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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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*'18 Dl*o Bloch’s J»4wura Zentcalotgan kür die gesamten Interessen des Judentums. SchrreilhischtWeGnst -cr~ □- Wim, 13. Mai 1910 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie -, IX/i, Hahngasse 15. c Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. O o 1 - -~0 O "p Ve;ugspreis für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gefpaltene Petitzeils 24 Heller. G oO - ■ St? N. ft. Vostsparftnssensmt *7 Slearing-Verk ebr Br. 810.976; Redaktion und Administration: Wien IX/1, Hahngasse Nr. 15. 5 Telefon Nr. 14.847. oO — Oo Inhalt: Leitartikel: Revision des Hilsnerprozesses? — Aktuelle Gemeindefragen. — Die galizischen Schulen der Israelitischen Allianz zu Wien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Erster Wiener Konsumverein. Alliance Jsraelite Universelle. Ein Ghetto für getaufte Juden. Der Streit um Jesus und die Juden. Karl Gotdmark — Ehrendoktor. Goldmark-Feier in Keßthely. Der Bürgermeister v^n New-Dork und die Missionsgesellschaft. Mark Twain über die Juden. Das Testament des Sanherib. — Korrespondenzen: Generalversammlung der Chewra-Kadischa. Der neue Schulbau des Mädchenunterstützungsvereines. Grand Rabbin Chaim Nahum auf seiner Inspektionsreise. Prinz Eitel Friedrich und die Juden in Jerusalem. Demonstration jüdischer Soldaten. — Vermischtes. — Feuilleton: Taufwassersüchtige. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Revision des Hilsnerprozesses? Aus den Meldungen über Tagesereignisse ist jäh eine Nachricht ausgetaucht, welche uns Juden in helle Erregung versetzt. Dqs Organ der böhmischen Sozialdemokratie „Pravo Lldu" wollte wissen, daß eme Revision des Hilsnerprozesses vorbereitet werde und nennt sogar den Namen des richterlichen Beamten, der mit dem Stndium der Akten betraut wurde. Nun kam ein eigenartiges Dementi: Hier man nichts vernommen! Kompetenten Faktoren ist somit nichts Positives bekannt, aber es ist immerhin möglich, daß sich irgendwo ein Gewissen gerührt hat oder die Kultur oder daß vielleicht gar aus irgendeinem Beichtgeheimnis heraus der Anstotz zu dieser Umwälzung gekommen ist. Sei dem wie immer. Es ist schon menschlich erschütternd, daran zu denken, datz die Wahrheit an der Tür der kahlen kalten Zelle rüttelt, in welcher ein Unschuldiger auf der Folter quälender Verzweiflung und schleichender Krankheiten stückweise zerfällt. Gramgebeugt ist seine arme Mutter ins Grab gesunken und die letzte Bitte ihrer verwelkten Lippen, ihres verkümmerten Herzens richtete sich an alle Gutgesinnten, ihren Sohn aus dem Kerker zu befreien. Die antisemitische Bestie blieb diesem Jammer gegenüber stumpf. Ihre stupide Frechheit erhob sich nur noch zu wilderen Rufen, datz man ihr das Opfer nicht entreiße, das sie gegen Recht und Gesetz auf dem Boden des Aberglaubens und der verbrecherischen Demagogie zur Beute gemacht hat. Ist doch die Verurteilung Hilsners ein Glanzstück der Gesinnung der Kanaille, welche vor Menschenopfern nicht zurückschreckt und an ihren Schlachttagen gerade ihre beste Propaganda treibt. Bis jetzt hat es der Staat nicht gewagt, dieser Propaganda entgegenzutreten, er hat der organisierten Verbrechersippe sogar den Hermelinmantel seiner Justiz leihen müssen, der 'besudelt ist und bleibt, solange man aus Regierungsrücksichten mit Hilsner das Prinzip der Gerechtigkeit preisgegeben hat. Sollte man vielleicht jetzt den Mut gefunden haben, eine Säuberung vorzunehmen nach der jetzt immer klareren Einsicht, datz die Antisemiten doch nichts anderes sind, als die schmutzigen Harpyen Oesterreichs? An einen grundlosen Anfall von erwachender Menschen- und Nächstenliebe unserer Justizbehörden ist zwar schwer zu glauben. Aber es ist ganz gut möglich, datz in der Tragödie Hilsner ein Seelendrama mitspielt, das in einer Weise die Lösung des Konfliktes sucht. Das Gewissen hat ja auch Hofrichter zum Geständnis gezwungen, obwohl er durch das Festhallen am Leugnen seines Lebens sicher geblieben wäre. Vielleicht ist noch eine andere Seele nicht so robust als die Vergayis und Hans Arnold Schwers, des Blutsuchers von Polna. Wir haben schon wiederholt und deutlich auf die Worte hingewiesen, welche der zartbesaitete Mechaniker Schneider im niederösterreichischen Landtag sprach. Worte, aus denen hervorging, datz der damalige Justizminister Ignaz Edler v. Ruber gegen Hilsner nicht nach dem Gesetz, sondern unter dem Zwang der christlich-sozialen Partei eingeschritten wäre. Unsere Ausführungen haben zwar den Edeln v. Ruber nicht als unseren Ankläger in den Gerichtssaal geführt, sie haben ihn aber auch nicht gehindert, Präsident des Obersten Gerichtshofes zu werden. Man fühlt sich aber vielleicht selbst in der verbrämten Toga eines hohen JustiZherrn nicht wohl, wenn durch die Stunden der Ruhe der Schatten eines sterbenden Menschen geistert, dessen Körper fest vergittert ist in der Strafanstalt, aber dessen Augen bis nach Wien hineinsehen in unruhige Herzen. Oder es hat vielleicht jemand das unter der Patronanz und Aufsicht des berühmten Strafrechtslehrers Liszt erschienene Buch Dr. Nutzbaums gelesen, das den empörten Leser von der Ungerechtigkeit des unerhörten Justizmordes an Hilsner überzeugt. Ein mächtiger Mann wollte es vielleicht auf seine Ehre hin nicht dulden, datz die Regierungszeit unseres glorreichen Kaisers getrübt werde durch einen Prozetz, bei welchem alle mittelalterlichen Gewalten räuberisch an der Arbeit waren, um die Gerechtigkeit zu fälschen und die Kultur zu schänden. Ein freier Geist kann die Revision im Geheimen veranlaßt haben, der nicht dulden wo^te, datz österreichische Gerichte eine schändliche Lüge vom Ritualmord bestätigen. Ein Freund des Staates vielleicht, der die Juden unter allen streitenden Volksstämmen loyal, patriotisch und ruhig ihre wertvolle Arbeit leisten sieht und nicht zu-

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