die diesjährige Generalversammlung der Chewra-Kadischa statt. Nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes wurde derselbe vollinhaltlich genehmigt und dem Vorstande das Absolutorium erteilt. Ueber Antrag des Vorstandes wurde der Beschluß gefaßt, ein Altersversorgungshaus zu errichten und es wurde -er Vorstand ermächtigt, ein geeignetes Haus samt Garten, welches dem Vorstande bereits zum Ankäufe angeboten wurde, anzuwerben. Bei der hierauf vorgenommenen Neuwahl wurden die Herren Max 'Beer, Präses, Carl Weinreb, Lizepräses, Ignatz Klein und Jonas Müller wieder-, und Herr Leopold M e i s e l neugewählt. Kojetein. (Mähren.) In der jüngst stattgefundenen erweiterten Ausschußfitzung der hiefigen israelitischen Gemeinde wurde Herr Salomon Friedenthal, derzeit Rabbiner in Effek Unterstadt (Slavonien), einstimmig zum Rabbiner der Gemeinden Kojetein, Eywanowitz und Vischau gewählt. Grodno (Russisch-Polen). Die polnische Romanschriftstellerin Eliza v. O r z e s z k o ist hier, wohin fie sich vor etwa zehn Jahren zurückgezogen hat, im 68. Lebensjahre gestorben. Eliza v. Orzeszko, die im Jahre 1842 als Tochter eines Gutsbesitzers Pawlowski bei Gradno geboren war, hatte sich im Aller von 16 Jahren mit dem polnischen Gutsbesitzer v. Orzeszko verheiratet. Als dieser infolge seiner Beteiligung an dem Aufstande von 1863 nach Sibirien verschickt wurde, drückten Not und Mangel der jungen, verlassenen Frau die Feder in die Hand. Sie trat mit einer Reihe sozialer Tendenzromaue hervor, die aber wenig Anklang und noch weniger Leser fanden. Da erschien Mitte der Siebziger-Jahre „Eli Makower", ' ein Roman, welcher der Weltliteratur ein neues Milieu erschloß, die Beziehungen der einzelnen Volksstämme und Nationalitäten in Rusiisch-Polen zueinander. Erzählerische Verve, spannende Darstellung, ein tiefer Einblick in die Kulturverhältuiffe der Nationalttäten und Bevölkerungsklassen, die fie schildert, zeichneten die Orzeszko in hohem Grade aus. Ihr „Eli Makower" wurde in künstlerischer Hinsicht sowohl, als auch was den äußeren Erfolg anlangt, von einem zweiten Roman derselben Richtung übertroffen, der unter dem Titel „Meir Ezofowicz" wenige Jahre später erschien und, aus dem polnisch-jüdischen Milieu geschöpft, den Konflitt zwischen Talmud und religiösem Freiheitsdrang in origineller Weise schilderte. Die meisten ihrer Bücher —. eine Gesamtausgabe der Werke der Orzeszko ist in den Achtzigerjahren in der Stärke von nicht weniger als 44 Bänden erschienen' — wurden ins Deutsche übersetzt und gehörten vor etwa 20 Jahren zur Lieblingslektüre des deutschen Romanlesepublikums. Als sie im Jahre 1907 das Jubiläum ihrer vierzigjähkigen literarischen Tätigkeit beging, da war ihr Ehrentag ein Festtag für alle Polen, Viele polnische Frauenverbände beteiligten sich an der Feier, zu der etwa 3000 Polinnen aus allen polnischen Landesteilen, auch aus Lithauen, Podolien und Vvlhynien nach Grodno gekommen waren. Die Frauenverbände aus Krakau und Lemberg, aus Posen, Wilna und Kiew, aus Petersburg und Moskau hatten Vertreter entsendet und in Ansprachen und Adressen wurde die nationale Bedeutung der Schriftstellerin gefeiert. Einige ihrer novellistischen Darbietungen sind auch im Romanfeuilleton der „Oesterreichischen Wochenschrift" erschienen. Nagy.Kamzsa-Wieu. Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr Redaüeur, in Ihrem geschätzten Blatte dem Wirken eines edlen, nur allzu früh Dahingegangenen einige Worte zu widmen. Am 12.' Mai d. I. verschied in Nagy-Kanizsa Univ. Med. Dr. Simon Blau, dessen Verlust nicht nur für die Stadt, die israelitische Kultusgemeinde, deren Vorstand er durch 25 Jahre war, und für die zahllosen Armen und Elenden, die bei ihm ärztliche Hilfe und eine stets offene Hand fanden, ein unersetzlicher ist. Dr. Blau war als junger Arzt in Wien lange Zeit im Sanatorium Dr. Löw's tätig und schon Damals von den hilfesuchenden Kranken, ebenso wie von den Professoren überaus geschätzt. Die Liebe zu seiner späteren Gattin zog ihn vor etwa dreißig Jahren nach Nagy-Kanizsa» wo er als praktischer Arzt bis zu seinem letzten Atemzuge tätig war. In Ausübung seines Berufes und in unermüdlichem Pflichtgefühle ereilte ihn am Krankenbette eines Pattevten der unerbittliche Tod. Als wahrer Fanatiker seines Berufes starb er wie der Soldat auf dem Schlachtfelde. Dr. Blau war ein stets hilfsbereiter Mensch, ein ausgezeichneter Arzt und last not least ein guter*Jude. Als solchem^widmete ihm der Gemeindevorstand in Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste ein Legat für immerwährende Zeiten von zirka 2000 Kronen, dessen Zinsen am Sterbetage an arme Kranke verteilt werden sollen. Sonntag den 15. Mai wurde Dr. Simon Blau zu Grabe getragen. Es war eine Trauerkundgebung, wie sie Nagy-Kanizsa noch selten gesehen hat. Tausende Personen ans allen Ständen, Juden und Christen, nahmen teil. Der gesamte Vorstand der israel. Knltusgemeinde, der Bürgermeister, der Oberstadthauptmann, viele Magistratsbeamte, Richter vom königlichen Gerichtshof, Zivil- und Militärärzte. Offiziere, der Veteranenverein, die Schuljugend der israel. Volksschule, die Handelsschüler mit sämtlichen Professoren und viele aus der weiteren Umgebung Nagy-Kanizsas fanden sich ein. Alle kamen sie, um dem hingebungsvollen Arzte, dem treuesten Freunde, dem edlen Menschen das letzte Geleite zu geben. Rabbiner Dr. N e u m a n n hielt eine herzbewegende, schwungvolle Grabrede, in welcher er die hervorragenden Herzens- und Geisteseigenschaften des Heimgegangenen hervorhob; kein Auge blieb bei den tiefempfundenen Worten tränenleer. Am offenen Grabe hielt noch Med. Dr. P o l l a k im Namen der Kollegen einen herzlichen, warmen Nachruf. Alle fühlen, daß ein guter Mensch von uns geschieden. An der Bahre Dr. Blaus trauern die Witwe Frau Sofie Blau, geb. Nosenberg um den besten, liebevollsten Gatten, der Sohn Dr. Balla I L n o s, Assistenzarzt in Budapest, die Tochter Frau Dr. Margit W a l d m a n n, um den zärtlichsten, aufopferndsten Vater, und mit ihnen alle, die Dr. Blau kannten. Nach einem Leben voll Arbeit und Ehren möge-er nun sanft ruhen! L W. Jüdische Maler in der Royal Academy. Die vor einigen Tagen eröffnete Frühjahrsausstellung den Londoner Royal Academy weist eine große Anzahl von Werken jüdischer Künstler und Künstlerinnen auf, die von der Kritik lobend hervorgehoben werden. Unter den Ausstellern befinden sich die Künstler: Salomon I Solomon, G. Henry, Miß L. R. Jacobs, Mr. I. Cohen. Miß F. Lion. Miß E. Magnus, Mr. I. Mordecai. I. Myers, Phillips For, S. R. Samuel, I. Snowman, F. M. Taubmann, H. B. van Raalte und Miß A. Solomon. Feuilleton. Johann ton1) Christine. Preßburger Jugenderinnerungen von Philipp Nasch. In meinem Bücherkasten findet sich in friedlicher Gemeinschaft mit dem weltlichen Schrifttum ein altes, abgegriffenes Mischnajiß?) in Lederband. Mit stiller Inbrunst blättere ich von Zeit zu Zeit in diesem vergilbten Buche und lasse entschwundene Tage zu mir sprechen. Kaum vier Jahre war ich alt, als mich mein Vater auf den Schoß nahm und mir die unpunklierte Schrift des „Me'emoßai korin es Schema" entzifferte. Von da an mußte ich manches freie Stündchen, das ich sonst gerne dem Spiele geweiht hätte, in der Stube verbringen, um die Untiefen der Mischna mit meinem zarten Verstände zu ergründen. Reicher Lohn jedoch ward mir zuteil, wenn am Sabbatausgange der Großvater kam, mich „verhörte" und mir, dem kleinen Talmudisten, in der Form einer Düte heißduftender Kastanien seine Anerkennung und Liebe bekundete. Das Mischnajiß führte mich ins Leben ein und alle Erinnerung holder oder trüber Jugendtage ist mit dem Buche verwoben. Noch einmal spielte das Mischnajiß seine wichtige Rolle, als ich daraus für das Seelenheil eines geliebten Toten gelesen. O, schmerzlich ist die Stunde, wenn dieses Buch auf den Tisch kommt und wie ein Klageruf durch die Nacht der Satz erklingt: „Me'emoßai korin es Schema bearvis" ... Auf dem ersten Blatte dieses altehrwürdigen Buches ist eine seltsame Notiz in deutscher Sprache zu lesen: „Johann ben Christine gestorben den 15. November (-3. Kislew)." Zur Deutung dieser Schrift will ich nun folgendes erzählen: Meine Eltern waren frühzeitig verarmt. Not und Entbehrung herrschte in unserer armseligen Familienstube und gar y Sohn. -) Sammlung der Mischna. „Wann liest man das Schema am Abend." Beginn der ersten Mischna.