Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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flr. 18 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite SN Korrespondenzen Ein Verband der Tempelvereine. Letzten Donnerstag abends fand im Sitzungssaale des Tempelvereines für den VI. und VI l. Bezirk eine Versammlung der Vertreter einer größeren Anzahl von Bethaus- und Tempelvereinen statt, in welcher über die Gründung eines Verbandes dieser Vereine beraten und beschlossen werden sollte. Der Präsident des Tempelvereines im IX. Bezirke, Herr Gottlieb Bettelheim, war designiert, über Ziele und Zwecke des neuen Verbandes zu referieren. Leider war er verhindert, sein Referat in jener Versammlung zu erstatten, und so möge es denn nachstehend zur Kenntnis weiterer Kreise gebracht werden: „Wir alle, die wir unsere Religion lieben und die Entwicklung des religiösen Lebens seit der Zeit Mendelssohns überblicken, stehen an der gegenwärtigen Lage des Judentums wie an dem Bette eines schwer Franken. Die tiefe Zerrüttung und Zerklüftung, die es uns in der Gegenwart darbietet, erfüllt uns mit schwerem Kummer und mit banger Sorge um die Zukunft unserer Bekenntnisgemeinschaft. Es hat eine Zeit gegeben, wo man dem Abfalle vom Judentums gleichgültig zusah, sich mit dem Gedanken tröstend, es seien nur die faulen Früchte, die absatten, was zurückbleibt, entwickle sich desto kräftiger. Ich habe nie diese Ansicht geteilt, ich habe immer jeden einzelnen Uebertritt für einen großen, weil in seinen Folgen unbekannten Verlust gehalten. Die heutigen Massenübcrtritte haben aller Welt die Augen geöffnet. Man sagt sich heute schon in allen Kreisen: „Der Baum kann nicht gesund sein, der seine Früchte nicht Hallen kann, b's sie reif werden." Und wirklich sind die Uebertritte nicht die Krankheit selbst, sondern ein Zeichen schweren Siechtums. Man hat sich früher getauft aus Liebe oder um Karriere zu machen, heute tauft man sich, weil man Volk und Glauben geringschätzt. wenn nicht gar verachtet. Und doch hat unsere Religion nicht das geringste von ihrem ethischen Werte eingebüßt. Wenn wir aufrichtig sein wollen, müssen wir die Ursache nicht nur in äußeren Umständen, sondern vorwiegend in der Art, wie religiöse Angelegenheiten unserer Gemeinden seit Generationen geführt werden, suchen. Ich klage auch keineswegs die jetzigen Gemeindeverwaltungen an, sie haben Einiges getan, um die überkommenen Uebelstände einigermaßen zu bessern, aber voll und ganz hat auch unsere Gemeinde nicht ihre Pflicht erfüllt. Auch unsere Gemeinde hat die Aufgaben und Pflichten, welche die Jetztzeit gestellt, nicht voll erfaßt. Ja, sie hält noch manches für ein Gebot des Judentums, was nur durch äußeren Druck entstanden und erstarkt ist. Ich erinnere nur an den Mangel höherer Organisation der jüdischen Religionsgenossenschaft. der Seelsorge usw. Während die Altkatholiken. die Mohammedaner in Oesterreich längst organisiert sind und eben deshalb den ihnen zukommenden Einfluß auf die Staatsverwaltung auch ausüben, sind wir an Zahl und Steuerlristung ungleich bedeutenderen Juden nicht imstande, dem Antisemitismus wirksamen Widerstand zu leisten, nur weil uns eine feste Organisation fehlt. Daß aber die Gemeinden Oesterreichs nicht längst organisiert sind, wurzelt keineswegs im Judentums. Es wurde in früheren Jahren von unseren Feinden verhindert, weil sie unseren Gemeinsinn, unser Solidaritätsgefühl fürchteten. Leider war dieser Gemeinsinn, wenn wir aufrichtig sein wollen, nicht dem Judentums entsprossen, sondern uns durch Kurzsichtigkeit unserer Feinde aufgezwungen, er war auch nur solange vorhanden, als die gemeinsame äußere Gefahr dauerte, solange wir im Ghetto von außen zusammengeh alten wurden. Auch das religiöse Leben, die hohe Sittlichkeit und der Wohltätigkeilssinn konnten in der alten, kleinen, auf engem Raume zusammengepferchten Gemeinde, wo alle Gemeindemilglieder durch hundert Bande miteinander verknüpft waren und ein jeder Einzelne unter der Aufsicht der ganzen Gemeinde stand, blühen. Die Taufe bedeutete damals die Auflösung aller zum Lebensbedürfnis gewordenen Beziehungen. Sie bedeutete einen großen gesellschaftlichen Einsatz, dem der Gewinn erst später folgen sollte. Alles dies hörte mit der Freizügigkeit und Emanzipation auf. Die Gemeinde verlor ihren Einfluß auf den Einzelnen, desto stärker wurde der Einfluß der christlichen Umgebung. Während die anderen Konfessionen alle möglichen Mittel, die ihnen ihre Macht bietet, anwenden, um die Zahl ihrer Anhänger zu vermehren, erschweren wir kurzsichtig den Uebertritt zu unserem Glauben aus keinem anderen stichhaltigen Grunde, als weil die alte Strafandrohung noch in uns nachzitiert: ja, was bedauerlicher ist, wir tun fast nichts, um auch nur die im Judentum Geborenen ihrer Religion zu erhalten. Anstatt die jüdische Religionsgenossenschaft nach dem schcn von Jetroh im II. Buche Mosis gegebenen Rezepte und nach dem Beispiele aller anderen großen Körperschaften zu gliedern, setzte man an Stelle des alten Ghetto, das ein wahrhaft demokratisches, cmxrs tdSoö ein auf die religiöse Betätigung aller ausgebautes Gemeinwesen war, die Ablösung aller religiösen und auch menschenfreundlichen Pflichten durch Geld. Die Kultussteuer, der Vereinsbeitrag ersetzen heute gar oft jede religiöse und humane Betätigung. Doch auch dieser Irrweg Hätte noch zum Ziele geführt. wenn die Gemeinden wenigstens die einfließenden Steuergelder für die Pflege des Kultus, für die Verbreitung der Kenntnisse unserer Glaubenslehren ausgiebig verwendet hätte. Schulen, und zwar niedere und mittlere Schulen errichtet, Kultusstätten überall, wo das Bedürfnis vorhanden, erbaut und deren Besuch mit allen Mitteln erleichtert hätten. In Gastein. in Ischl, in Aussee, in Abbazzia gibt es schöne evangelische Kirchen. Man müßte sich aber schämen, würde man fragen,. was die jüdischen Gemeinden in Salzburg, Ischl, Graz und Triest für die zahlreichen.jüdischen Kurgäste getan haben, trotzdem dem Rechte, Kultussteuer einzuheben, nicht bloß die moralische, sondern auch die gesetzliche Pflicht gegenübersieht. für den Kultus zu sorgen. Gerade, wo die Leidenden Zeit und Stimmung hätten, den Gottesdienst zu besuchen, entzieht inan ihnen da:u die Gelegenheit, entwöhnt sie so systematisch jeder religiösen Uebung. Nicht besser ist es in Wien. Man überläßt in 12 Bezirken den Vereinen fast ausschließlich die Sorge für den Kultus, wiewohl kein Bezirk von der Kultussteuer befreit ist. Die Gemeindemitglieder dieser 12 Bezirke und auch Mitglieder vieler anderer Vereine müssen, wenn sie das Gotteshaus besuchen wollen, die doppelte Steuer entrichten, einmal an die Kultusgemeinde, dann wjxder in Form von Miigliedsbeiträgen und Spenden an den Verein. Wie sehr dadurch die Glaubensgenossen vom Besuche des Gotteshauses abgeschreckt werden, müssen wir täglich erfahren. Dabei fließen die Einnahmsquellen der Vereine viel zu spärlich, um ihren Funktionären eine auskömmliche, von Gnade und Willkür Einzelner unabhängige Existenz zu bieten. Dies könnte sich zum Besseren wenden, wenn die Kultusgemeinde die ihr zufließenden Steuern, wie dies schon der Name „Kultusgemeinde" verlangt, zum über-