Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021894--19284-3044258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 338 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 20 sen dabei nur von nüchternen und streng logischen Voraussetzungen ausgehen. Vergessen wir vor allem nicht, datz ein gesunder und berechtigter Egoismus die Triebfeder alles Handelns ist. Um Agitatoren zu gewinnen, mutz die Partei diesen etwas bieten, und das kann sie auch, ohne sie zu bezahlen. Eine Partei wird dadurch groß. datz sie möglichst viele, möglichst einflutzreiche Männer an sich zieht, die einen möglichst ausgebreiteten Freundschaftskreis mitbringen. Das ist nun nicht anders möglich, als datz sie diesen führenden Männern ihre besten Stellen anbietet, von denen die parlamentarischen Kandidaturen die begehrtesten sind. In dem Augenblick, als der richtige Wahlbewerber gefunden ist, werden Hunderte von Leuten .im Bezirk für diesen interessiert, suchen ihn vorwärts zu bringen, zu erhalten, sind plötzlich zu lauten Agitatoren auf der Tribüne, am Gasthaustisch, im Familienkreis geworden. Das ist das Geheimnis des Erfolges: Die Leute mit grotzem Anhang zu erkennen und an sich heranzuziehen. So viele zu haben sind natürlich. In diesem Punkte wird nun einer der schwersten Fehler gemacht. Die Freisinnigen haben über einen gewissen Besitzstand an Mandaten zu verfügen. Dieser müßte selbstverständlich im klugen Sinne ausgenützt werden. Für jede Kandidatur, für jedes Mandat einen neuen Mann, eine neue Energie, einen neuen Kämpfer. Wenn ein und derselbe Bewerber zwei Mandate haben will, eines für den Gemeinderat und eines für de« Landtag, so bringt er seine Partei um einen Zuwachs, indem er es verhindert, datz sie noch einen Würdenträger, einen zweiten Kampfer für die gute Sache erhält. Wenn sie einmal so stark sind, wie jetzt die Christlich-Sozialen, können es die Freisinnigen anders halten. In ihrer jetzigen Schwäche mutz es sich ihnen vor allem darum handeln, sich zu verbreitern, und da darf es keine Amtsanhäufung in den Händen eines Einzelnen geben. Viele Leute für die wenigen Posten, nicht viele Posten für wmige Leute — sonst wird die Partei immer nur auf ein paar Beinen stehen, ohne vorwärts kommen zu können. Ktotypms Drrir«nrdn«gen. Als Darwins Werk „ On the origin of species“ erschien, schrien alle Dunkelmänner, er lehre die Abstammung des Menschen vom Affen, was er gar nicht getan hat; aber als Kriegsgeschrei für die aufgeschreckten Rückschrittler war die Klage gut zu gebrauchen. Mit mehr Recht könnte man, nach den unmenschlichen Taten der russischen Tschinowniks und der die allerhöchste Gunst genietzenden „Männer des russischen Volkes", der Huligans und Pogromniks, an die Abstammung dieser Spezies vom Tiger glauben. Es gibt ja auch dressierte Affen, die Fracks und Handschuhe tragen, ganz manierlich Löffel und Trinkglas gebrauchen; aber Affen bleiben sie doch, und gelegentlich passiert ihnen etwas Äffisches. Auch dressierte Tiger kann man sehen im Zirkus und auch autzerhalb desselben — in schönen Uniformen, mit Orden behängen. Und da reisen sie ohne Dressierer und ohne Käfig herum, werden von Staatsmännern und Revuwers. demütig begrübt, fetiert und als grotze Männer und geniale Politiker gepriesen. Und hier, im zivilisierten Europa, benehmen sie sich auch ganz menschlich, Tigerisches passiert ihnen nur in ihrer „heiligen Heimat". Sind sie auch keine grotzen, so sind sie doch schlaue Politiker, und den Wolf, der fich beklagte, datz das Lamm ihm das Wasser trübe, übertreffen sie noch an Wahrheitsliebe. Die Türken haben den russischen Gesandten Ignatiew den „Vater der Lüge" genannt. Er mutz eine zahlreiche Nachkommenschaft hinterlassen und Schule gemacht haben. Einer seiner gelehrigsten Schüler scheint Seine Erzellenz Staatsminister Stolypin zu sein. Er hat die geniale Entdeckung gemacht, datz die Juden allein an den revolutionären Bewegungen, den Attentaten — vielleicht auch an den Pogroms — schuldig sind. Gegen diese furchtbaren, alles umstürzenden jüdischen Schafe müsse sich der unschuldige -orthodoxe russische Wolf schützen, indem er sie in Ghetti einpferche, erschießen, aushungern, martern und berauben lasse. Was sind Kopernikus, Galilei, Kolumbus gegen diesen Entdecker! Leider hat die Entdeckung oder vielmehr der Entdecker einen grotzen Fehler: Die Unkenntnis oder vielmehr die Mitzachtung von Geschichte, Chronologie und Statistik. Obwohl er jeder Belehrung unzugänglich zu sein scheint und am Ende vielleicht gar kein Entdecker oder Erfinder, sondern nur das Sprachrohr und willige Wertzeug noch „russischerer Leute" ist, wollen wir ihm doch eine kleine Vorlesung aus diesen drei Wissenschaften halten. Zuerst die Logik, kost lioe ergo propter hoc (nach diesem, also infolge von diesem) ist oft ein falscher Schluß, Stolypin argumentiert aber noch falscher: er gibt nämlich die seit langem in Rutzland wütende, unter Nikolaus II. verstärkte Verfolgung und Unterdrückung der Juden als Folge der erst viel später begonnenen Beteiligung der Juden an den revolutionären Vorgängen an. Datz dies falsch ist. hätte ihm einige Kenntnis der russischen Gesetze aus der. Zeit Nikolaus I. und Alexander III. und der Vorgänge in jener Zeit beweisen können. Er wird auch zugeben müssen, dah die polnischen Aufstände von 1831 und 1863 viel bedeutender und für Rußland viel gefährlicher waren, als die wenigen jüdischen Revolutionäre. Es sind auch damals genug „Hochverräter und Rebellen" von den Murawiews und ihresgleichen gehenkt, erschossen und in den sibirischen Bergwerken begraben worden, aber eine Entrechtung und Verfolgung des ganzen polnischen Volkes hat nicht stattgefunden. Die Juden haben aber weder gegen Nikolaus I., der ihnen die Kinder raubte, noch gegen den Jie viel mehr bedrückenden Alexander III. rebelliert. Dieser soll seinen Judenhaß und die Judenverfolgung damit motiviert haben, daß sie vor neunzehn Jahrhunderten den Tod Jesu verschuldet hätten. Ja, wenn dies auch richtig wäre, und wenn jeder für die Sünden seiner Ahnen zu büßen hätte, dann müßte der zweite Nikolaus viel mehr zu leiden haben, als die Juden. 'Ich werde auf die den Kennern der Geschichte bekannten Sünden -er russischen Herrscher noch zurückkommen, jetzt muß ich noch ein wenig Statistik treiben. Ein echt deutscher, mit rumänisch-russischer Kultur genährter „Volksvertreter" hat bekanntlich vor einiger Zeit beantragt, den Juden in Oesterreich den Zutritt zu den öffentlichen Schulen nur nach Verhältnis ihrer Kopfzahl zu der der anderen Oesterreicher zu gestatten. Ich habe damals darauf hingewiesen, daß eine solche Proportion, wenn sie auch einerseits für die Verleihung höherer Beamtenstellen, andererseits für die Steuerleistung eingeführt würde, für die Juden gar nicht so schlimm wäre. Und wollte man ein solches Zahlenverhältnis für die Beteiligung der Juden an revolutionären Unternehmungen in Rußland' berechnen, so würde man finden, daß sie noch eine große Zahl von Rebellen zu liefern hätten. Ihre Zahl ist da verschwindend klein im Vergleich mit den „rechtgläubigen" russischen Anarchisten. Und selbst wenn sie ein das Veoölkerungsverhältnis übersteigendes Kontingent zur Revolution stellen würden, könnte man es ihnen nicht übelnehmen: denn nie ist ein Golk so barbarisch gequält und so grausam unterdrückt worden, wie die russischen Juden: weder die Engländer, zur Zeit der Stuarts, welche einen König enthaupteten, den anderen verjagten, noch die nordameri-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.