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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 322 Dr. BloKs Wochenschrift. Nr. 19 lassen will, Latz eine Horde verrufener Elemente diese ehrlichen und ehrenhaften Bürger vor der Geschichte faustrechtlich statt rechtlich brandmarkt. . AMglichkeiten. Die ganze Revision des österreichischen Dreyfusprozesses ist leider auch nur eine Möglichkeit statt einer Gewißheit. Aber jedenfalls mutz uns Juden die Nachricht energisch wecken. Wir haben wahrhaftig nicht vid Zeit, um in die Hilsneraffäre Ordnung zu bringen. Wenn wir uns den Vorwurf der nächsten Generation ersparen wollen, daß wir durch Mangel an Zähigkeit, Energie und Opferwilligkeit eine neue Affäre wie die Simons von Trient haben rechtskräftig werden lassen, so müssen wir schleunigst anpacken, müssen arbeiten, solange der Kronzeuge lebt, der Märtyrer Leopold Hilsner. Die Umstände sind widrig gegen uns, im tiefen Dunkel stoßen wir überall gegen dicke Mauern. Das darf uns jedoch weder ermutigen noch verdrießen. Wir sind zu stumpf und bedenken nicht, daß Dreyfus noch heute auf der Teufelsinsel säße ohne die Unerschrockenheit, vor allem aber ohne die Unermüdlichkeit seiner Freunde. Eine jede Negierung ist 'bequem und weicht auch nach der Seite des Rechtes hin nur der unablässig vordringenden Kraft. Diese müssen wir anwenden und können es auch ein bißchen leichter als früher, da die satt gewordenen Antisemiten!im bequemen Capua an den Krippen etwas erschlafft sind und weil eine Aera der Gnade kommt. Gnade oder Recht. Aber eines muß aus der Möglichkeit der Revision eine befreiende Tatsache machen. 1906 1907 '1908 1908 2727 2687 2670 2575 960 949 912 1145 1977 2000 2208 2254 692 603 624 592 117 134 138 170 Aktuelle Grmriukefragen. Vom Kultusvorsteher Dr. Berger. 1. Statistik. Wer immer über Gemeindeverhältnisse zu urteilen sich berufen fühlt, muß zunächst trachten, sich über die Gemeinde selbst, deren Zusammensetzung, deren Entwicklung durch die Volksbewegung zu informieren und sich so Einblick in deren Verhältnisse zu verschaffen. Nichts vermag dies besser zu tun, als das Studium der Statistik, welche das vielgestaltige Konglomerat der Gemeinde in Ziffern zum Ausdruck bringt. Nun herrscht aber gerade in dieser Beziehung die größte Unkenntnis und man hört und liest Ziffern, welche mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht im Entferntesten in Einklang gebracht werden können. Kein Wunder, wenn die Schlüsse, welche aus denselben gezogen werden, sich als Trugschlüsse erweisen, bei welchen die Fehler der Prämisse nicht bloß in gleicher Weise, sondern, wie dies bei Trug- . schlöffen stets der Fall ist, in potenziertem Maße sich bemerkbar machen. Diese weitverbreitete Unkenntnis der Gemeindeverhältuisse ist umsomehr zu verwundern, als der Kultusvorstand in seinem Binnealberichte, welcher jeweils vor den Vorstandswahlen veröffentlicht wird, eine Fülle von statistischen Daten bietet, welche von den verschiedenen Gemeindeämtern mit viel anerkennenswertem Fleiß zusammengestellt werden uyd einen Anhang des Gemeindeberichtes bilden. Leider wird dieser Teil des Vorstandsberichtes kaum einer Durchsicht gewürdigt, geschweige denn, daß dessen beredte Ziffernsprache verstanden werden würde. Diese Arbeiten versinken in den höchgehenden Wogen der Wahlbewegung, obwohl manche ihrer Ergebnisse geeignet wären, volltönende Schlag- Worte zu widerlegen und ganze Platformen zu Fall zu bringen. Es soll deshalb hiemit in einer Zeit ruhiger GemeiudeentwickluNg die Aufmerksamkeit auf diese statistischen Daten gelenkt und deren Wichtigkeit für die Gemeindeverwaltung selbst dargetan werden. Dasjenige Amt, welches das Entstehen, Werden und Vergehen der Population von amtswegen registriert, ist das Matrikenamt. Die Berichte desselben umfassen die Geburten (Lebend- und Totgeburten), die Eheschließungen, Ehekönvalidierungen, Ehescheidungen, Legitimierungen Todesfälle, Austritte und Ueberrespektive Rücktritte zum Judentume. Eine Zusammenstellung der Ziffern der letzten vier Jahreergibt folgendes Bild. *). Lebendgeburten Eheschließungen Todesfälle Austritte Eintritte inkl. Rücktritte Diese Daten zeigen einen langsamen Rückgang der Geburten, ein Fluktuieren der Eheschließungen, einen stetigen Zuwachs an Todesfällen, eine in den letzten drei Jahren ziemliche Konstanz der Austritte und ein Anwachsen der Eintritte, respektive Rücktritte zum Judentume. Bringt man diese Ziffern in Relation, indem man die Geburten und Eintritte als Zuwachs, Todesfälle und Austritte als Abfall behandelt, so ergibt sich nachstehendes Resultat: Für das Jahr 1906 ein Zuwachs von 178 Seelen. „ .. „ 1907 „ „ „ 218 „ „ „ „ 1908 „ Abgang „ 24 „ . n rr » 1909 ,t u „ 101 „ Es wäre gewagt, aus diesen Ziffern schon jetzt Schlüsse zu ziehen, insbesondere wäre die Anschauung, daß die jüdische Bevölkerung im Rückgang begriffen sei, verfehlt, weil ein sehr wichtiger Teil des Zuwachses, nämlich der Zuzug von Außen, vom Matrikelamte naturgemäß nicht registriert werden kann. Unabhängig vom Matrikelamt berechnet das Steueramt, welches die Statistik, der Gesamtzahl der jüdischen Einwohner, der Steuerträger und der Steuern veröffentlicht, auf Grund des Zuwachskoeffizienten in den Jahren. 1890— 1900, für die Jahre 1906—1909 einen jährlichen Zuwachs von 3500—7000 Seelen. ' 1906 1907 1908 1909 106.776 170.276 173.776 180.688 Unter der Voraussetzung, daß diese Berechnung richtig ist, worauf sich, wie später dargetan wird, eine Probe machen läßt, kommt man zum Ergebnis, daß die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung in Wien in den letzten Jahren fast ausschließlich durch Zuzug erfolgte, wodurch sich, da das Zuströmen von auswärts nur durch die bessere Aussicht auf Erwerb öder Unterstützung erfolgt, das sehr fühlbare Anwachsen der Not unter der Wiener jüdischen Bevölkerung erklärt. Dieses Anwachsen des Notstandes ziffermäßrg zu erforschen und gleichzeitig Ueberblick über die zur Bekämpfung der Not verfügbaren Mittel zu erlangen, wäre die erste Voraussetzung einer wirksamen Reorganisation des Armenwesens. Aber gerade in diesem wichtigen Teil der Gemeindeverwaltung läßt uns die Statistik im Stich und wir haben weder Kenntnis von der Zahl der unter st ützungsbedürftigen Personen, noch auch von der Höhe der für Wohltätigkeitszwecke in dem Wiener Gemeindegebiet auf gewendeten Mittel. Die Armenanstalt besitzt in ihrem Zettelkatalog wohl ein ausreichend vollständiges Material, welches jedoch der Oeffentlichkeit nicht bekanntgegeben wird. Ebenso dürfte die Zentralstelle für Armenwesen in der Lage sein, jene Arbeit über die der Wohltätigkeit zugewendeten Mittel zu liefern, welche für die Gemeinden des Deutschen Reiches das Jahrbuch des G e m e i n d e b u n d e s bereits im Jahre 1909 publiziert hat, welches für sämtliche jüdische Gemeinden Deutschlands ein genaues, ziffermäßig detailliertes Bild ihrer Leistungen auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege gibt. *) Die Ziffern der Jahre 1906/07 sind dem letzten Vorstandsberichte entnooimen; die Ziffern 1908/09 wurden bisher noch nicht publiziert.

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