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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-06 · 18 (6.5.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 308 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 18 indem sie dem Staatskirchentum einen Tribut leisteten, — das Opfer des Intellektes. Für den Kampf gegen den Klerikalismus haben sich diese Männer selber disqualifiziert. Die entscheiduugsvollen Kämpfe, welche bevorstehen, fordern Heroismus, Opfermut und Entsagung, Männer mit starkem Rückgrat, die eventuell auch das Wort Luthers sprechen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders" — nicht aber Leute, die auch anders können. Der intransigente Jude ist der natürliche Kampfgenosse für die Trennung des Staates von der Kirche; der für „konfessionslos" erklärte, oder der „Taufjude" mag noch so laut: „Nieder mit den Klerikalismus" rufen,, er hat seine Schwäche gegenüber der Intoleranz, seine Neigung und Beanlagung zu transigieren zu deutlich bekundet, als daß er geeignet wäre, Rufer im Streite gegen Intoleranz und Reaktion zu sein. Es sind Leute, die sich gerne „ausgleichen", die schon darum auf ein uneingeschränktes Vertrauen keinen Anspruch haben. Von diesen Erwägungen habe ich mich bei der gestrigen Abstimmung leiten lassen. Auch das Herrenhausmitglied L o b m a y r, ein Greis von 85 Jahren, Ehrenbürger der Stadt Wien, hat es sich nicht nehmen lassen wollen, zur Wahl zu gehen, um für Ihre Kandidaten seine Stimme abzugebeu. Es soll ihm iudeß, wie man sich erzählt, schlecht ergangen sein; ein robuster Agitator des Dr. Neumann hat dem alten Herrn den Stimmzettel aus der Hand gerissen! Genehmigen Sie den Ausdruck besonderer Verehrung Ihres ergebenen K. Z., Wähler des I. Wahlkörpers in der Innern Stadt. (Der Name des Einsenders ist der Redaltion bekannt.) Die Geintemderatswahl auf der Wieden. Während die jüdischen Wähler im ersten Bezirk sich ein Ruhmesblatt erstritten haben, kann man von unseren Glaubensgenossen in den äußeren Bezirken nicht behaupten, daß sie den Moment erfaßt haben. Die auf der Wieden, dem IV. Gemeindebezirke, als fortschrittliche Kandidaten aufgetretenen Männer, Professor Eduard Lubinka, kais. Rat . Wilhelm Pollak und Friedrich Schmidt, stellten sich mit der sicheren Aussicht, als Zählkandidaten zu gelten, zur Verfügung des Wahlkomitees. Und das Resultat? Den freiheitlichen Kandidaten fehlten 18 resp. 30 Stimmen zur Majorität und wie leicht wäre diese, wie es sich jetzt herausstellt, zu erreichen gewesen, wenn alle fortschrittlichen Wähler ihre Pflicht getan hätten und bei der Wahlurne erschienen wären. Nicht von den fortschrittlichen Wählern christlicher Konfession wollen wir hier sprechen, wenn auch diese viel zahlreicher hätten kommen können, vielmehr von den jüdischen Wählern, die das größte Interesse daran haben sollten, mehr freiheitliche Vertreter im Gemeinderate zu sehen. Laut Ausweis des dem Wahlkomitee zur Verfügung stehenden Verzeichnisses haben sich 73 jüdische Wähler an der Abstimmung nicht beteiligt, und wenn nur die Hälfte dieser Wähler ihrer Pflicht genüge getan hätte, so wären die freiheitlichen Kandidaten gewählt worden. Unsere Glaubensgenossen sind allerdings durch die Mißerfolge bei den Wahlen des letzten Jahrzehnts leider derart deprimiert, daß man ihre, den Agitatoren gegebenen, Antworten, wie: „Es wird ohnehin keinen Erfolg haben..." „Auf meine Stimme kommt es bei der Aussichtslosigkeit nicht an..." wohl begreifen, wenn, auch nicht billigen kann Doch das steht unbedingt fest, daß die Juden den Weg zur Wahlurne nicht hätten scheuen dürfen, besonders, wo an der Spitze der freiheitlichen Kandidaten ein bewährter und treuer Glaubensgenosse stand. Es war ein trauriges Zeichen der Indolenz, ein betrübendes Zeugnis der Teilnahmslosigkeit an dem öffentlichen Leben. Vom Aabrmarkt des Lebens. Wo bleibt der Staatsanwalt? Wien. 29. April 1910. Geehrte Redaktion! Im „Kikeriki" vom 28. v. M. lese ich in der Rubrik „Gistmordarten" auch nachfolgende Glosse: „Das beste antisemitische Programm ist der Pogrom." Der Herr Staatsanwalt dürfte wohl diese äußerst gefährliche und aufhetzende Glosse übersehen haben. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet Ihr ganz ergebener _ I. W-r. Laura Feil. Wie die Theaterpremieren, so haben, auch die Vo.träge ihr Stammpublikum. Da sieht man immer wieder dieselben Gesichter: Alte würdige Herren, welche die Muße der Pension benützen, um die durch langjährige Berufsarbeit unterbrochenen Studien der Jugend wieder aufzunehmen, Studenten, die sich nicht an dem zur Prüfung notwendigen Pensum genügen lassen und die jede Gelegenheit benützen, ihre Kenntnisse zu erweitern. Fachgenossen die dem Redner applaudieren oder ihm etwas am Zeuge flicken wollen, Schöngeister und elegante Damen, die einen Gesprächsstoff suchen, mit welchem sie bei dem nächsten Jour glänzen können, Streber und andere Leute, He überall dabei sein müssen und bemerkt werden wollen, um am nächsten Tage als „Anwesende" in der Zeitung zu stehen. Neben allen diesen sieht man da aber auch immer wieder ein Häuflein meist bescheidener und unmodern gekleideter Frauen und Mädchen, die ihre großen Augen nicht vom Antlitz des Vortragenden wenden, die mit gespannter Aufmerksamkeit an seinen Lippen hangen, daß nur ja keines seiner Worte ihnen entgehe, die mit Begeisterung das Neue, das Schöne in sich aufnehmen und die zum Schluffe sich kaum vom Saale trennen können, den sie in eifriger Erörterung des behandelten Stoffes nur langsam und zögernd zu verlassen sich entschließen. Es sind dies meistens Menschen, die schon in der Jugend Sorgen und harte Arbeit kennen gelernt haben und denen es darum nicht vergönnt war, sich jenes so beiß begehrte Wissen anzueignen, welches anderen wohlhabenden Kindern oft widerwillig eingetrichtert werden muß. Nun suchen sie in den kärglichen Mußestunden ihre Kenntnisse zu bereichern, ihr Wissen zu vertiefen, und wo immer sich ihnen Gelegenheit bietet, einen Schatz von Bildung in sich aufzunehmen, der auf diese Weise unsystematisch ihnen geboten, aber umso dankbarer von ihnen ausgenommen wird und der sie beglückt, weil er sie über die Misere des täglichen Lebens hinaus trägt. Unter diesen Habitues der Vortragssäle Wiens war auch viele Jahre lang regelmäßig ein älteres Mädchen zu bemerken, das durch ihre kleine schlechtgewachsene Figur auffiel, mit der ihre gescheiten braunen Augen und ihr lebhaftes Wesen kontrastierten. Allerdings hielt sie sich meist im Hintergründe und man sah ihr die Aengstlichkeit an, die Menschen, welche im Leben viel herumgestoßen werden, nicht los zu werden vermögen und die bei ihr besonders scharf ausgeprägt war, weil ihr der rohe Hohn und Spott, mit dem sich gemeine Gemüter über körperliche Schwächn leider oft genug lustig machen, nicht erspart geblieben war. Aber trotz aller Zurückhaltung konnte es doch nicht unbemerkt bleiben, daß ein reicher und über das gewöhnliche Maß hochgebildeter Geist in diesem von der Natur so stiefmütterlich behandelten Körper wohnt, und gar mancher der Vortragenden Gelehrten zog das unscheinbare Mädchen gern ins Gespräch und hatte eine Freude an dem tiefen Verständnis, das sie seinen Ideen entgegenbrachte. L a u r a F e i l — so ist der Schriftstellername der Geschilderten, ihr bürgerlicher Name lautet Laura Feibelsohn — war ein Original nicht nur durch den Gegensatz ihrer körperlich n Erscheinung zu ihrer geistigen Potenz, sondern auch wegen der Unstimmigkeit, die zwischen ihrer Bildung und ihren oft ans Lächerliche grenzenden Anschauungen herrschte, durch den Kontrast ihres nicht geringen Wissens und ihrer Weltfremdheit in allen Fragen des praktischen Lebens und durch ein eigentümliches Gemisch von geistiger Ueberlegenheit und kindlicher Unbeholfenheit. Sie war eine jener rührenden Figuren, wie man sie in den Romanen von Charles Dickens findet, eine jener Gestalten, die bald das Lachen herausfordern, bald Tränen in die Augen locken. Auch das Schicksal hat sie halb mit rauher Faust, halb mit sanfter Hand angefaß; es hat ihr einen kranken, verunstal-- teten Körper gegeben, sie früh des sorgenden Vaters, der liebenden

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