Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Brochs WochenfchM. Seite 327 General Versammlung der Chewra-Kadischa. Abgehalten am 5. Mai 1910, 10 Uhr vormittag. Der Präsident der Chewra-Kadischa, Herr Salo Cohn, eröffnete die Versammlung und begrüßte in herzlichen Worten den Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, sowie den vom Kultusvorstande entsendeten Delegierten, Obmann der Friedhof-Kommission, Herrn kais. Rat Siegmund K a u d e r s. Vor Eingang in die Tagesordnung hält er dem dahingeschiedenen Vorstandsmitgliede der Chewra-Kadischa, Herrn Emil Horner, einen tiefempfundenen Nachruf. Der Verewigte hat sich durch sein liebenswürdiges, stets hilfsbereites Wesen in allen Kreisen, die mit ihm in Berührung kamen, die wärmste Sympathie erworben und durch die Stellung, die er bekleidete, in hohem Maße dazu beigetragen, menschliches Leid zu lindern. Den Aufgaben der Chewra-Kadischa im Besonderen hat er sich mit außerordentlicher Hingebung gewidmet, innerhalb des Vorstandes richtunggebend gewirkt und seine besonders auf dem Gebiete der Wohltätigkeit reiche Erfahrung mit unermüdlichem Eifer in den Dienst der Chewra-Kadischa gestellt. Noch wenige Tage vor seinem Ableben hat sich der Verewigte mit den Agenden der Chewra- Kadischa und zwar mit der Vorbereitung für die geplant gewesene Chewra-Sude beschäftigt. Der Vorstand erachtete es unter dem erschütternden Eindrücke des plötzlichen Hinscheidens seines lieben Kollegen als eine selbstverständliche Pflicht, die Chewra-Sude zum Zeichen der Trauer zu verschieben. Der Vorstand der Chewra empfindet das Hinscheiden Horners als einen schweren Verlust. Sein Andenken wird im Kreise des Vorstandes und bei allen, die ihn kannten, für alle Zeiten ein gesegnetes bleiben. Die Versammlung, die sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben hat, beschließt die Einverleibung dieser Kundgebung in das Protokoll. Herr kais. Rat K a u d e r s begrüßt die Versammlung namens des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde und gibt den herzlichen Sympathien des Vorstandes für die Chewra Ausdruck. Seit seiner frühesten Kindheit sei er mit den Aufgaben und Zielen der Chewra-Kadischa vertraut und deswegen wisse er das Wirken der Chewra in Wien, wenn es auch infolge der bestehenden Verhältnisse von dem in kleineren Gemeinden abweiche, vollauf zu würdigen. Wohl besorgt das Friedhofwesen in Wien nicht mehr die Chewra, doch sie hat andere große Aufgaben und diese erfülle sie im vollsten Maße, Bikur-Chaulim, Gemilas-Chasodim und Halwojas-Hames. Der Dank, den die Vorsteher der Chewra-Kadischa für ihre Betätigung auf humanitärem Gebiete verdienen, müsse umso größer sein, wenn man sich die Verhältnisse vergegenwärtige, unter denen zu arbeiten sie gezwungen find. Ein gänzlich ungeeignetes Lokal im Gemeindehause ist der Chewra zugewiesen. Leider aber ist eine Aenderung derzeit nicht möglich. Uneingeschränkte Anerkennung verdienen ferner die Vorsteher sowie die Delegierten des Vereines für die Teilnahme an Leichenbegängnissen. An jedem Tage, bei jedem Wetter obliegen diese Herren der pietätvollen Aufgabe der Leichenbegleitung und auch hiefür, sowie für die bedeutenden Leistungen der Chewra auf humanitärem Gebiete sage er dem Vorstande sowie sämtlichen Mitgliedern des Vereines im Namen des Kultusvorstandes herzlichsten Dank. (Lebhafter Beifall.) Der Kassaführer der Chewra-Kadischa, Herr Salomon Simon, erstattet den Bericht über die abgelaufenen drei Verwaltungsjahre und führt unter anderem aus: Die Aufnahmsgebühren haben in den abgelaufenen drei Jahren zusammen Kr. 7680 betragen, wobei zu bemerken, daß durch diese Neueintritte der durch Todesfälle verursachte Ausfall kaum gedeckt erscheint. Die Jahresbeiträge beliefen sich auf rund Kr. 31.000 jährlich, was einer Mitgliederanzahl von rund 1460 entspricht. Seit Jahren ist die wenig erfreuliche Tatsache zu konstatieren, daß die der Chewra- Kadischa zufließenden Spenden, mit Ausnahme der Kranzablösungsspenden, die im letzten Jahre Kr. 27.751 betrugen, eine fallende Tendenz aufweisen, und dies gerade in einer Zeit, wo die Anforderungen an die Chewra immer größere werden. Das Steigen der Kranzablösungsspenden beweist, wie sehr diese von der Chewra-Kadischa zuerst in Wien eingeführte Institution den Intentionen der Bevölkerung entspricht. Um die Einführung der Kranzablösungsspenden hat sich das Vereinsmitglied Herr Moriz Baum sehr verdient gemacht, wofür ihm auch an dieser Stelle der wärmste Dank ausgesprochen sei.*) Von den in der Berichtsperiode eingelaufenen Spenden und Legaten möchte ich folgende größere hervorheben: Von Herrn Dr. Ferdinand Mandl zur Errichtung einer Grabausschmückungswidmung Kr. 1000, Legat des sel. Gouverneurs der Bodenkreditanstalt Herrn Theodor R. v. Tausiig Kr. 10.000, von Herrn Salo Cohn zur teilweisen Deckung des Defizites per 1907 Kr. 3000, durch den Vorstand der Kultusgemeinde aus dem Legate des sel. Herrn Julius Frankl Kr. 2725, aus dem Legate des sel. Herrn Albert Landau Kr. 2900, von Herrn Albert Freiherrn von Rothschild anläßlich des Ablebens seines Sohnes des Herrn Baron Oskar Rothschild Kr. 1500, von den Hinterbliebenen des sel. Herrn Dr Arnold Rappäport Edlen von Porada Kr. 4000 zu den bereits früher gespendeten Kr. 2000, Legat des Herrn Leopold Lederer Kr. 1000, vou Frau Rebekka Mautner Kr. 1000, Legat des sel. Herrn Julius Mautner Kr. 1000, von den Erben nach Herrn Ludwig Brethauer Kr. 1000, als Legat des Herrn Hermann Subak Kr. 1000, infolge letztwilliger Anordnung der Frau Johanna Kohn zur Errichtung einer Widmung Kr. 1000, zur Errichtung einer Samuel und Johanna Brunnerschen Graberhaltungswidmung Kr. 600, Legat des Herrn Moriz Baumfeld Kr. 600, zur Fundierung des Jahresbeitrages von Herrn Bernhard Reicher s. A. Kr. 500, Legat der Frau Johanna Herzka s. A. Kr. 500, vom Vorstandsmitglied Herrn Jakob Kann zur Fundierung des Mitgliedsbeitrages Kr. 500, von Herrn Leopold Landeis s. A. zum gleichen Zwecke Kr. 560, Legat des Herrn Ignaz Polizer s. A. Kr. 500. Die Ausgaben der Chewra-Kadischa für wohltätige Zwecke erreichten in der verflossenen Periode den Betrag von rund Kr. 250.000. Hievon entfallen: Auf Unterstützungen rund Kr. 90.000, auf Kurbeiträge zirka Kr. 61.000, auf Medikamente zirka Kr. 65.000, auf orthopädische Apparate, optische Gegenstände und Subventionen an verschiedene Wohltätigkeitsoereine über Kr. 33.000, zusammen Kr. 249.000. Das Vereinsvermögen ist mit Kr. 388.578 ziemlich konstant geblieben. Dagegen hat sich erfreulicherweise das Vermögen der Stiftungen und Widmungen von Kr. 145.102 im Jahre 1906 auf Kr. 180.102 im Jahre 1909 erhöht. In Anbetracht der großen Zahl von Hilfesuchenden ist der Verkehr mit den Parteien eine schwere, nichts weniger als erfreuliche Aufgabe. Wenn ich sage, daß diese Arbeit nicht erfreulich sei, so bedarf dies einer besonderen Aufklärung. Gewiß kann es keine bessere und erfreulichere Aufgabe geben, als seinen armen, unglücklichen Brüdern zu helfen. Wenn aber diese Hilfeleistung trotz augenscheinlichen Elends, trotz großer Rot und Bedürftigkeit unter dem drückenden Zwange der Verhältnisse nicht allen zuteil werden kann, wenn bei der Gewährung von Unterstützungen, mit einer fast an Strenge grenzenden Gewissenhaftigkeit vorgegangen werden muß, so gewährt diese Tätigkeit nicht jene vollkommene Befriedigung, die sonst mit dem Wohltun verbunden ist. Vielmehr überwiegen die schmerzlichen Empfindungen, wenn man zurückweisen muß, wo alles für Berücksichtigung spricht, nur deshalb, weil es noch Aermere, noch Bedürftigere gibt, die berücksichtigt werden müssen. Der Vorstand der Chewra-Kadischa hat sich auch wiederholt damit beschäftigt, die Frage zu lösen, in welcher Weise die zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst rationell verwendet werden könnten; denn er war sich darüber nie im Unklaren, daß mit der Gewährung von kleinen, oft nur wenige Kronen betragenden Unterstützungen nichts oder fast nichts getan ist. Er suchte dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen, indem er sein Hauptaugenmerk auf Gewährung von Kurbeiträgen lenkte» durch welche erkrankten Armen die Gesundheit und Erwerbsfähigkeit wiedergegeben werden soll. Ein großes, ein übergoßes Feld — ich erwähne nur der Namen Alland, Meran, Karlsbad, Bad Hall, Pystian — eröffnet sich auch auf diesem speziellen Gebiete der Tätigkeit der Chewra-Kadischa und hierin glaubt der Vorstand seinen hauptsächlichsten Wirkungskreis zu erblicken. Zwei Ziffern mögen das illustrieren! Während noch im Jahre 1904 die Kurbelträge 6793 K betragen haben, beliefen sich die Ausgaben fiir diesen Zweck im Jahre 1909 auf nahezu 20.000 K Den Intentionen des Vorstandes würde es entsprechen, in dieser Beziehung noch weiter zu gehen. Dies wäre aber notwendigerweise mit einer Beeinträchtigung der anderen von der Chewra-Kadischa bisher gepflegten Agenden verbunden, wob. i selbstverständlich an eine Reduktion hinsichtlich der Verabfolgung von Medikamenten und Bandagen nicht gedacht ist. Wenn die bisherigen Ausführungen hauptsächlich jenen galten, welche hilfesuchend an die Chewra-Kadischa herantreten, nur mit dem großen und starken Rechte ihrer Armut ausgestattet, so mögen die folgenden Auseinandersetzungen an jene Bedürftigen und Bedauernswerten erinnern» die früher der Chewra-Kadischa angehört, ihre Zwecke durch freiwillige Beiträge gefördert haben und später in Not geraten sind. Wohl kennt das Statut der Chewra-Kadischa für verarmte Mitglieder kein besonderes Recht, aber es gibt auch unverbriefte, ungedruckte Rechte. Und wer sollte größeren Anspruch auf Hilfe haben, als derjenige, der früher selbst dazu beigetragen hat, die hohen *) Ebenso gebührt der Dank dem verdienten Vereinsmitgliede Herrn S. Br od, Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe, welcher die erste Anregung zur Einführung der Kranzablösungsspenden gab.