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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 342 Rr. 20 Dr. Blochs Wochenschrift. bung einer großen Anzahl jüdischer Familien aus Kiew, einer Stadt, die mitten in dem den Juden offenen Ansiedlungsrayon liegt, aber für sich das „Privilegium" besitzt, daß Juden in nur beschränkter Anzahl dort wohnen dürfen, werden etwa 2700 seit vielen Jahren dort ansässige und redlich ihrem Gewerbe nachgehende Glaubensgenossen um ihre Existenz gebracht.*) Ebenso hat d:e ganze Welt es mit Staunen erfahren, mit welcher ostentativen, gerade verletzenden Unhöflichkeit die ehrwürdigen Mitglieder der auf Veranlassung der Regierung selbst nach St. Petersburg einberufenen Rabbinerkonferenz, bestehend aus den angesehensten Rabbinern Rußlands, vom Ministerpräsidenten Stolypin empfangen wurden, als sie bei ihm in Begleitung von Baron David Günzburg. L. S. Poliakow und anderen jüdischen Rotabeln in Audienz erschienen, und wie er, nachdem er die Deputation zwei Stunden im Vorzimmer warten gelassen, während der Unterredung auf eine schüchterne Anspielung des Rabbiners von Kischinew mit Bezug auf 'die unerträglichen Ausnahmegesetze es ablehnte, auch nur für die Zukunft eine Besserung in Aussicht zu stellen, dagegen die geistlichen Vertreter der Judenschaft aufforderte, gegen die bei einem Teile der jüdischen Jugend hervortretenden „revolutionären Bestrebungen" anzukämpfen. In einem Artikel, den soeben Anatole Leroy- Beaulieu, einer der besten Kenner des russischen Reiches, über die gegenwärtige Behandlung von Katholiken und Juden in Rußland in der „Revue des deur mondes" veröffentlicht hat, wird in der Tat zutreffend die gesamte Rechtslage der russischen Juden mit den Worten gekennzeichnet: „Während der verflossenen dreißig Jahre hat die Rechtslage der Juden in Rußland sich eigentümlich verschlimmert, sie ist heute, bei Beginn des 20. Jahrhunderts, unvergleichlich schlimmer als in der Mitte des 19. Jahrhunderts, unter der Regierung Aleranders II., bevor Jgnatiew, von Katkow inspiriert, die Entdeckung gemacht hatte, daß man, um die Revolution zu besiegen, nur die Juden bedrängen müsse. Der Rückschritt ist so bedeutend, daß man, um den Juden eine Erleichterung gegenüber den Drangsalen und Verationen zu verschaffen, unter denen sie leiden, nur die Gesetze und Reglements fallen zu lassen braucht, die der Minister Jgnatiew während der ersten Regierungsjahre Aleranders III. herausgegeben hat. Um das Drittel eines Jahrhunderts zurückzuweichen und die russische Gesetzgebung und die Administration zu der Praris der Regierung Aleranders II. zurückzuführen, wäre schon der größte Fortschritt."**) Es ist selbstverständlich, daß angesichts dieser trüben Lage die westlichen Hilfsorganisationen in schwerer Sorge auf die nächste Zukunft unserer Glaubensgenossen in Rußland blicken. Wir stehen bei jedem Auftauchen einer akuten Gefahr — so auch gegenwärtig mit Bezug.auf die unglückseligen Ausweisungen in Kiew — in reger Verbindung mit Vertrauensmännern, die uns über den Umfang der Not unserer Brüder informieren. Das in London konzentriert gewesene Hilfswerk (Russo Jewish Committee), an dem auch unser Verein beteiligt war, ist zwar formell im vorigen Jahre geschlossen worden und die Ruhebeträge des Fonds wurden im wesentlichen an die einzelnen Organisationen zurückgeleitet, vorsichtshalber aber aus den gemeinsamen Mitteln ein Betrag unter Verwaltung Lord Rothschilds belassen, um im Falle *) Ein Privattelegramm vom 14. Mai meldet : „In Kiew, wo 1200 Juden ausgewiesen werden sollten, hat eine, besondere Kommission die Klagen der Juden über die neue Ungerechtigkeit der Regierung geprüft und gefunden, daß etwa 10 Perzent der klagbar gewordenen Juden in Kiew bleiben dürfen, Die übrigen müssen , zwischen dem 14. Mai und dem 14. Juni zwangsweise angesiedelt werden." **) „La Russie nou veile et la liberte religiense41, Revue des deux Mondes, I. Avril 1910. eines plötzlichen Bedarfes sofort für die erste Hilfe ZU dienen. , - Die von uns separat geführte Hilfsaktion hat im Jahre 1909 für Unterstützungen und Beförderungen russischer Glaubensgenossen Kr. 20.766 93, für Erziehung russischer Waisenkinder (Opfer der Erzesse) Kr. 3.406 13, für Weiterbeförderung von Emigranten nach überseeischen Ländern Kr. 17.770 25 erfordert, wobei der letztgenannte Betrag für überseeische Emigration nach den auch im vorigen Jahre in Geltung gewesenen Vereinbarungen von der „Jca" für ihre Rechnung übernommen wurde. In Bezug auf die Emigrantensürsorge teilt der Bericht mit, daß im vergangenen Jahre längs der österreichisch-russischen Grenze in Rowosielißa, Podwoloczyska, Husiatyn Lokalkomitees errichtet wurden, die, unter der Leitung angesehener jüdischer Persönlichkeiten jener Gemeinden, in Verbindung mit den schon seit Jahren tätigen Filialen der Allianz in Czernowitz, Brody, Lemberg und Krakau in gleicher Weise als Schutz- und Informationsstellen für jüdische Emigranten aus Rußland (und den angrenzenden Teilen Rumäniens) tätig sind, wie die vom „Hilfsverein der deutschen Juden" an der preußisch-russischen Grenze geschaffenen Lokalkomitees und die über ganz Rußland verteilten Komitees der „Jewish Colonization Association". Durch Korrespondenz mit diesen Komitees einerseits und mit den befreundeten Organisationen in Paris, Petersburg, Berlin andererseits, durch sofortige Verbreitung der uns zugehenden Informationen über die zur Verfügung stehenden Schiffahrtsverbindungen, die Iden betreffenden Organisationen gewährten Vergünstigungen beim Ankauf der Schiffs- und Bahnkarten und sonstiger für die Emigranten wichtiger Instruktionen ist es ermöglicht, daß jeder einzelne Auswanderer, wenn er sich in seinem Heimatsorte an das zuständige Lokalkomitee wendet, das ihn mit einem Reisepaß und einer Legitimytionskarte versieht, während der ganzen Reise bis zur Einschiffung unter dem Schutze der großen Hilfsgesellschaften steht. Am Hafenorte selbst (Hamburg, Bremen, Triest, Antwerpen und Rotterdam), sowie an der für einen großen Teil der Emigranten wichtigen Umsteigstation Basel bestehen ebenfalls Schutzkomitees und Informationsstellen, an welche die Emigranten gewiesen werden. Man macht sich in weiteren Kreisen schwerlich eine Vorstellung davon, welche Fülle von Arbeit die Fürsorge für die unerfahrenen Auswanderer, besonders für Frauen und Kinder, die zu ihren Ernährern nach transozeanischen Ländern reisen, täglich unserem Bureau in Wien und unseren Filialen in Krakau, Brody, Czernowitz bereitet: welch umfassende internationale Korrespondenz oft einzelne Fälle erfordern, welche Mühe und Geduld (von den Kosten gar nicht zu sprechen) nötig sind, um die weltfremden, in keiner europäischen Sprache sich verständigenden, mit Reisegeld nicht ausreichend versehenen Personen, die oft auch über ihre Route von gewissenlosen Agenten schlecht beraten wurden, vor den größten Gefahren zu beschützen und so zu instradieren, daß sie sicher an ihr Ziel gelangen. Die Ueberzeugung von der Wichtigkeit und dem segensreichen Wirken energischer und .arbeitswilliger Grenzkomitees für unsere armen Glaubensgenosscn aus Rußland und Rumänien dringt erfreulicherweise in immer weitere Kreise. Wir können es daher nur mit Freude und Anerkennung konstatieren, daß sich eine Reihe angesehener jüdischer Persönlichkeiten in Zbaraz über Initiative des Herrn Kultusvorstehers Dr. Josef K o s s e r spontan an uns mit dem Ansuchen wandten, dort ein Grenzkomitee für jüdische Auswanderer zu errichten. Wir erteilten Herrn Dr. Koster selbstverständlich die nötigen Informationen und es Donstituierte sich ein Komitee aus 16 Mitgliedern, darunter Herr Bürgermeister Jakob K r u h, dem Herr Kultusvorsteher Advokat Dr. Josef

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