Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 309 Mutter beraubt, ihr die Fähigkeiten versagt, sich kräftig durchs Leben zu schlagen, andrerseits aber wieder ihr allezeit hilfreiche Freunde, vor allem aber ein glückliches selbstzufriedenes Gemüt und den Sinn fürs Ideale gegeben, der sie auch in den Zeiten des härtesten Elends allen Kummer, jede Sorge vergessen ließ und sie im Innersten beglückte. Laura war Anfang der 60er Jahre in Schildberg, einem kleinen deutschen Städtchrn an der polnischen Grenze als ältestes Kind eines nicht unbegüterten Posthalters geboren, der schon in vorgerückten Jahren seine junge zarte Nichte als Gattin heimgeführt hatte. Nach kurzer Ehe starb die Frau bei der Geburt des zweiten Mädchens und wenige Jahre darauf starb auch der Vater, der die beiden Kinder im zarten Alter zurückließ. Die Mädchen kamen zunächst zu fremden Leuten in Pflege, wo eine angeborene Neigung zur Skoliose, die vielleicht auf den Altersunterschied oder die nahe Verwandtschaft der Eltern zurückzuführen ist, .licht genügend beachtet wurde und sich infolgedessen leider in einer Weise entwickelte, daß sie zeitlebens verunstaltet und kränklich blieben. Als sie schon schulpflichtig wurden, nahm sich ihrer ihr Oheim Dr. D.Honig mann in Breslau an, der als einer der Vorkämpfer der Emanzipation der Juden und auch als Verfasser mehrerer historischer Novellen aus dem Milieu des jüdischen Volkslebens noch heute in gutem Andenken steht. Ec und seine humane, erst vor einigen Monden verstorbene Frau, eine Schwester der Lina Morgenstern, ließen den armen Waisen eine vorzügliche Erziehung angedeihen. Die Mädchen wurden im Predigerhaus der neuen Synagoge in Breslau bei dem dortigen Kantor Fuchs untergebracht. Der fromme Sinn, den sie sich dort aneigneten, blieb ihnen fürs Leben. Wenn auch nicht orthodox, so waren sie doch stets religiös und es ist für Laura charakteristisch, daß in den Tagebüchern, die sie seit Jahren führte, jede Ausschreibung mit den Worten: „Mit Gott" beginnt. Da beide Mädchen sich als gut veranlagt bewiesen, ließen die Verwandten sie eine höhere Töchterschule und das Lehrerinnen- Seminar in Breslau besuchen, in dem sie auch die Staatsprüfung ablegten. Aber noch nachhaltiger als die Eindrücke, die sie in der Schule empfingen, waren jene, die sich ihnen im Hause ihres Oheims einprägren, der als angesehener Politiker und auch literarisch vielfach tätiger Mann in freundschaftlichem Verkehr mit einer großen Anzahl von Schriftstellern, Künstlern und hervorragenden Männern des öffentlichen Lebens stand. So gehörten zu seinem Freundschaftskreis Männer wie: Eduard Lasker, Berthold Auerbach, Karl von Holtet, Leopold Zunz, Abraham Geiger, Bernstein, Kuranda, L'Arronge u. a. Auch viele damals gefeierte Künstler insbesonders Bühnenkünstler kamen in sein Haus, in dem infolgedessen eine wissenschaftliche und künstlerische Atmosphäre herrschte, welche die beiden begabten^ und für alles Ideale empfänglichen Mädchen mit Gier in sich aufnahmen. In der Zeit, in der andere Mädchen ihre Freude in geselligem Verkehr und fröhlichen Unterhaltungen finden, hatten sie nur eine Freude: Bücher, e i n Vergnügen: das Theater und so gewannen sie bald einen Fond von Wissen und feiner Bildung, die ihnen in ihrem späteren Beruf recht zu statten kommen sollte. Als der Oheim im Jahre 1885 starb, ging Laura nach Wien, wo sie anfangs als Gouvernante ihren Lebensunterhalt fand. Später ließ sie ihre Schwester Nachkommen, und in dem Hang, eine eigene Selbständigkeit zu gewinnen, ließen sich die beiden den praktischen Leben gegenüber hilflos dastehenden Mädchen verleiten, trotz aller Warnungen wohlmeinender Verwandten und Freunde, ein Geschäft zu kaufen, dem sie nicht gewachsen waren und bei dem sie in verhältnismäßig kurzer Zeit fast ihr ganzes Vermögen einbüßten. Nunmehr besannen sie sich auf ihre literarische Begabung und brachten sich recht und schlecht mit der Feder durch das Leben. Emma hatte eine produktive Begabung. Sie schrieb unter dem Pseudonym Elit Felson, eine Anzahl Erzählungen für junge Mädchen, die auch in Buchform erschienen sind und viel Anklang gefunden haben. Außerdem zahlreiche Skizzen und Humoresken, die einen gesunden Humor und schlagfertigen Witz verrieten und deshalb in hervorragenden Tageszeitungen stets gerne gedruckt wurden. .Interessant ist es, daß zahlreiche dieser Skizzen der Norddeutschen iul Wiener Dialekt verfaßt sind, den sie trotz der kurzen hier verlebten Zeit vortrefflich beherrschte. — Auch ein Volksstück hat Emma verfaßt, das aber, trotzdem es von literarisch angesehener Seite günstig beurteilt wurde und trotz der warmen Befürwortung seitens des unvergeßlichen Burgschauspielers Emerich Robert, der mit den beiden Mädchen, die er durch Zufall kennen gelernt hatte, innigst befreundet war, auf keiner Bühne zur Aufführung gelangt ist. Im Mai 1900 starb Emma an den Folgen einer Operation, der ihr schwacher Körper nicht gewachsen war. Nun stand Laura allein. Sie verlegte sich mit eisernem Fleiß auf die Uebersetzungskunst. Mit wirklich auserlesenem Geschmack und feinsinnigem Empfinden übte sie ihren Beruf aus. Sie war die erste, die Gorkis „Nachtasyl" (die Novelle, nicht das Drama) unter dem Titel „Im Asyl für Obdachlose" ins Deutsche übertrug, allerdings ohne jenen materiellen Vorteil dabei zu finden, der ihr wohl zu gönnen gewesen wäre. Allen geschäftlichen Dingen stai d sie mit der Naivität eines Kindes gegenüber, aber in einem Gemisch von Feingefühl und Eigensinn verschloß sie sich dem Rate erfahrener Freunde, dessen Befolgung ihr manche Enttäuschung erspart, manchen Erfolg bescheert Anmerkung: Ein Lebensbild derselben aus berufener Feder erschien in unserer Wochenschrift 1909. hätte. Neben zahllosen Skizzen, die in verschiedenen Tages- und Wochenblättern zerstreut sind, gab sie auch Novellen von Francois Coppee, der G y p, den großen Roman „Kinderschule" von F r a p p i e u. A. heraus. Auch ein Schauspiel des in Rußland bekannten Dramatikers Protopopow wurde von ihr ins Deutsche übertragen und sogar auch aufgeführt, fand aber keinen Anklang, woran allerdings nicht die Uebersetzung. sondern das spezifisch ruffische Verbältniffe behandelnde und deshalb Deutsche weniger interessierende Thema Schuld trug. Bei allem angestrengten Fleiße — sie arbeitete fast täglich bis tief in die Nacht — hatte Laura Feil stets mit materiellen Sorgen zu kämpfen. Trotzdem war sie glücklich! Sie ertrug alle Entbehrungen leicht, da sie keine Bedürfnisse hatte; das einzige Vergnügen, das sie sich gönnte, war das Theater und auf dem Olymp der ersten hiesige» Bühnen war sie eine bekannte Figur. In dem Stammkaffeehaus, in dem sie seit 20 Jahren jeden Vormittag bei einem Berg von ausländischen Zeitungen saß, die sie auf der Suche nach „Material" dürchstudierte, und in dem kleinen Kabinettchen, in dem sie hauste, fühlte sie sich trotz des Mangels an Komfort bei ihren Büchern wohl und glücklich. Sie war eine begeisterte Anhängerin aller sozialen Fortschritte, besonders der Frauenbewegung und konnte mit Eifer und Geschick die modernen Bestrebungen des weiblichen Geschlechtes verteidigen. Vielleicht hätte sie die Fähigkeit besessen, auch auf der Rednerbühne ihre Anschauungen beredt zu vertreten, aber eine stete Angst, daß ihre unglückliche Figur den Eindruck ihrer Worte stören könnte, hielt sie stets davor zurück. So brachte sie strll und bescheiden für sich, aber nicht vereinsamt, ja ein klein wenig Bohemienne, ihre Tage dahin, bis' sie an einem schönen Frühlingsmorgen, knapp bevor sie den letzten Federstrich an der Uebersetzung eines großen Romans gemacht, mitten bei der Lektüre ihrer Zeitungen vom Schlage getroffen wurde, deffen Folgen ihr schwacher Körper nach kurzem schweren Leiden erlag. Am späten Nachmittage des 1. Mai, während im Prater die Massen des armen Volkes, das sie gleicherweise geliebt und im Gefühl ihrer körperlichen Schwäche gefürchtet hatte, sich lärmend vergnügten, wurde sie am Zentralfriedhof neben ihrer von ihr so verehrten und geliebten Schwester beigesetzt. Keine offiziellen Vertreter der literarischen Welt oder der Presse begleiteten die bescheidene Schriftstellerin auf ihrem letzten Wege, aber in dem immerhin stattlichen Häuflein des Leichenzuges befand sich kein einziger, der nicht der Toten wahrhaft freundschaftlich gesinnt gewesen wäre. Noch war das fröhliche Osterfest nicht zu Ende und darum war es den Geistlichen verwehrt, an der Bahre des frommen Geschöpfes ihren Wert zu würdigen. Aber die Worte, die einer der Freunde ihr zum Abschied nachrief, fanden tiefen Widerhall in den Herzen der Trauernden und jeder empfand es als ungeschminkte Wahrheit, als er mit den Worten schloß: Wenn Laura Feil auch selbst nicht zu den erhabenen Meistern zählt, in deren Geist sie mit so viel Liebe und Verständnis einzudringen wußte und deren Gedanken und Worte sie so feinsinnig zu verdolmetschen verstand, so hat doch ein Hauch von der Unsterblichkeit jener Groben auch sie berührt und ein Reis lein von Lorbeer wird auch aus ihrem Grabe blühen! Sie ruhe sanft. Nemor. Starke Muskeln oder scharfer Verstand? Der französische Gelehrte Jean Charpentier hat in der Zeitschrift »1,6 Monde des Sciences« einen interessanten Artikel veröffentlicht, dem wir die folgenden Angaben entnehmen: Im Altertum haben sich die Juden nicht ausgezeichnet auf dem Gebiete des Verstandes, wie z. B. die Griechen, wohl aber auf dem Gebiete des Gefühls durch ihre Poesie und ihre Religion. Während die Griechen der Welt große Denker, wie Pythagoras Sokrates, Aristoteles und Plato gegeben haben, wurden von den Israeliten Männer wie Jesaja, Jeremija, Amos und andere große Propheten hervorgebracht, deren Schriften unsterblich sind. Aber zur selben Zeit, wo Griechenland der Welt tiefsinnige Philosophen gab, hat es auch eine Reihe großer Dichter geliefert, anfangend mit Homer. Zudem hat Griechenland damals die großen Athleten in der Welt gehabt. Die Muskeln der Griechen waren zu jener Zeit so sehr entwickelt, daß sie die stärksten Männer aufzuweisen batten. Anch die Juden gaben sich in der damaligen Zeit gerne körperlichen Uebungen hin und hatten starke Muskeln. Der jüdische Mann war von großer Körperkraft, und die Welt hatte Respekt vor ihm. Zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels hatten die Römer die höchste Stufe militärischer Kunst und Körperentwicklung erreicht infolge ihrer gymnastischen Uebungen. Wenn wir die Bildwerke studieren, welche den Feldzug des Titus und den Krieg und die Eroberung von Juda darstellen, so machen wir eine merkwürdige Entdeckung: Die jüdischen Gefangenen, welche von den hochgewachsenen und breitschulterigen Römern in die Gefangenschaft geführt werden, sind gerade so hochgcwachsen und breitschulterig als die Römer. Aber das ist noch nicht Alles. Die Römer, die den Krieg gegen die Juden mitgemacht haben, werden nicht müde, zu erzählen von der seltenen Kraft und der gewaltigen Ausdauer der Juden.