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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-06 · 18 (6.5.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 307 Am 21. Jänner publizierte die „Oesterr. Wochenschrift" in Nummer 3 dieses Jahrganges an leitender Stelle einen Artikel: „Die Kandidatur des N. v. Fürth", in welchem nachdrücklich genug erklärt wurde: „Lin Jude, der eiueu Funken Ehre im Leibe hat, kann diesen Fahnenflüchtigen, die sich vor aller Welt von uns losgesagt haben, kein Vertrauen votieren, keine Stimme geben; ja, dass diese Leute es wagen, von den Juden eine Ehrenstelle für eine ‘öffentliche Körperschaft haben zu wollen, das ist mehr als unerhört, das ist eine Provokation seitens dieser Leute und des Wahlkomitees. Es ist in mehreren Fällen geschehen, am krassesten wohl im Falle des Advokaten Dr. B. v. Fürth. Dieser Mann wurde als Jude von den Juden in den Gemeinderat entsendet. In der Zeit der Ausübung seines Mandates gab er plötzlich den Antisemiten ein Beispiel von jüdischer Gesinnungstreue, den Juden ein Beispiel von Ehrlichkeit, indem er aus dem Judentume austrat. Wer ist pünktlich wieder da und bewirbt sich um die jüdischen Stimmen zur Wahl in den Gemeinderat? Der Ritter von Fürth. Wir passen ihm sonst nicht, aber als Wähler passen wir ihm. Hoffentlich wird man die Juden noch von diesem merkwürdigen Kandidaten befreien.“ Am 28. Jänner (Nr. 4) war an gleicher Stelle zu lesen: „Man beleidigt uns Juden in einem unerhörten Masse, indem man uns Täuflinge und Abgefallene als Kandidaten aufzwingt.“ „Nichts kann den Abfall und die Fahnenflucht schlimmer fördern, als die Wahrnehmung, dass der feige Verrat mit Vertrauens¬ und Ehrenämtern honoriert wird.“ Am 4. März (Nr. 9): „ln bezug auf die Kandidatenliste im ersten Bezirk aber erklären wir nochmals, dass die Juden eher Antisemiten als Fahnenflüchtige und Renegaten wählen dürfen. Die Aufstellung zweier aus dem Judentum geflüchteten Kandidaten heisst nichts anderes, als die Juden auffordern, den feigen, ehrlosen Verrat durch ihre Abstimmung vor Gott und der Welt zu sanktionieren. Die Königsmacher, die vor der winzigsten christlichen Minorität so viel Respekt haben, scheinen das Ehrgefühl der jüdischen Wähler gar zu gering zu taxieren.“ In Nr. 14 vom 8. April meldeten sich dann auch mehrere Wähler, die erklärten: „Wir können unsere 8timmen unmöglich Männern geben, die ihre Glaubensgemeinschaft schnöde verlassen und die daher nicht, die moralische Kraft besitzen können, eine grosse Wählerklasse zu verteidigen, die wegen eines Glaubens Ungerechtigkeiten erdulden muss, den sie selbst verleugnet haben.“ „Mit aller Energie aber werden wir gegen einen der Kandidaten ankämpfen, der, trotzdem er bei der letzten Wahl von den Juden als Jude gewählt wurde, dann im Besitze des Mandates es nicht mehr mit seiner Würde für vereinbart hielt, im Judentume zu verbleiben.“ Die Herren Noske und Genossen pochten auf die vermeintl'che Macht der in ihrem Komitee vereinigten Parteien, der sogenannten „Fortschrittsfreunde", der „Deutschdemokraten" und der „Verbände der Großindustriellen", sie wußten sich im Besitze einer altbewährten Wahlorganisation und rechneten auf die traditionelle Parteitreue der jüdischen Wähler, denen man einreden wollte, daß Parteidisziplin höher stehe als die Pflichten der Ehre und des Gewissens. Vorsichtshalber hat mau mit der Nominierung der Kandidaten lange gezögert und die Beschlüsse erst kurz vor dem Wahltage offiziell bekanntgegeben — offenbar, um den etwaigen Unzufriedenen keine Zeit zu lassen, sich zu sammeln und zu organisieren. Man stand zehn Tage vor der Wahl, als einige wenige Männer zunächst zu einem kleinen Komitee zusammentraten, und diesen wenigen Leuten gelang es, ohne sonderliche Mühe die ganze Macht der im Bezirkswahlkomitee vereinigten Parteien und Organisationen wie ein Kartenhaus über den Haufen zu blasen. Daß der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern mit seiner ganzen Persönlichkeit in diesem historischen Moment als Führer und Bahnweiser den Wählern voranschritt, daß autoritäre Organisationen, wie die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" und der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" dem kleinen Komitee mit Resolutionen und Kundgebungen helfend, fördernd und unterstützend beigesprungen sind, hat dieser kurzen Wahlbewegung einen Glanz und eine Weihe verliehen. Alle die Männer, welche ihre Tatkraft und Energie, ihre Begeisterung und ihren Enthusiasmus in den Dienst dieser guten Sache gestellt und mit zielsicherer Gewalt sie zum Siege geführt haben, sie dürfen von dem stolzen Bewußtsein beseelt sein, daß ein günstiges Geschick sie in einem glücklichen Moment Großes hat vollbringen lassen. Die „Oesterr. Wochenschrift", die seit Monaten bemüht war, das schlummernde Gewissen wachzurütteln, die Stimmung vorzubereiten, daß in dem geeigneten Momente alle sonst auseinanderstrebenden Elemente, von einem gleichen Empfinden beseelt, zu gemeinsamem Willen und gemeinsamer Tat rasch sich einigten, sie stand der kleinen Schar wackerer Männer, welche die Last der Arbeit auf sich genommen, unentwegt zur Seite, ratend, ermutigend, aneifernd, wegweisend; sie war ihre einzige, publizistische Vorkämpferin; die „Oesterreichische Wochenschrift" darf diese erfolgreiche, publizistische Kampagne seit dem 21. Jänner bis zum sieggekrönten 29. April ihren schönsten und kostbarsten Erinnerungen einreihen. Kan« ein echt freisinniger Christ einem getauften Inden bei politische« Wahlen seine Stimme gebe»? Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien. 30. Apnl 1910. Sehr geehrter Herr Dr. Bloch! Ihr gedankenreicher und so überaus belehrender Artikel: „Renegaten als Mandatswerber vor jüdischen Wählern" ist mir erst als Sonderabdruck zusammen mit der Kundgebung d s „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" bekannt geworden und es drängt mick von meinem Standpunkt, dem eines freisinnigen Christen, Ihnen meinen Dank für diesen Artikel und meine Zustimmung zu seinen Grundgedanken auszudrücken. Mit Freiherrn von Hock stimme ich darin überein, daß aus der Politik wie aus der staatlichen Verwaltung die Frage nach der Konfession des Einzelnen vollständig auszuscheiden habe. Das Arbeitsziel aller fortschrittlichen Männer bildet darum die Laisierung des Staates und seine vollständige Emanzipation von der Kirche. Vorbild in dieser Art Verfassung ist der vereinigte Staatenbund von Nordamerika. Daselbst verlebte ich zirka 12 Jahre, verkehrte viel mit amerikanischen Juden, habe dort niemals von solchen Religionswechselgeschäften vernommen, wie sie hier bei uns zu Lande gang und gäbe geworden. Ebensowenig hörte ich dort je, daß sich je einer für konfessionslos erklärt hat. Wozu auch solche „Erklärung?" Es genügt dem. der religiöse Hebungen mit seiner wissenschaftlichen Weltanschauung nicht vereinbarlich hält, diesen Religionsübungen ferne zu bleiben, eventuell bestimmt er in letztwilliger Verfügung, daß auch bei seiner Beerdigung kein Geistlicher interveniere. Wenn in Oesterreich das anders ist, so ist das lediglich die Konsequenz der zur Herrschaft gelangten Reaktionsmächte, der antisemitischen Parteidoktrin und endlich des konfessionellen Charakters der Staatsgewalt. Durch Austritt aus dem Judentum tendiert man, den Unannehmlichkeiten und Nachteilen, die rn Oesterreich mit der Zugehörigkeit zum Judentum verbunden sind, zu entgehen —; man entzieht sich der Verfolgung dadurch, daß man mit den herrschenden Vorurteilen sich abfindet, der staatlichen Intoleranz ein Opfer bringt, sich und seine Kinder aus der Schußlinie des Kampfes zurückzieht. Ohne Ihr scharfes Urteil über die Männer, welche die Reihen der verfolgten Brüder verlassen, mir anzueignen, muß ich bekennen, daß auch freisinnige Christen, — vorausgesetzt, daß es ihnen um den Kampf gegen den Klerikalismus ernst ist und sie nicht geneigt sind, der staatlichen Intoleranz Konzessionen zu machen, bei poli? tischen Wahlen Männern ihre Stimmen nicht geben dürfen, welche mit diesen Gewalten privatim sich abgefunden haben.

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