Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-05-06 · 18 (6.5.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021892--19249-3044221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18 Dr. Bloch’s IahrgansxLVll Zentralocoan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. — - —Oo? A. k. Pofisxsrkaffrnsint Sleartng-Verkebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wir« IXh, Hahngaffe Nr. 15. I) Telefon Nr. 14.847. QO . ■— Oo -n - n- Mie», 6. Mai 1910 LrscbeLnt jeden FreLtng. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. QG~ — =ÖO p Verngsprers für Oesterreich: C Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für s Bunlftitö: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. C nO- -Oo InhaltrLeitartikel: Eine Demonstration gegen Abfall und Taufseuche. — Das Resultat des Wahlkampfes. — Kann ein wahrer frei-' sinniger Christ einem getauften Juden bei politischen Wahlen feine Stimme geben? — Vom Jahrmarkt des Lebens: Wo bleibt der Staatsanwalt? Starke Muskeln oder scharfer Verstand s Heinrich Heine und die Frauen. Die Symbolik im alten Israel. — Korrespondenzen: Ein Verband der Tempelvereine. Professor Dr. Leopold Königstein. Auch ein Baustein! Wi§n- Fünfhaus. Israelitischer Hilfsverein „Maskil el dol". Neue Einwanderungs-Verordnungen in Kanada. Wien. Czernowitz. Paris. Demonstration jüdischer Soldaten. Jüdische Polizisten in Jerusalem. Neue Spenden des Herrn Moser. Institut für jüdische Musik in Jerusalem. Die Austreibung von 1200 jüdischen Familien aus Kiew. Die erste jüdische Lehrerin in Australien. Eine neue jüdische Lehrerin in Westkanada. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Eine Demonstratio« gegen Abfall und Taufseuche. Die letzten Gemeinderatswahlen im ersten Wiener Wahlkörper sind in mehr als einer Hinsicht sehr bemerkenswert. Sie wurden illustriert durch eine Reihe von auffallenden Tatsachen, welche wohl deutliche Zeichen neuer Verhältnisse sind. Vorerst auf antisemitischer Seite: Gehmann, der durchaus als Nachfolger Luegers gellen will, hatte es nur dem Erfolg von Wahlmysterien zu verdanken, dah er nicht überhaupt durchfiel. Der Mühldorfer Ehrenbürger Vergani wurde bei der Stichwahl samt der Parteileitung niedergestimmt, welche aus Furcht vor seinen Angriffen seine Kandidatur bei der Stichwahl nachträglich genehmigt hatte. Die „Reichspost" veranstaltete aus Freude über Verganis Fall Sonderausgaben. Solchen Rivalitäten gegenüber, welche in späterer Folge zuversichtlich einen weit gröheren Umfang annehmen und die Tore des christlich-sozialen Augiasstalles ganz aufreihen werden, ist es von weit geringerer Bedeutung, dah die freiheitlichen Parteien äe facto ein Mandat verloren haben. Sie hätten mehrere gewonnen, wenn ihre Wählerschaft ihre Pflicht besser verstanden hätte, und sie gewannen tatsächlich etwas, was den Verlust des einen Sitzes weitaus überwiegt: einen grohen Zustoh ganz unerwarteter freiheitlicher.Wählerstimmen iy bisher ganz schwarzen Bezirken. Das macht Mut und Arbeitslust für die Agitation und erhöht die Kampfstimmung für die Zukunft, deren Richtung nach der beginnenden Abbröckelung in der christlichsozialen Partei wohl vorausgesagt werden kann. Eine ganz besondere, eine spezifisch jüdische Bedeutung aber hat für uns der Wahlgang in der Inneren Stadt. Hier standen einander keine politischen Programme gegenüber — beide Parteien waren auf den Freisinn eingeschworen — wohl aber gewichtige Grundsätze und Prinzipien. Hier war das Schlagwort und der Kampfruf, der die Massen der jüdischen Wählerschaft versammelte, der Widerstand gegen eine Art von Elementen, welche das von ihnen formal verlassene Judentum seit langem vergiften. Täuflinge oder nicht? war im ersten Bezirk die Parole und die Juden haben mit einer Doppelmajorität den Deserteuren aus ihrer Gemeinschaft die Antwort gegeben, welche ein Aufbraufen des Unwillensgegen die schmachvolle Abfallbewegung war. Die jüdische Gutmütigkeit hat viel zu lange Geduld gehabt mit den Individuen, welche aus schmutzigem Geschäftsgeist oder noch schmutzigerer gesellschaftlicher Prostitution das Judentum verlassen. Der Uebertritt dieser Leute erfüllt aber seinen Zweck nur zum geringsten Teil. Er bewirkt' es, dah den Verkäufern ihrer nationalen oder religiösen Zugehörigkeit sich nur eine ganz bestimmte Stelle oder ganz bestimmte Salons öffnen. Mit dem gröheren Teil ihres materiellen und moralischen Daseins bleiben sie bei den Juden, da sie ja von den Christen nicht als vollwertig angenommen werden. Sie verkehren in unserer Gesellschaft, sie suchen, nachdem ihnen der Taufschein den Eintritt in ein Amt verschafft hat, bei uns die Protektoren für ihr weiteres Fortkommen. Und uns fällt es nicht ein, sie als minderwertig zu behandeln und sie von uns auszuschalten, trotz der Ehrlosigkeit, die in solcher Art Taufe liegt. Denn wie die Dinge liegen, haben wir nach vielen Fronten zu kämpfen, und wer uns dabei verläht, ist ein erbärmlicher Feigling. Weil wir das aber niemand fühlen lassen, bekommen immer mehr Leute die Kourage, sich das Leben bequemer einzurichten und das Judentum als Ballast über Bord zu werfen. Mögen sie immerhin gehen, wohin sie wollen. Wir Juden kennen keinen religiösen oder anderen Fanatismus und lassen jedermann nach seiner echten oder imitierten Fasson selig werden. Rur zurückkehren sollen die Täuflinge nicht. Sie haben unsere Fahne beleidigt, eine keineswegs vom Rabbiner, sondern von der Ehre geweihte Fahne, sie haben uns. ihre Verachtung gezeigt, sie wollen unser Schicksal nicht mitleiden. Nie mehr würden sie zu uns zurückkehren, wenn sie von der arischen Gesellschaft angenommen würden. Aber diese gibt uns die Täuflinge als ihren Ausschuh wieder zurück. Denn der Weg vom Judentum weg führt meist bis zum Taufbecken. Ins wirkliche Christentum .hinüber hat er selten eine Fortsetzung. Wir. von den Ausgetretenen und Uebergetretenen verratenen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.