Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Blo-s Wochenschrift. Seite 345 genossen gegen die Angriffe ihrer Gegner auf ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung und aus ihre wirtschaftliche Entwicklung zu schützen und für deren Rechte zu kämpfen. Dafür danken wir Dir aus vollem Herzen und wir legen hier an Deiner Bahre, die wir tränend umstehen, das feierliche Gelöbnis ab, in Deinem Geiste unseren Verein weitersühren zu wollen und die ihm von Dir gestellte Aufgabe zum Schutze des verfolgten Judentumes mit gleichem Eifer und voller Hingebung zu erfüllen, wie Du es bei Deinen Lebzeiten richtunggebend getan. Ruhe sanft und in Frieden! Dein Andenken wird in unserem Verein fortleben immerdar." Nunmehr trat Professor Dr. Königstein an den Sarg, um namens des israel. Studenten-Unterstützungsvereines und namens der Bürai Brith die folgenden Abschiedsworte zu sprechen: Dr. Josef Grünfeld! Von ehrwürdiger, wie auch von anderer berufener Seite wurden die Eigenschaften, die Dich zierten, die Tugenden, die Dir eigneten, Dein redlich Streben, Dein uneigennütziges, pflichteifriges Wirken, Deine charitative Tätigkeit, Dein an Taten und Erfolgen reiches Leben dankend und rühmend hervorgehoben; doch uns B'nai B'rite warst Du mehr, Du warst uns Bruder. Mit Deinem Herzen hingst Du an uns, mit Deiner ganzen Seele warst Du eingesponnen in unseren Orden, aus dem reichen Schatz Deiner Erfahrungen teiltest Du mit uns, aus dem klaren Borne Deines Wissens, warst Du uns Lehrer und Förderer unserer Ziele. Deine Gedanken gehörten uns, ja, als bereits das tückische Gebreste schwer auf Dir lastete, besuchtest Dü noch unsere Versammlungen, denn in Deinem Unterbewußtsein war die die Zugehörigkeit zu uns, die Zusammengehörigkeit mit uns, das Gemeingefühl tief eingeprägt. Ein erfolg- und segensreiches Leben ist hier abgeschlossen. Darum klagen wir nicht ob Deines Scheidens. „Wenn die Blätter fallen In des Jahres Kreise, Wenn zu Gxabe wallen Bereits entnervte Greise, Dann folgt die Natur Ruhig nur Dem ewigen Brauch, dem alten Gesetze." Nein, wir klagen nicht an Deiner Bahre, wir rufen Dir nur ins Grab hinein, habe Dank für Deine Liebe, für Dein freundschaftliches Tun und Handeln. Bruder Grünfeld, habe Dank. Augenarzt Professor Dr. Klein: „Freunde in der Not, gehen viele auf ein Lot." Zu diesen Freunden hast Du, lieber Grünfeld, nicht gehört. Denn Deine Freundschaft war eine andere. Warf man Deine Freundschaft in die Wage, so war niemand und nichts mehr imstande, das Emporschnellen der anderen Schale zu hindern oder gar fie herabzudrücken. Sie blieb dauernd oben; denn Deine Freundschaft war ein Felsen aus Erz, dem kein Sturm beikommen konnte. Weißt Du Dich noch zu erinnern — doch freilich, mit Deinem Erinnern ist es jetzt nichts mehr, ein so überragendes Gedächtnis Du auch einstens hattest. Aber die anderen alle, sie werden sich wohl, wenigstens in diesem feierlichen Augenblicke, da wir, Deine Freunde, uns von Dir für ewig trennen müssen, noch erinnern, welch ein herrlicher Schatz, welch ein kostbares Juwel Deine Freundschaft war; wie man den beneiden mußte, der fie besaß. Und wer besaß fie nicht! Jeder, der fie anstrebte; keinem versagtest Du sie, der fich um fie bewarb. Alle Menschen hieltest Du ihrer für wert, wenngleich gar mancher den Befähigungsnachweis dafür schuldig blieb. Du aber hast allen, allen die Treue bewahrt, in guten und schlechten Tagen. Und Du bist es, den der Dichter meinte, wenn er sang.: „Des Auges Bläue, bedeutet Treue." Ich muß mich enthalten, zu klggen, welch einen nimmer rastenden Arbeiter, welch einen mit Tugenden aller Art vollgepfropften Charakter, welch einen begabten großen Arzt wir in Dir verlieren, aber ich kann^es nicht unterdrücken, laut aufzuschluchzen, daß der Begriff „Freund" mit Deinem Hinfinken seinen Verkörperer erlöschen ficht. So möge es denn für alle Zeiten zur Erinnerung dienen, daß nicht Dämon und Pithias, nicht David und Jonathan, nicht Orest und Pylades und wie fie alle lauten mögen, die geaichten Repräsentanten der erhabenen Freundschaftsidee, daß nicht fie die Freundschaft symbolisieren. Es muß fortab heißen: „Ein Freund, wie — Grünfeld." Und somit fahre wohl, Du Teuerer. In herzlichen, die Anwesenden tief erschütternden Worten sprach nun der Schwiegersohn des Verblichenen Doktor Lucius Stolper namens der Familie Worte des Abschiedes. Hierauf wurde die Leiche in der Familiengruft beigesetzt. Mit Dr. Josef Grünfeld ist ein guter, wohltätiger, dabei bescheidener und anspruchsloser Mensch aus dem Leben geschieden. Sein Andenken wird gesegnet sein. Zeitungsenten. Die „Prestburger Ztg." vom 10. Mai bringt folgende Ente unter dem Schlagwort: „Ein Ritualmord-Märchen. Aus dem in Oesterreich liegenden, benachbarten Angern wird vom 6. d. M. geschrieben: In Angern gab es vor wenigen Tagen einen fürchterlichen Radau, und die Bauernbevölkerung war nahe daran, ein Gemetzel anzurichten; doch das Einschreiten mehrerer besonnener Männer und der Behörde bewahrte die Einwohner vor dieser Bluttat. In dem oben genannten Dorfe starb ein 3 Tage altes Kind mosaischer Konfession an Gehirnhautentzündung, und da der Friedhof nicht weit vom Sterbehause entfernt war und es in Strömen regnete, nahm der Totengräber die Leiche unter seinen Rock und beerdigte das tote Kind in aller Eile, um rasch ins Trockene zu kommen. Der Leichnam dürfte zirka ein Schuh tief vergraben gewesen sein, als ein Bauer über die Friedhofsmauer sprang, die Leiche mit sich nehmend, den Alarm vom Ritualmordmärchen schlug; am Iudenfriedhofe habe er die Leiche von einem ihm fremden Manne vergraben sehen, der rasch entflohen sei usw. usw. Die Gendarmerie leitete sofort die Untersuchung ein. Es wurde der dortige Arzt gerufen, der sofort das Kind agnoszierte und den normalen Tod desselben feststellte. Der Ausstreuer des Ritualmordmärchens wurde wegen Aufreizung einstweilen dem k. k. Bezirksgerichte Matzen eingeliefert." So weit die „Prestburger Ztg." Dazu schreibt uns Herr Siegm. Geyerhayn aus Angern: 1. Es ist hier überhaupt kein Kind gestorben. 2. Es existiert hier kein jüdischer Friedhof. 3. Es gab keinen wie immer gearteten Radau. 4. Weist man hier von gar nichts. Das ganze ist ein blöder Aufsitzer irgend eines gewissenlosen Reporters. Die Trauer der englischen Judenschaft um König Eduard. An jenem Samstag. 7. Mai, an dem sich die Todesnachricht verbreitete, sprachen in den weist drapierten Synagogen der Spanisch-Portugiesischen Gemeinde Rabbiner Dr. Gaster und in der Petersburger Synagoge des vornehmen Westens Londons der englische Oberrabbiner Dr. Herrmann Adler über den König. Letzterer sagte unter anderem: Kein Teil des britischen Weltreiches ist durch diesen plötzlichen Schicksalsschlag in so tiefe Trauer versetzt, als die Gesamtheit seiner jüdischen Untertanen. Des Königs bezaubernde Liebenswürdigkeit, sein unfehlbarer Takt, sein Mitleid mit Kranken und Duldern, seine unermüdliche Sorge um den Weltfrieden kam ihnen besonders zu gute. Er ist den Juden ein z w e i 1 e r K ö n i g Cyrus geworden, denn keiner hat wie er den Hast gehaßt, die Verachtung verachtet, den Spott verspottet, unter dem die Juden