Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 317 Dawid hatte an diesem Morgen mit einigen Gefährten den steinigen Korridor mit nassem Sand zu scheuern. Er war an die Arbeit nicht gewöhnt und hielt alle paar Minuten inne, um die brennenden Hände abzukühlen. Doch das war dem Gefreiten nicht recht. Wütend, stieß er ihn jedesmal mit dem Fuße nach vorwärts und schrie: „Ei, du Hundsblut, wird^s bald?" Dawid rieb und rieb die Fliesen. Die Glieder schmerzten ihm und Tränen traten ihm in die Augen. Er war mit seiner Arbeit schon lange fertig, als es draußen erst langsam zu tagen begann. — Die Finsternis wich einer matten Bläue, die in nebliges Grau überging. Nun kamen die Gelenkübungen an die Reihe. Die Rekruten lernten stehen und gehen, laufen, knieen und niederfallen... — Und wie dieser erste Tag, so gingen viele Tage und Wochen in gleicher Trostlosigkeit dahin. Der Himmel war immer verhängt und die Regenfäden fielen wie ein grauer Schleier zu Boden. Ohne die Erlaubnis des Korporals durften die Rekruten das Zimmer nicht verlassen. Wie ein Tyrann herrschte er über seine Untergebenen und sie mußten ihn bei guter Laune zu erhalten suchen. An jedem Morgen lbrachten sie ihm Kaffee aus der Kantine, denn der Kommißkaffee schmeckte ihm nicht. Ebenso mußten sie ihn mit Tabak versorgen. Oft war der Korporal ohne jeden Grund verstimmt, und da schien es ihm Vergnügen zu machen, die Soldaten zu quälen. Gewöhnlich ordnete er dann eine „Putzstunde" an. An diesem Abend durften die Rekruten die Kaserne nicht verlassen, sondern mußten ihre Kleidungsstücke in Ordnung bringen. Eine Viertelstunde vor dem Zapfenstreich ging der Korporal mit einem Rohrstabe von Mann zu Mann und ließ sich die Uniformen vorlegen, die er beklopfte. Zeigte sich ein Staubwölkchen, dann verabfolgte er dem betreffenden Soldaten eine Tracht Prügel. Wenn der Korporal nicht einschlafen konnte, hielt er jim Finstern Schule ab und ließ sich die Namen der Vorgesetzten aufzählen. Wenn einer stecken hlieb, mußte er aus dem Bette, um sich von seinem Nachbar belehren zu lassen. Wußte auch dieser den Namen nicht, so mußte er ebenfalls sein Lager verlassen, und so ging es von einem zum andern, bis die richtige Antwort gefunden war. Doch konnte es Vorkommen, daß alle Rekruten barfuß und im Hemd im dunklen Zimmer herumstanden, bis ihnen der Korporal den Namen sagte. Manchmal gab er sich mit dem Erzählen von Geschichten zufrieden. Da konnte man wenigstens unter der warmen Decke bleiben, aber an Schlaf war nicht so bald zu denken... So vergingen die Tage! Dawid war stumpf gegen seine Umgebung geworden. Wie weit erschien ihm jetzt die Welt, die sich vor den Toren der Kaserne auftat! Langsam, langsam ging die Abrüstung vorüber. * Dawid war marode und erhielt einige dienstfreie Tage. Er brauchte nicht zu exerzieren, mußte sich aber in feiner freien Zeit dem Kasernendienst widmen. Zu seiner täglichen Beschäftigung gehörten jetzt: das Fegen der Stube, das Kartoffelschälen und Patronenputzen. Aber Dawid entledigte sich dieser Verrichtungen nicht zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Eines Tages nahm ihm der Gefreite den Besen aus der Hand und sagte mitleidig: „Dir wird es noch verteufelt schlecht im Leben gehen. Du kannst ja nicht einmal eine Stube ordentlich kehren." Das Müssiggehen war aber viel schlimmer als der Dienst. Die Zeit verging gar nicht. Dawid wanderte im kalten Mannschaftszimmer auf und ab oder blickte durch das Fenster auf den öden Kasernenhof hinaus. Zuweilen setzte er sich auf seinen Koffer und schrieb auf Zettelchen seine Gedanken nieder. Das tröstete ihn ein wenig. „Es widerspricht meinen Rechtsbegriffen, daß man Menschen gegen ihren Willen hier gefangen hält. Ich tue alles ungern und kenne keinen größeren Wunsch, als wieder frei zu sein. Nur wenige Soldaten sind mit ihrem Lose zufrieden. Die meisten hassen die Sklaverei genau wie ich." -„Wie wenig wußte ich früher meine Freiheit zu schätzen! Trockenes Brot möchte ich essen und die schwierigsten Arbeiten verrichten — nur frei sein! Es ist nicht der Dienst, der mir hier den Aufenthalt verleidet, sondern das Bewußtsein, daß ich jedes Verfügungsrecht über mich verloren habe. Ich betrachte es als ein Unrecht, daß man mich von der Welt abgeschnitten und in diese russische Grenzstation verbannt hat. Von einem Gefangenen unterscheide ich mich nur dadurch, daß ich arbeiten muß und den Schikanen der Vorgesetzten ausgesetzt bin, während er in der Zelle seine Zeit absitzen fann." Als Dawid eines Morgens fröstelnd meinem Winkel des Zuges saß, kam der Feldwebel, schrie ihn an und schickte ihn zur Arbeit. Zwei Fuhren Sand waren auf dem Hofe ausgeladen worden, die auf den Dachboden der Kaserne transportiert werden mußten. Dawid brachte mit Mühe den ersten Zuber an Ort und Stelle. Er stöhnte unter der Last und mußte bei jedem zweiten Schritte stehen bleiben, um die Finger zu beleben. Er schauderte bei dem Gedanken, daß er diesen Sandhaufen die drei Stockwerke allein werde hinaufschleppen müssen. In großen Tropfen rann ihm der Schweiß von der Stirn, und als er wieder unten anlangte, klagte er dem Korporal, der ihm den Zuber füllte, seine Schmerzen. Allein der Vorgesetzte spornte ihn nur zur rascheren Tätigkeit an. Als Dawid seine Bitte zu wiederholen wagte, gab ihm der Korporal eine Ohrfeige, daß die Kaserne und der Hof vor Dawids Augen zu tanzen begannen. Er biß die Lippen zusammen, ergriff den schweren Zuber und trug ihn hinauf. Auf dem Dachboden hielt er erschöpft inne. Durch eine Lucke blickte er auf den Sandhaufen, der mit jedem Augenblick zu wachsen schien. Seine Finger waren geschwollen und bluteten, und er konnte die Last nicht weiter schleppen. Eine trotzige Trauer erwachte in ihm: doch in die Erbitterung, die seinen Körper schüttelte, mischte sich auch die Freude darüber, daß es in seiner Macht stand, seinen Leiden ein Ende zu bereiten. Dawid dachte an den Tod, und eine Ruhe kam über ihn. eine stumpfe Resignation. Kein Hoffnungsstrahl regte sich und kein Gedanke an die Zukunft. Als wenn es schon lange vorher bestimmt gewesen wäre, daß an diesem Frühlingsmorgen sein Leben endigen müßte! Ihm war es, als hätte er sein ganzes Leben um dieser Stunde willen gelebt, als wenn er diesem Ziele entgegenginge! Er kroch aufs Dach. Draußen war es sonnig und hell. In den Anlagen schoß das erste Grün hervor und in Scharen taumelten sich die Spatzen auf den Nachbardächern. - Da lag sie vor ihm, die große, leuchtende Welt, dehnte sich weit. weit. Besiegen wollte er sie, wollte sie im Rausche des Iünglings durcheilen und ihr die Erfüllung seiner Hoffnungen abringen! — Wie Bilder in einem Guckkasten flog Längstvergangenes, Längstvergessenes an seinem Geiste vorüber. Dann