Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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©cttc 302 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 17 kein Buch zur Hand und schrieb niemand in diesen Wochen. Alles in ihm war voll Ungeduld und Erwartung!... ' ' ' * * * Bym Dorfe her ertönt das Abendläuten und der Himmef erglänzt in einem Meer von Gold und Bronze. Dawid liegt im dichten Grase des Obstgartens und über ihm, in einer Hängematte, schaukelt Anna. Ihre dunkelbraunen Zöpfe berühren fast den Boden. ,»Änna," ruft er und erhebt sich mit einem plötzlichen Entschlüsse. „Ja," flüstert sie und will sich ebenfalls erheben. Aber er wiegt sie sanft hin und zurück, hin und zurück... Anna läßt es einige Minuten geschehen. Dann sagt sie leise: „Wir wollen ins Haus. Es wird dunkel." Sein Herz schlagt heftig, während er sie anblickt. „Annchen, wenn Sie wüßten, wie gut ich Ihnen bin," flüstert er und fühlt, wie es ihm heiß im Gesicht wird. Sie ist zu Boden gehüpft und steht hochaufgerichtet neben ihm. Plötzlich rafft sie die Röcke zusammen und eilt mit einer Hast ins Haus, daß er sie nicht einholen kann... -Der Mond wirft sein Silberlicht ins Gartenhäuschen. Dawid und Anna sitzen beim Lampenscheine in lautloser Stille und er liest ihr aus seinem Lieblings - dichter vor. Wie klingen ihm die Verse lieb und vertraut... Plötzlich kommt es wie ein Taumel über ihn. Er springt auf, preßt das überraschte Mädchen an sich und küßt es auf den Mund. Anna reißt sich los. „Sie sollen mich nicht küssen, ich will es nicht," ruft sie heftig, indem sie sich aus seiner Umarmung losmacht. Er sinkt in den Sessel zurück und ein Weh beschleicht ihn! Nun kann er nicht mehr sprechen, sondern blickt sie traurig an. Eine Weile sitzt sie schweigend neben ihm und geht dann in den Garten hinaus. Als sie wieder das Gemach betritt, erkennt er, daß sie geweint hat. Sie geht ans Fenster und er tritt zu ihr. „Sind Sie mir noch böse wegen des Kusses?" fragt er. Anna weint leise. „Ich Hab' Sie auch lieb," stößt sie endlich unter Schluchzen hervor und bedeckt das Gesicht mit den Händen... Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt, bis es ihm gelingt, sie zu beruhigen. Nun sitzen sie traulich beisammen. Fest hält er ihre Hand, die sie ihm willig überläßt, aber immer noch ist ihr Blick auf den Boden geheftet. Dann erklärt sie ihm alles und blickt ihn dabei treuherzig an. Bis zur Stunde hatte sie gar keine Gefühle für ihn, als sie ihn jedoch ganz verzweifelt dasitzen sah, fühlte sie plötzlich einen heftigen Schmerz. „Auch ich liebe ihn," kam ihr zum Bewußtsein. Da lief sie in den Garten und weinte sich aus... — — Die Wiesen liegen im Abendsonnenglanz. Arm in Arm schreiten sie über die Feldwege. Von Zeit zu Zeit blicken sie zu einander auf und drücken einander die Hände. „Aennchen," ruft er. „Was?" gibt sie leise zur Antwort. „Ich Hab' dich lieb." „Ich dich auch," lispelt sie und die schwarzen Augen strahlen. * * £ Doch eines Nachmittags, im Spätsommer, reiste Anna wieder fort. Als der Zug davonfuhr, stand Dawid einige Minuten stillsinneno und ging dann langsam über die sonnenerhellten Wiesen nach Haus. Ein warmer Duft drang durch das offene Fenster ins Zimmer. Dawid blickte in den Garten hinaus. Noch regte sich kein Gedanke in ihm, aber er fühlte, daß etwas! Trauriges geschehen war. Ein tiefes Weh wird kommen — in den nächsten Minuten vielleicht — bis er es überdacht haben wird. Jetzt war es schon etwas deutlicher: Eine Resignation beschlich ihn, daß er den Kopf neigen mußte und still seufzte und die Hand auf die Stirne legte. Doch hatte es noch nicht den Stachel des Schmerzes — bis es plötzlich klar vor ihm stand und Tränen seinen Blick verschleierten. Dann war er wieder ruhiger, schritt auf Und ab und sprach mit sich selbst. Ec dachte an die Menschen, denen er in seinem Leben begegnet war. Alle hatten in sein Schicksal eingegriffen, doch keiner war an seiner Seite geblieben. Sie waren tot oder auf andere Wege geraten, und er war verurteilt, allein und ungeliebt durchs Leben zu gehen. Erft jetzt kam es ihm recht zum Bewußtsein, wie leer sein Leben gewesen wäre, hätten ihm nicht die Träume Inhalt gegeben.- Doch wieviele seiner Wünsche hatte er mit matten Flügeln zu Boden sinken sehen! Als wären sie zu schade für die Wirklichkeit und nur dazu bestimmt, in seinem Innern ein stilles Dasein zu führen! Nun war auch Anna fort und er wird sie wohl nie mehr Wiedersehen! Es war nur ein Traum von Glück und Sonne gewesen; ein Lichtstrahl, der für kurze Zeit die Traurigkeit verbannte, dann verflog er wieder und zurück blieb nichts als die Erinnerung. Es war ein Traum! (Fortsetzung folgt.) Literatur. Religion und Religionen. J) Das Wesen der Religion zu bestimmen, ihr Werden und ihre Enttvicklnilg, haben die Denker aller Zeiten angezogen, und es fehlte nicht an Versuchen und Hypothesen, den ganzen religionsgeschichtlichen Bau auf my'tisch-allegorische Weise zu definieren und auszngestalten. .Das, woran sich der religiöse Mensch gebunden f ü h l t, ist eine übernatürliche, weltbeherrschende Macht. Damit wäre das Wesen der Religion näher bestimmt, wenn dis Gebundenseiu und. Fühlen bei den Menschen, vorzugsweise bei den alten, vorgeschichtlichen Menschen konstant und unverändert ge« blieben wäre. Allein, das Gefühl des Gebundenseins wechselte bei den Alten je nach dem Aeußern der Naturgewalten, der lokalen, physikalischen und astrophysikalischen Erscheinungen. Das Wesen der Religion hatte somit verschiedene W e s e n s b e g r i f f e, die zu keiner einheitlichen Darstellung führen konnten und können. Auch die etymologische Erklärung, „das Wesen der Religion sei das Gebundensein an Gott durch das Band der Frömmigkeit", hat das eigentliche Wesen der Religion nicht in seiner Tiefe erfaßt. Denn Frömmigkeit ist wohl eine Form der Religion, nicht aber ihr Wesen. Religion ist ein transzendentales Vehikel, mittelst dessen die physiologischen und soziologischen Gesetze und Erscheinungen erklärt werden sollen und können (vom Standpunkte der Religion). Die Bibel zum Beispiel tritt gewissermaßen mit eurem kategorischen Imperativ auf und fordert den jeden Zweifel ausschließenden Glauben. In der Zusammensetzung mehrerer solcher «kategorischen Imperative" liegt das eigentliche Wesen, der innere Wert oder Unwert der Religionen; und der Mensch, der diesem transzendentalen „Du sollst" seinen eigenen Willen, seine Gefühle und sein Denken bedingungslos unterordnet, ist „religiös". Durch eine soziale Verdichtung mehrerer religiöser Imperative entsteht dann die Volksreligion, die sich immer an die Beschaffenheit und Eigenart der Volksseele a n p a ß t, nicht aber umgekehrt. So mußte zum Beispiel der Monotheismus, der eine neue Weltauschauung kündete, den alten, in' den polytheistischen Religionen geübten Opferkultus in seine religiöse Praxis aufnehmen und mit monotheistischem G iste ausfüllen. -) Dieses Anpassungsvermögen einer Religion ist gewissermaßen das W e se n ihres Wesens. Es ist das „conditio sine qua non“ der Religionen, ohne welches ihr Lebensnerv zerstört würde. Der Zerfall der alten, primitiven Religionen war die natürliche Folge der Starrheit und Stabilität der religiösen Formen und der priesterlichen Träger der jeweiligen, religiösen Weltanschauung. Denn auch die lebensfähige, zukunftsichere Religion muß sich wie alle anderen großen Ideen in stetem Fluß und Werden bewegen. Die Naturbeseelung und Personifikation der Dinge waren ein mächtiger Hebel für die soziale Verdichtung und Verbreitung der 1) „Religion und Religion.n" von Otto Pfleiderer, München. Lehmanns Verlag. 2) Vergl. More Nebochim“ von Maimonides.