Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 Seite 341 Dr. Blochs Wochenschrift. werden, „wonach die jüdischen Studenten zur militärmedizinischen Akadeinie nicht mehr zugelassen werden sollen, weil im russisch-japanischen Kriege auf hundert in Kriegsgefangenschaft geratene Soldaten angeblich sieben Juden gewesen sein sollen, eine Zahl, die in "keinem Verhältnisse zu der überhaupt im russischen Heere dienenden Juden stände." . Auch von der russischen Armee gilt der Satz: „Ein jeder Staat hat die Soldaten, die er verdient." Vorausgesetzt, daß das Verhältnis 7 zu 100 ein unproportionelles ist, so müßten die russischen Faktoren den einzig richtigen Schluß daraus ziehen und die ein solches Mißverhältnis zeitigenden Uebel abzustellen bestrebt sein. Angenommen, daß manche jüdische Soldaten der Gefangennahme sich entziehen konnten und es nicht taten: wieviele unter diesen Gefangenen mögen es gewesen sein, deren Angehörige einige Zeit früher durch Pogrome umgekommen sind, oder gleichzeitig, während jene im fernen Osten kämpften, diese Gefangenen mögen es gewesen sein, deren Angehörige einige Zeit früher durch Pogrome umgekommen sind, oder gleichzeitig, während jene im fernen Osten kämpften, diese des Landes verwiesen wurden? Wieviele unter diesen Gefangenen mögen es gewesen sein, denen eine korrupte Verpflegsverwaltung die Kriegsrationen weggestohlen hat und die nun die Gelegenheit willkommen hießen, mit einer soliden Kriegsgefangenenration den Hunger stillen zu können. Der jüdische Soldat der russischen Armee zeichnete sich, wie es übrigens während der Kampagne ein großer Teil der russischen Presse registriert hat, durch Mut und Intelligenz aus, er ist aber auch kritisch genug veranlagt, um sich zu sagen, daß sein Vaterland es unzähligemale verwirkt hat, daß er ihm seine aufopferungsvolle Liebe widme. Noch ist der moralische Gehalt der jüdischen Soldaten in der russischen Armee ein großer, wenn sie in dieser Statistik nur mit 7% partizipieren. Sind etwa die russischen Juden qualitativ schlechtere Soldaten als die der sonstigen Armeen? Warum heißt es bei den meisten jüdischen Soldaten der österreichischen Armee, die 1859 in italienische beziehungsweise französische, 1866 in preußische Kriegsgefangenschaft gerieten, „daß sie sich aus der Kriegsgefangenschaft selbst ranzioniert haben"? Aber Rußland ist der einzige Staat der Welt, der durch barbarische Behandlung der eigenen Landeskinder in deren zartester Jugend schon jenes Empfinden erstickte, welches die Juden der sonstigen Länder den zugehörigen Armeen entgegenbringen, und in keiner, nach modernen Grundsätzen geleiteten Armee list eine so korrupte Wirtschaft möglich, wie sie der japanische Krieg in der russischen so ekelerregend aufgedeckt hat. Die Art der Reaktion auf solche Verhältnisse ist somit eine ganz natürliche. In Oesterreich. Deutschland und in den beiden romanischen Armeen ist das Verhältnis der dekorierten jüdischen Soldaten zur Gesamtheit ein im erfreulichen Sinne umgekehrtes der Gefangenenzahl. Diese Erscheinung deutet klipp und klar an, wo Rußland des Hebels Grund zu suchen hat. Aber die Zahl 7 von 100 ist in diesem Falle eine tendenziös herausgegriffene, beweist gar nichts und kann keinesfalls als Basis für die Begründung des famosen Antrages dienen. In allen Armeen gibt es Truppenkörper, die jich aus Bezirken ergänzen, in denen Juden in geringerer Anzahl oder auch gar nicht wohnen. Speziell im heiligen Rußland, wo ganze Länderstrecken den Juden als Aufenthalt verboten sind, dürfte es viele judenreine Regimenter geben. Um dies an einem uns geläufigen Beispiele zu erläutern: die Juden partizipieren in der österreichischen Armee mit zirka 4.o/o, während es einzelne Truppenkörper gibt, die 15—20"/» jüdischer Soldaten im Stande sühren. Wenn nun in einer kriegerischen Affäre große Abteilungen der dort operierenden Truppenkörper in Gefangenschaft geraten würden und diese Regimenter sich aus Tarnopol oder Nikolsburg ergänzen, dann wird die Anzahl der jüdischen Mitgefangenen ihren Perzentsatz zum Ganzen um viel mehr erhöhen, als wenn dort zufällig andere Truppenkörper, z. B. dalmatinische oder steirische. kämpfen und von der Gefangenschaft betroffen würden. Nun wurden in die ersten Feuerlinien immer die aus Polen sich ergänzenden, also auch viele Juden mitführende Regimenter beordert. Der Abgeordnete Markow beschloß seinen Antrag mit den Worten: „Als russischer Vaterlandsfreund wünsche ich, daß in den uns benachbarten Heeren recht viele Juden Generale und Offiziere würden. Ein solches Heer würden wir bald schlagen." Das Prophezeien, noch dazu ein rückwärts gewandtes, ist eine undankbare Sache. Aber auf Grund der uns naheliegenden österreichischen Verhältnisse, die zu einem Vergleiche herangezogen werden mögen, kann die Behauptung ausgesprochen werden, daß die Katastrophen des japanischen Krieges zumindest nicht so gewaltige Dimensionen angenommen hätten, wenn manche wichtige Posten ^eben von Juden besetzt gewesen wären. Auch in Rußland hätten sich jüdische Bahnbeamte gefunden, die durch wohldurchdachte Anordnungen manchen planlosen Rückzug in ruhigere Bahnen (Eisenbahnen) gelenkt hätten, wie es am 3. Juli 1866 bei Königgrätz der seinerzeitige Bahnbeamte, vor Jahresfrist verstorbene Regierungsrat M o r a w i tz getan und dadurch wenigstens einen Teil der Katastrophe abgewendet hatte. Auch in Rußland hätten sich jüdische Offiziere gefunden, die mit höchster Lebensgefahr aus bedrängten Festungen wichtige Meldungen dem Oberkommando überbracht hätten, wie es im Jahre 1866 der österreichische Leutnant Ignaz G o l d st e i n getan, dessen alleiniges Verdienst es war. daß die Festung Königgrätz bis zur letzten Stunde standhaft aushielt. Auch Rußland hätte Hunderte heldenhafter jüdischer Offiziere, wie die, um die die österreichische Kriegsgeschichte ihre schönen Legenden flicht, wenn den russischen Juden nur Gelegenheit, sich zu betätigen, geboten würde, und — wenn Rußland nicht Rußland wäre. Korrespondenzen Die XXXVII. ordentliche General-Bersaninrlrrng der Israelitische» Allianz zn Wie». Abgehalten am Donnerstag den 12. Mai 1910 um halb 6 Uhr abends im Saale der israelitischen Kultusgemeuide. I., Seitenstettengasse 4, unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn David Ritter von Gut mann. Der Präsident eröffnete die Versammlung, begrüßte die erschienenen Vereinsmitglieder und widmete zunächst den im abgelaufenen Jahre aus dem Leben geschiedenen Freunden und Mitarbeitern der „Allianz", insbesondere den verstorbenen Vorstehern der Allianz Donath Z i f f e r e r und Emil Horner Worte des Gedenkens. Ebenso gedachte er des in Berlin verstorbenen Schriftstellers G. Karpeles, welcher dem Judentum treue Dienste geleistet hat. Die Versammlung hat diese Trauerkundgebung, welche dem Protokoll der Sitzung einverleibt wurde, stehend angehört. Dem Tätigkeitsbericht entnehmen wir nachfolgende Daten: Mit Bezug auf unsere Glaubensgenossen im Zarenreiche hat sich ihre Situation in geradezu tragischer Weise verschlimmert. Durch die drohende unnachsichtliche Vertrei-