Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 Seite 339 Dr. Blachs Wochenschrift. konischen Kolonien im 18. und die südamerikanischen im 19. Jahrhundert, weder die Franzosen, welche ihren König mit seiner Familie guillotinierten, noch die von halb Europa in ihrem Aufstande gegen die Türkei unterstützten Griechen, und am allerwenigsten die den Mongolen unterworfenen Russen, deren Nachkommen noch jetzt ihre Befreier vom mongolischen Joche als Helden und Wohltäter feiern, haben so gelitten. Die Juden haben überhaupt keine besondere Neigung zu Revolution und Königsmord. Sie kämpften gegen die Syrer zur Verteidigung ihrer von bissen angegriffenen Religion, gegen die beutegierigen Römer zur Verteidigung ihres Vaterlandes: als „treue Untertanen des Kaisers und gute Oesterreicher" haben sie Prag gegen die Schweden verteidigt. Die Griechen haben Jahrhunderte lang Harmodios und Aristogeiton, die Mörder des Tyrannen Hipparchus, als Nationalhelden gefeiert, wie die Römer den Mucius Scaevola, der sich mit Zustimmung des Senats in das Lager des Königs Porsena schlich, um ihn zu ermorden. Nicht weniger stolz waren sie auf ihren Brutus, den Meuchelmörder Julius Cäsars. Und damals waren die Römer noch ungemischte, /„reine Arier", noch nicht von Chamberlains semitischem Chaos überschwemmt. Und wieviel römische Kaiser sind dann später ermordert worden! Kaiser Julian, „der Abtrünnige", ist von einem Soldaten seiner eigenen Armee, wahrscheinlich einem Christen, (363) ermordet worden. Jedenfalls hat der Kirchenhistoriker Sozomenus noch ein Jahrhundert später diesen Meuchelmord gebilligt und gerühmt. Und welch eine lange Reihe von Königs- und Fürstenmorden und Attentaten finden wir im Mittelalter, in der Renaissance- und der modernen Zeit, am meisten in jenen fromm-christlichen Zeiten, da die Juden, im Ghetto eingesperrt, an Politik und öffentlichem Leben keinen Anteil halten. Als König Karl I. von England hingerichtet wurde, befanden sich dort überhaupt keine Juden. Die „Rebellen", die tapferen Soldaten Cromwells, die „auf Gott vertrauten und ihr Pulver trokken hielten", waren durchwegs fromme, zum Teil fanatische Christen. Im Konvent, der König Ludwig XVI. und die Königin guillotinieren ließ, befand sich kein einziger Jude, ebenso keiner im Jakobinerklub. Durchwegs orthodoxe Christen waren die sogenannten Dekabristen. welche im Dezember 1825 gegen den Zar Nikolaus I. rebellierten. Ein großartiger. von der Regierung, wenn nicht angestifteter, jedenfalls gebilligter und geförderter Pogrom war die als „Bartholomäusnacht" oder „Blut- Hochzeit" bekannte Abschlachtung der Protestanten in Frankreich.*) So wie in Rußland, sah man auch da, nachdem das Schreckliche geschehen, ein Schwanken der Regierung zwischen Billigung und, aus Rücksicht auf das übrige Europa, Verurteilung der Tat und Ablehnung der Mitschuld, oder, wie in Rußland, Beschuldigung der Juden, so hier der Protestanten als Rebellen und Königsfeinde. Königin Katharina erklärte freilich, sie habe nur sechs Menschen umzubringen gewünscht, nur deren Tod nehme sie auf ihr, wie es scheint, recht weites Gewissen. „Es sind bei 50.000 umgebracht worden" sagt Ranke, aber das scheint mir, obwohl es auf zeitgenössischen Berichten beruht, übertrieben. Es gab eben einen Moment, da man den katholischen „Sieg" größer erscheinen zu lassen, die Zahl der getüteten Ketzer zu übertreiben suchte. Aehnlich machten es ja russische Generale in ihren Berichten über Schlachten, in denen neben dem bekannten einen Kosaken Tausende von Feinden gefallen sind. Besonders in Rom, wo der Papst durch einen Dankgottesdienst den katholischen Sieg feierte. Dort *) S. «Oest. Wochenschrift" vom 17. August 1900. rühmte der gelehrte Murelus in einer vor dem Papste gehaltenen Prunkrede die „glückliche" Königin, welche die Rebellen zerschmettert und ihrem Sohne den Thron gesichert habe. Er pries die jungen Prinzen, die. obwohl sie noch kaum die Waffen führen konnten, höchsteigenhändig auf Protestanten geschossen hatten. „In dieser Nacht", sagte er, „glänzten die Sterne Heller und die Seine trug stolz die Kadaver der Ketzer ins Meer". Nicht mehr als ein Vierteljahrhundert später, nachdem ein anderer Papst, Sixtus V.. den König von Frankreich, Heinrich III., der sich als Prinz am Protsstantenmord so lobenswert beteiligt hatte, mit dem Banne bedrohte, wurde dieser König von dem Dominikanermönch Jacques Clement ermordet. „Gott habe damit gezeigt, daß er auch fernerhin Frankreich beschützen werde", erklärte öffentlich der Papst, der schon früher prophezeit hatte, Heinrich werde umkommen wie König Saul. Die Prophezeiung ist aber nicht vollkommen eingetroffen, denn der französische König hat keinen Selbstmord begangen. Leider hat nicht bloß der Jesuit Mariana in semer Schrift,.v6 reo-6 et regis institutione 4, sondern auch der große Dichter Tasso den Untertanen das Recht zugesprochen, einen Herrscher, der sich zu einer anderen Konfession als sie bekennt, zu töten. Nach diesen Grundsätzen hat wohl auch der fromme König Philipp II. von Spanien gehandelt, als er einen Preis auf den Kopf des Prinzen von Oranien aussetzte und Meuchelmörder gegen ihn ausschicken ließ, und nach diesen Grundsätzen haben auch katholische Engländer gehandelt, welche dem Leben der Königin Elisabeth nachstellten. Und Prinz Wilhelm von Oranien ist auch (1584) von einem gewissen Gerard ermordet worden, nachdem ein Jesuit und ein Franziskaner ihm für diese Tat die ewige Seligkeit versprochen hatten. Und konnte nicht ein protestantischer Holländer nach dieser Lehre mit eben so gutem Recht den katholischen König Philipp ermorden? Wie orthodoxe Russen vor einigen Jahren den Winterpalast in die Luft zu sprengen suchten, so wollten vor dreihundert Jahren englische Katholiken, darunter auch zwei Jesuiten, den König Jakob von England mit seiner Familie und dem ganzen Parlament in die Luft sprengen. Der Plan ist nur mißlungen, weil sich unter den Mordgesellen ein Verräter fand. Und Attentate und Monarchenmorde, manchmal von anderen Monarchen angestiftet, oder gebilligt, fanden oft auch aus nicht konfessionellen Motiven statt. Im Jahre 120k ermordete Pfalzgraf Otto von Wittelsbach den Kaiser Philipp, ein Jahrhundert später Herzog Johann von Oesterreich seinen Onkel, den Kaiser Albrecht. Und wieder ein halbes Jahrhundert später schloß König Peter von Aragonien einen Vertrag mit dem Könige von Navarra, durch den er sich verpflichtete, ihm mehrere Städte abzutreten und 200.000 Gulden zu zahlen, wenn er den König von Kastilien ihm tot oder lebend ausliefern würde. Und alle drei Könige waren fromme Katholiken. (Schluß folgt) Aktuelle Gemeindefrage«. Vom Kultusvorsteher Dr. Berger. 2. Statutenrevision. Die Revision des Gemeindestatuts steht im gewissen Sinne permanent auf der Tagesordnung. Es ist der Alp, der unausgesetzt die Gemeindevertreter drückt. Kaum eine Wahlperiode, wo nicht die Statutenrevision beraten und — wieder vertagt wird. Das gewiß anerkennenswerte Streben. Organisation und Verwaltung zu verbessern, zeitigt immer