Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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kette 80« Dr. Blochs Wochenschrift. preisgegebenen Juden aber halten ihnen den Rückweg in unsere persönlich- Gesellschaft immer offen. Das solltwohl die Ueberläufer sehr dankbar und zufrieden stimmen. Aber mit dem ihnen eigentümlichen Charakter wagen sie es noch, sich über alle Begriff: von Zukömmlichkeit und Anstand zu erheben. Es genügt ihnen nicht, geduldet zu sein, sie stellen noch Forderungen und entwickeln in jüdischen Kreisen ein unglaubliches Strebertum. Ein überaus krasses Beispiel dafür war nun eben die Wahl im ersten Bezirke. Ein großes, aus allerlei Gruppen und Cliquen zusammengetrommeltes Komitee wagte es, der jüdischen Wählerschaft den ausgetretenen Dr. R. v. Fürth und den ausgetretenen Dr. Neumann als Kandidaten zu präsentieren. Die freisinnige Parteileitung, stets mit Begeisterung bereit, eine politische Ungeschicklichkeit zu machen, drückte ihr großes Dalai Lama-Siegel auf diese Bewerbungen, und rasch schoß auch der Hofrat Hock aus dem Hintergrunds hervor, um zugunsten der getauften Kandidaten die große Bummerin der „Disziplin" zu läuten. Aber auch der freisinnige Parteipapst mußte die Erfahrung machen, daß die Juden nicht das Stimmvieh sind, für das sie von der übermütig gewordenen liberalen Parteileitung gehalten werden. Trotzdem sich die sogenannten großen Organisationen machtvoll zusammengetan hatten, um Neumann und Konsorten unter die schützenden Fittige zu nebmen. wurden sie hinweggefegt, trotz Aufwendungen von Geld und von Schuhsohlen der feinsten Herren über den Haufen geworfen, trotzdem die Gegenseite erst einige kur^e Tage lang Zeit gehabt hatte, sich zu organisieren und aufzutreten. Woher aber kam der triumphierende Erfolg? Weil der in den Wählern schon lange brodelnde Unwille gegen die Täuflinge und ihr freches Unwesen mit vulkanischer Kraft zum Ausdruck kam. Es war nicht eine Wahl, es war eine Demonstration, eine wilde Gegenwehr der ehrlichen Inden gegen die Kreise, welche ans lauter Feigheit zu Verrätern ihres Volkes werden. Da half den übergetretenen Individuen das geradezu blödsinnig komische Sch'agwort nicht, das sie ihren Gegnern mit einem recht matten und kalten Blick entgegenschleuderten: „Kultusjuden!!" Man bedenke nur diesen Aberwitz! Die. Partei der Täuflinge wirft den ehrlichen Juden ihr' Judentum vor. Die Partei der Täuflinge will mit ihrem Lljassischen neuen Schlagwort sagen, daß die Männer, welche sich selbstlos um die jüdische Gemeinde bemühen, verächtlich sind und djaß die Ehren, welche die Juden zu vergeben haben, ihnen, den Täuflingen, zur Belohnung für die Taufe gehören! Aber sie haben kein Glück gehabt, diese Herren. Unter der Führung Dr. Alfred Sterns, der als Präsident der Kultusgemeinde nicht nur das Recht, sondern die strenge Pflicht zum Eingreifen hatte, wurde der perfiden Abfallsbewegung eine schwere Niederlage beigebracht. Die Wiener Judenheit erzwingt sich die ihr verweigerte Achtung, indem sie durch imponierend- Einigkeit den starken Beweis geführt, daß sie die Selbstachtung nicht eingebüßt hat. Das Ergebnis des Wahlkampfes. Der Wahlkampf im ersten Wahlkörper der City, darauf diesmal alle Aufmerksamkeit der Wiener und österreichischen Juden sich vornehmlich konzentrierte, fand seinen Abschluß inbezug auf die umstrittenen Kandidaturen mit folgendem, unerwartet glänzendem Resultat. Gewählt wurden Gemeinderat Alfons Herold mit 1181, Kultusvertreter Max Frank mit 1086 und Fabrikant Josef Stein mit 1036 Stimm n. Nr. 18 In der Minorität blieben die Kandidaten Gemeinderat Dr. Emil v. Fürth mit 624, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Wilhelm Reumann mit 587 und Kommerzialrat Rudolf Maaß mit 584 Stimmen. -KWä-, Die Kandidaten der vereinigten L§AgünisDmM des Vereines der Fortschrittsfreunde, Uder OeutschdeWiMaten und des Verbandes der Großindustriellen,- welche sich übHdies der Gunst und der Unterstützung - der großen, . liberalen Tagespresse zu erfreuen hatten, erhielten so ziemlich nur die Hälfte der Stimmen, welche die siegreichen Kandidaten eines improvisierten kleinen Wahlkomitees."auf sich vereinigten. Der Wahltag war ein Zahltag für eine gegen das Judentum begangene Felonie, er war ein Ehrentag für die Wiener Judenheit. welche eine ihr zugfügte Beleidigung mit niederschmetternder Gemalt zu sühnen gewußt hat. Der Ausgang dieses Wahlkampfes besitzt unvelkennbar eine hvhe, historische Tragweite und seine Nachwirkungen werden in der politischen Geschichte Wiens Jahrzehnte hindurch wohltätig zu verspür« sein. Das Verdikt der Wähler mit den imponierenden, erdrückenden Majoritäten, bleutet nichts Geringeres, als das e n d g ü l t i g e Ausscheiden der von dem Judentunie Abgefallenen aus dem politischen L e b e n W i e n s. Nicht so leicht wird es ein Renegat wieder versuchen, vor jüdischen Wählern als Mandatswerber anfzutreten Und da sie au arische Wähler ohnehin sich nicht heranwagen, so be^ deutet in Hinkunft der Austritt aus dem- Judentume d.n Verzicht auf politische Aspiration. Mit einer Deutlichkeit, die kaum mißverstanden werden kann, und so laut, daß man es weit über die Grenzen der Reichshaupt- und Rrsidenzstadt Wien vernehmen wird, haben die Wähler des ersten Wahlkörpers der City den Grundsatz proklamiert: „Wer sich von uns losgesagt hat, der bleibe uns fern. Ist ihm unsere Gemeinschaft lästig geworden und er unterfängt sich dennoch mit Hilfe von allerlei g Heimen Mächten und Gewalten als Kandidat sich uns aufzudrängen, so wird er mit dem gebührenden Fußtritt traktiert." Eines der interessantesten Momente in dem Verlauf des kurzen Wahlkampfes war denn auch unzweifelhaft die zum Durchbruch gelangte und vor aller Oeffentlichkeit sich manifestierende Solidarität der Renegaten der verschiedensten Kategorien, die vereint eine rastlose, geradezu verzweifelte Agitation betrieben. In diesen Kreisen hat man die hohe Bedeutung des Ringens sofort erkannt und im vollen Umfange gewürdigt. Auch ein Damenkomitee, ans Taufjüdinnen zusammengesetzt, unter Führung einer Frau Dr. Schlesinger, Gattin eines Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Alfred Schlesinger, entfaltete einen Feuereifer in der Propaganda für die Herren Dr. Fürth und Dr. Neumann. Daß diese Leute alle Anstrengungen machten, die Wähler mit sich fortzureißen, ist gewiß nicht zu tadeln; etwas zu viel des Guten nur war es, daß man sich nicht scheute, dem Büreaux des jüdischen Wahlkomitees die Telephondrähte zu durchschneiden und mehrere Stinkbomben nacheinander durch Emissäre heimlich in seine Räume bineinpraktizieren zu lassen. Daß die Herren Täuflinge und Taufkandidaten ihre kochende Wut gegen die „Oesterr. Wochenschrift" schwer bemeisteru können, darf man billigerweise nicht unrecht finden. Diesen Haß zu verdienen, haben wir redliche Arbeit aufgeweudet und die uns gewidmeten Schmähungen nehmen wir mit Genugtuung entgegen als eine ehrende Auszeichnung für erfolggekrönte Bemühungen. Ganz unbegründet hingegen ist der Groll der Herren Konstantin Noske und Genossen, die. von einem „Ueberfall" reden, dem sie zum Opfer gefallen sind. Wir haben die Herren nicht nur rechtzeitig genug, sondern auch oft genug auf die Gefahren der Situation und die unabwendbaren Konsequenzen der sich vorbereitenden Geschehnisse hingewiesen.