Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021894--19283-3044257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kr. 20 DPo Bloch’s Ishrgangrrvll Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -□ - Wien, 20. Mai 1910 Brscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. oo - -=^o p Ve^ugsprrk« für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- ,3 tene Petttzeile 24 Heller. C, OQ -^)Q * K. st. Postsparstassrnaml Slearlng-Verk ebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien EX/i, Hahngaffe Nr. 15. jj Telefon Nr. 14.847. oO — ■■■ Oo Inhalt: Leitartikel : Aemterhäufung bei den Freisinnigen. — Stolypins Verleumdungen. -- Aktuelle Gemeindefragen. — Eine historische Lüge. — Karl Goldmark. — Korrespondenzen: Die XXXVII. ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien. Dr. Josef Grünfeld gestorben. Zeitungsenten. Die Trauer der englischen Judenschaft um König Eduard. Die französischen Parlamentswahlen. Ein Kongreß der Karaiten, Russische Brutalität. Botschafter Oskar Straus beim Seder. Ein neues Buch von Israel Zangwill. „Little Aliens." David Wolffsohn in Amerika. Der türkische Kronprinz als Gast eines jüdischen Vereines. — Vermischtes. — Feuilleton: Johann den Christine. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Aemterhäufung der den Freisinnigen. Ein Gedanke, der noch vor wenigen Wochen ein verschwommener Witz in den Spalten antisemitischer ^Blätter war, beginnt jetzt einen Keim zu treiben und läßt Halm und Früchte-erwarten. Die teilweise Wiedereroberung Wiens für den Freisinn. Die Christlich-Sozialen werden durch ihr Jonglieren mit Ziffern und durch ihre Auslegung der Symptome nichts von der Wahrheit verkürzen, daß sich bei den letzten Gemeinderatswahlen ein großer Teil des gebildeten Bürgertums aus Ekel vor den Streitigkeiten an der kommunalen Krippe von den jetzigen Machthabern abgewendet und daß vor allem nach einem Jahrzehnt der Verdrießlichkeit und Indolenz wieder einmal der energische Lebenswille bei der freisinnigen Wählerschaft sich gemeldet hat. Dieses kleine Feuer nun zu schüren und zu loderndem Brande zu entfachen, ist Sache der Parteileitung, und sie wird dabei geschickt und mit großer Tatkraft vorgehen müssen. Vor allem handelt es sich für die Zukunft darum, mit den alten Sünden der Liberalen aufzuräumen. Dazu gehören vor allem die alten, kraftlosen Kandidaten bei den Wahlen. Alle Achtung vor der Dankbarkeit und Ehrerbietung. Aber dort, wo sie die verhängnisvollsten Folgen nach sich zieht, ist diese übel angebrachte Sentimentalität denn doch eine Katastrophe des Verstandes. Die alten Veteranen mögen alle Ehren bekommen, über welche die Partei nur immer zu verfügen hat, nur kandidiert dürfen sie nicht werden in einer Zeit, wo alles davon abhängt, den Terrorismus der Barrierestöcke in der Gemeinderatsstube durch alle Arten von Kraft und Temperament zu brechen. Es soll dabei nicht alles in einen Topf geworfen werden. Es gibt unter den Freisinnigen auch Leute, bei denen die hohen Jahre nur die Erfahrung vermehrt, aber die Geschicklichkeit im politischen Kampfe nicht vermindert haben. Diesen wenigen aber stehen viele andere gegenüber, welche in einer Zeit stumpfer Gleichgiltigkeit auf den Schild gehoben wurden, niemals einen Wert besessen haben und bedeutend Besseren ungerecht den Platz wegnehmen. Diese Wirtschaft der Parteigreise mit ihrer senilen Hartnäckigkeit des wertlosen Ehrgeizes muß definitiv aufhören. Die großen Siege Luegers beruhten zum großen Teil darauf, daß dieser und seine engere Umgebung in den robusten Jahren zum Kampfe geschritten sind und daß die Schwäche der ruhebedürftigen Gegner an ihren Ellbogen zersplitterte. Soviel über diesen Punkt als Vorschuß auf die kommenden Landtags- und späteren Gemeinderatswahlen der zweiten Kurie. Eine andere schwere Sünde, der jetzt hoffentlich die tätige Reue folgen wird, ist der mangelnde Fleiß in der Agitation. Wenn das Strohfeuer der Wahlen abgebrannt ist, liegt das ganze Jahr wieder kalte Asche im Herde des Freisinns. In diesem Punkte sind die Christlich-Sozialen beneidenswert, welche das ganze Jahr bei jeder Art von Berufen tätig sind, allen Ständen das Blaue vom Himmel versprechen und mit dieser simpeln Methode Mandate und Millionen wegtragen. Warum können ihnen gegenüber die Freisinnigen nicht siegen, denen wirklich die Ideale und das Beste des Volkes am Herzen liegen? Der Untersuchungsrichter in dieser Frage wird nun durchaus keinen schweren Schuldspruch gegen die liberale Partei beantragen können. Denn sie leidet vor allem an einem großen Mangel an Agitatoren. Die Christlich-Sozialen haben alle Amtsgebäude zu Kasernen wohldisziplinierter Soldaten gemacht, mit denen sie Wahlschlachten vorbereiten und schlagen. Sie haben in jedem Bezirk eine ganze Menge egoistisch interessierter Würdenträger, welche sich darum kümmern, daß ihre Popularität erhalten bleibe. Die Liberalen aber haben nicht ein einziges Bureau, dessen Angestellte sich bemühen, daß sie mit ihrer Partei zusammen vorwärts kommen. Sie haben nur wenige Leute, und diese müssen einen riesigen Rayon betreuen und versorgen. Freiwillige Mitarbeiter? Ja nun, es gibt ja welche, und sie arbeiten sehr tüchtig. Aber im Verhältnis zur Menge von Intelligenz, welche auf der Seite des Freisinns zu finden ist, sind gar zu wenig Arbeiter für die Propaganda vorhanden. Es ist aber ganz leicht möglich, noch viele und gute Agitatoren zu finden, wenn man sich die Sache und den Ausbau der Organisation angelegen sein läßt. Wir müs-